Musik für Sexisten

Eigentlich möchte man meinen, dass es auch in Zeiten der gegenderten Wissenschaft, sexistischer Videospiele und Geschlechterdiskriminierung an der Ladentheke zumindest eine handvoll an Themen geben muss, welche nicht dem Vorwurf des Sexismus und der Frauenfeindlichkeit anheimfallen. Doch schließlich sprach einst Popkultur-Kritikerin Anita Sarkeesian wie der Prophet vom Berge zu uns: Everything is sexist, everything is racist. Und frei nach diesem Motto agiert auch die Schweizer Frauenzeitschrift annabelle und nimmt sich in einem Artikel den „Sexismus in der Musikbranche“ vor.

Zu Beginn stellt Autorin Miriam Suter folgende Fragen:

Wo sind eigentlich die Frauen auf den grossen Bühnen? Diese Frage beschäftigt mich schon lange. Und warum scheint es für Musikerinnen im Allgemeinen schwieriger zu sein, Erfolg zu haben?

Doch bevor wir zum Inhalt der „Analyse“ von Frau Suter kommen, möchte ich einen kurzen Abstecher in das Reich der anekdotischen Evidenz vornehmen: Als langjähriger Hobbymusiker und ehemaliges Mitglied mehrerer Musik- und Bandprojekte ist mir persönlich die „Musikbranche“ in vielen Teilaspekten durchaus vertraut. Bereits in den Anfangsjahren meiner musikalischen Tätigkeit ist mir aufgefallen, dass bei der Suche nach passenden Mitmusikern die Auswahl weiblicher Teilnehmer signifikant geringer war als die Anzahl männlicher Optionen. Vor allem für das typische Schema Unterhaltungsmusik, mit Schlagzeug, E-Gitarre, E-Bass und Gesang, fanden sich meistens nur für Letzteres Musikerinnen, während sich für die drei bis vier übrigen Instrumente oftmals ausschließlich die Herren der Schöpfung auftrieben ließen. In meiner jungen Naivität hörte meine Verwunderung darüber jedoch schnell wieder auf und mir genügte die selber hergeleitete Erklärung, dass sich dieses Ungleichgewicht durch unterschiedliche Interessen und Vorlieben zwischen Männern und Frauen erklären lässt.

Oh, wie ungebildet ich doch war! Hätte ich nur damals schon die Gelegenheit bekommen mich darüber belehren zu lassen, dass die primären Gründe für diese ungleiche Geschlechterverteilung natürlich nur eins sein können: Sexismus und Frauenfeindlichkeit.

In diesem Sinne belehrt daher auch Frau Suter einen nicht namentlich genannten Bekannten in ihrem Artikel über dieses „Sexismusproblem“:

It’s a Man’s World

„Was ist denn dein Problem, Frauen sind ja momentan in den Charts sehr gut vertreten“, meinte letztens ein Bekannter zu mir. Das mag stimmen. Aber diese Tatsache verstärkt eigentlich meine Frage: Warum sind sie dann beispielsweise an den Festivals nicht ebenso sichtbar? Fest steht: Die Musikwelt ist eine Männerdomäne. An den diesjährigen Musikfestivals in der Schweiz siehts jedenfalls grösstenteils mau aus mit dem Frauenanteil. Am Open-Air St. Gallen treten 42 Acts auf, darunter 14 Frauen – solo, als Teil einer Band oder als DJ. Am Zürich Openair steht zwar noch nicht das ganze Programm, der aktuelle Stand ist aber dennoch ernüchternd: Unter den 16 bestätigten Acts sind 2 Frauen. Nicht ganz so gravierend, aber ähnlich sieht es nach aktuellem Stand der bestätigten Acts am Gurtenfestival aus: Unter den 51 auftretenden Bands findet man elf Frauen.

Mein naives, jüngeres Ich möchte jetzt antworten: „Na ja, wenn im Durchschnitt weniger Frauen zu Schlagzeug, E-Gitarre und E-Bass greifen, dann muss doch allein dadurch schon ein quantitativer Unterschied entstehen, welcher sich natürlich auch in der Anzahl an Frauen auf Festivalbühnen niederschlägt“. Besonders dann, wenn die erwähnten Festivals mehrheitlich Bands einladen, die diesem Schema der Instrumentenverteilung folgen.

Das findet auch Philippe Cornu, der im nächsten Absatz zu Wort kommt:

Philippe Cornu bucht die Bands fürs Gurtenfestival und sagt: „Es gibt unbestritten weniger Musikerinnen als Musiker, die E-Gitarre, Schlagzeug oder Bass spielen. Gesang und Keyboards sowie Saxofon sind unter den Frauen eher verbreitet.“

Und er fügt hinzu:

„Wir achten im Bookingprozess nicht zwingend auf das Geschlecht, sondern darauf, welche Band, Musikerin oder Musiker gefällt, passt und auch auf Tour ist.“

Etwas schwammiger ist dann jedoch seine Erklärung dafür, warum weniger Frauen zu den genannten Instrumenten greifen:

„Warum dies so ist, hat geschichtliche Hintergründe in der gesellschaftlichen Entwicklung und der Stellung der Frau.“

Dass z.B. restriktive Geschlechterrollen in der Vergangenheit Frauen mit hoher Wahrscheinlichkeit davon abgehalten haben eine Musikerkarriere ins Auge zu fassen, wodurch auch das Erlernen eines Instruments obsolet wurde, ist kaum abzustreiten (Nachtrag: Das galt zumindest für Frauen, die nicht Teil des gehobenen Bürgertums waren; siehe Hausmusik). Ähnliches sollte jedoch auch für Männer gegolten haben, denn die kostengünstige Massenproduktion von Musikinstrumenten, sowie die Möglichkeiten der analogen und digitalen Tonaufnahme sind erst mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts Realität geworden. Die Anzahl der Instrumentalisten sollte sich vor dieser Zeit also stark in Grenzen gehalten haben, da nur für wenige überhaupt die finanziellen Möglichkeiten und Erfolgsaussichten bestanden einen solchen Karriereweg einzuschlagen. Ganz zu Schweigen davon, dass die besagten Instrumente (Schlagzeug, E-Gitarre und E-Bass) in ihrer heute noch gebräuchlichen Form erst im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden. Es können daher maximal die letzten 80 Jahre der „geschichtlichen Hintergründe in der gesellschaftlichen Entwicklung“ als Erklärung für das Geschlechterungleichgewicht herangezogen werden.

Insofern sich diese Argumentation als korrekt erweist, sollten wir außerdem Veränderungen dieses Ungleichgewichts finden; im besten Fall korreliert mit den Veränderungen der gesellschaftlichen Stellung der Frau. Wenn man sich allerdings die spärliche wissenschaftliche Literatur über dieses Thema anschaut, wird man überrascht. So schreibt Hal Abeles in seiner Publikation „Are Musical Instrument Gender Associations Changing?“ folgendes:

A comparison of the instruments played by boys and girls across three studies conducted in 1978, 1993, and 2007 showed little difference in the sex-by-instrument distribution. Girls played predominately flutes, violins, and clarinets, and most boys played drums, trumpets, and trombones.

Hier kommen wir also nicht weiter. Die empirischen Daten zeigen keine Veränderung der Präferenzen von Jungen und Mädchen bei der Wahl der Musikinstrumente. Realitätsferne Naturen könnten jetzt einwerfen: „Das liegt natürlich daran, dass sich auch die Stellung der Frau innerhalb der letzten 40 Jahre nicht verbessert hat!“. Und wer hätte es gedacht, in genau diese Kerbe schlägt auch der weitere Verlauf von Frau Suters Artikel:

Auch Fabienne Schmuki, Co-Geschäftsführerin der Zürcher Indie-Musikagentur Irascible Music, Kommissionsmitglied beim Popkredit der Stadt Zürich und Gründungsmitglied vom Musikverband Indie Suisse, findet: „Die Musikwelt ist eine Welt der Männer. In den Führungsetagen der grossen Schweizer Musiklabels gibt es kaum Frauen, wir besetzen vor allem die Positionen im Marketing oder der Kommunikation.“ Sie selbst hätten beim Berufseinstieg keine weiblichen Vorbilder gehabt. Schmuki hat, wie sie selbst sagt, eine „Männerschule“ genossen: „Ich arbeite viel mit Männern zusammen. Der Umgangston ist schon anders, rau, die Witze sind dreckiger. Aber wenn man damit keine Probleme hat, kann man sich in diesem Männerverein gut behaupten.“

[Hervorhebung nicht im Original]

Interessant ist hierbei nicht nur die Implikation, dass Frauen vermeintlich aufgrund von Geschlechterdiskriminierung seltener in den Führungsetagen großer Musiklabels sitzen. Nein, nicht nur das. Logischerweise ist diese fehlende weibliche Repräsentation in den Führungsetagen der Musiklabels auch der Grund dafür, warum Frauen weniger Interesse daran haben Schlagzeug, E-Gitarre und E-Bass zu spielen. Oder soll hier angedeutet werden, dass Musikgruppen sich auf Bestreben der Labels zusammenfinden und sozusagen „gecastet“ werden? Anderweitig lässt es sich mir zumindest nicht erklären, wie man diesen Zusammenhang herstellen kann. Sicherlich gibt es den stereotypen Fall der gecasteten Boy- oder Girlgroup. Die Mehrheit von Bands findet sich jedoch sehr oft vor dem Angebot eines Vertrags durch ein Label zusammen und ist bis zu diesem Zeitpunkt schon eine lange Zeit nicht-professionell aktiv.

Diese abstruse Mischung aus verdrehten Kausalitäten und anekdotischen Erzählungen setzt sich munter fort:

Eine Frau, die in ihrem Leben schon auf vielen Bühnen gestanden ist, ist Salome Buser. Sie spielt Bass in der Schweizer Bluesband Stiller Has. „Mir passiert es öfter, dass ich an meinen eigenen Konzerten nicht in den Backstage-Bereich gelassen werde, weil man mir nicht glaubt, dass ich zur Band gehöre“, erzählt sie. „Man sagt mir dann, ich sei doch nur ein Groupie, das reiche halt nicht, um hinter die Bühne zu kommen.“

[…]

Buser fügt an: „Vielleicht liegt es daran, dass generell weniger Instrumentalistinnen auf der Bühne stehen und wir deshalb nicht so stark als Musikerinnen wahrgenommen werden. Sondern in erster Linie als Frauen, die sich zuerst einmal beweisen müssen.“

Ein Abschnitt ließ mich dann doch laut auflachen:

Bleibt einer Musikerin also als einziger Ausweg, ihr Instrument in die Ecke zu stellen und ausschliesslich zu singen, um respektiert zu werden? Dass auch das keine Lösung ist, bestätigt die Schweizer Singer-Songwriterin Sophie Hunger: „Das Musikbusiness in der Schweiz ist sehr männerdominiert. Da hört man schnell mal: Komm Schatz, sing du, ich mach das hier mit den komischen Knöpfen!“

[Hervorhebung nicht im Original]

Ja, genau. Die Rollen in einer Band werden natürlich nach dem Geschlecht verteilt und nicht danach wer welches Instrument spielen kann oder wer eine ausgebildete Gesangsstimme besitzt.

Abschließend führt Frau Suter natürlich den heiligen Gral der Problemlösungen an und dieser lautet: Frauenförderung.

Die Hoffnung stirbt nicht

Eins ist klar: Mit dafür verantwortlich, dass es in der Schweiz weniger bekannte Musikerinnen als Musiker gibt, sind die fehlenden weiblichen Vorbilder. Und weniger Frauen auf den Bühnen bedeutet weniger Nachahmerinnen – ein Teufelskreis. Eine mögliche Lösung des Problems sieht Sibill Urweider in der ausgeglichenen musikalischen Förderung von Mädchen und Buben, um die Chancengleichheit bereits im Kindesalter voranzutreiben.

Schon im Kindesalter? Leider wird nicht näher spezifiziert, ab welchem Alter diese „ausgeglichene musikalische Förderung“ beginnen soll. Gehen wir aber einmal davon aus, dass der hier implizierte Zusammenhang korrekt ist und gesellschaftliche Normen dafür sorgen, dass Mädchen und Jungen schon im Kindesalter eine Vorstellung davon entwickeln, welche Instrumente von Frauen und welche von Männern gespielt werden sollten. Finden wir darüber Informationen in der empirischen Forschung?

Tatsächlich lassen sich Studien auffinden, die bereits in dreijährigen Kindern klare Geschlechterpräferenzen für bestimmte Instrumentengruppen aufzeigen. Die Autoren Marshall und Shibazaki schreiben in ihrem Artikel „Two studies of musical style sensitivity with children in early years“ dazu folgendes:

Results of the study suggested that even three-year-old children were able to make accurate discriminations between musical styles through the use of a broad range of referential criteria and also, we observed that a number of ‘person type’ and gender associations already appeared to be present in the attitudes and experiences of participants.

Und in einer zwei Jahre später erschienenen Studie mit dem Titel „Gender associations for musical instruments in nursery children: the effect of sound and image“ bestätigen die beiden Autoren ihre Ergebnisse. Die drei bis vier Jahre alten Kinder wurden unter zwei Bedingungen getestet: Zuerst wurden ihnen die Instrumente vorgespielt und ein Bild des jeweiligen Instruments gezeigt. In der zweiten  Bedingung bekamen die Kinder nur die Töne des Instruments zu hören.

Our current study explores the gender associations which very young children, many of whom have spent only a few months within the school system, have towards musical sounds and how these attitudes may be affected by the addition of an attendant image.

[…]

However, taken together, the results of this research appear to suggest that some form of association between very young children and the gender of individual instruments and musical styles already appears to exist in the very early stages of their educational life.

[Hervorhebung nicht im Original]

Die Kinder in dieser Studie zeigten nicht nur eine klare Geschlechterpräferenz, wenn sie die entsprechenden Instrumente sehen konnten und vorgespielt bekamen. Wurde den Kindern nur das Instrument vorgespielt, so drehte sich das Bild in die andere Richtung:

2

Eine Beeinflussung der Geschlechterpräferenzen für bestimmte Instrumente durch vorherrschende gesellschaftliche Normen und Geschlechterrollen lässt sich mit diesen Ergebnissen nicht stützen und ist daher (zumindest in diesem jungen Alter) als unwahrscheinlich einzuschätzen. Es sei denn man möchte argumentieren, dass es ein Bestandteil gesellschaftlicher Normen ist, akustische Wahrnehmungen als weiblich und optische Wahrnehmungen als männlich einzustufen.

Zusätzlich schreiben die Autoren:

Most recently, Hallam, Rogers, and Creech (2008) reported that many of the historical patterns of gender-associated instruments were still in evidence with pupils freely opting for the gendered instruments at all stages of education, and Abeles (2009), reflecting on the intervening 30 or so years since his initial studies, concluded that only limited changes had occurred in schools with certain instruments still being strongly associated with one particular gender.

[Hervorhebung nicht im Original]

In einem letzten Test konnten die Kinder dann wählen, für welche Instrumente sie sich selbst entscheiden würden. Hier ergab sich wieder die eindeutige Geschlechterpräferenz, die sich seit Jahrzehnten beobachten lässt.

3

Das junge Alter in dem die Geschlechterpräferenzen auftreten, die Konstanz mit der sich diese Präferenzen seit Jahrzehnten trotz gesellschaftlicher Veränderungen halten und die unterschiedlichen Rollenzuschreibungen bei entweder ausschließlich akustischen Reizen oder einer Kombination aus optischen und akustischen Reizen: Das alles weist auf biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern hin, die einen noch nicht näher bekannten Einfluss auf die Präferenz von Musikinstrumenten haben.

In jeder Publikation, die ich für diesen Artikel gelesen habe, wird erwähnt, dass dieses Phänomen noch viel zu wenig untersucht und daher weitere Forschung anzuraten ist. Umso überraschter war ich jedoch, dass in keiner dieser Publikationen auch nur angedeutet wird, dass die Ursachen dafür in Geschlechtsdimorphismen begründet sein könnten. Dieses Phänomen ist also auch ein Musterbeispiel dafür, wie sich Wissenschaftler der Interdisziplinarität verweigern können und stattdessen lieber weiter im Dunkeln herumfischen, anstatt einen Schritt zurückzugehen um das Gesamtbild zu betrachten.

Oder man macht es einfach wie Frau Suter und die Zeitschrift annabelle. Bietet schließlich auch die simpleren Lösungen.

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15 Gedanken zu “Musik für Sexisten

  1. Wenn alle so eine furchtbare Kindheit hatten, wie ich, dann ist dieses ganze Drama ja nicht weiter verwunderlich. Wenn ich an die vielen Schläge zurückdenke. Sowohl meine Schwester als auch ich (m) bekamen regelmäßig Prügel. Ich, weil ich auf gar keinen Fall Klavierunterricht nehmen wollte. Und meine Schwester, weil sie auf jeden Fall Klavierunterricht nehmen wollte. Und wenn unsere Eltern jemals herausbekommen, dass meine Schwester heimlich Elektrotechnik statt Soziologie studiert hat…

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  2. Prima Analyse – danke!

    Daß die Forscher etwaige Geschlechtsdimorphismen außer Acht lassen, als Teil einer Erklärung dafür, warum so wenige Mädchen / Frauen im Bereich der Unterhaltungsmusik … usw., liegt vielleicht auch daran, daß sie den Vorwurf des sexuellen Essentialismus scheuen.

    Man könnte nämlich gegen solche „mutigen“ Forscher geltend machen, daß sie mit einer biologischen (Teil-)Erklärung in Richtung Geschlechtsdimorphismen bestehende Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern verfestigen oder gar befördern … Und derartigen Vorwürfen möchte sich heute kaum ein Forscher aussetzen. Es muß also nicht zwangsläufig damit zu tun haben, daß die un-mutigen Forscher sich der Interdisziplinarität verweigern.

    Sehr wichtig übrigens die Punkte von Christian zur männlichen Motivation (Status aufbauen, sexuelle Attraktivität erhöhen), aber auch zur höheren Bereitschaft der Jungen / Männer, damit verbundene Risiken einzugehen (negative Resonanz beim Auftritt, finanzielle Einbußen).

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  3. Es ist alles so ermüdender Sexismus. Frauen sollen halt alles das machen, was Männer machen, weil alles, was Männer machen, eben so unfassbar erstrebenswert ist, und alles was Frauen machen, ist erstmal doof, weil es eben nicht das, was Männer machen.

    Als ich gross geworden bin, gabs so eine Art semi-verpflichtende Musikschulen, die Regelschule begleitend. Ich kann mich noch gut daran erinnern, daß nahezu alle Mädchen irgendein Instrument beherrschten, während das bei den Jungs eher mau aussah. Von der Blockflöte bis zum Klavier und zum Xylophon. Wir 7jährigen Jungs haben Triangel gespielt. #anekdotische_evidenz

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  4. Durch das restriktive Frauenbild früherer Zeiten wurden Frauen gezwungen, Instrumente zu erlernen.

    „Im 18. und 19. Jahrhundert gehörte es vor allem bei den Töchtern aus dem gehobenen europäischen Bürgertum zu den selbstverständlichen Anteilen einer guten Erziehung, eine musikalische Ausbildung genossen zu haben. Häufig waren hier Klavier- und Gesangsstunden angesetzt. Dies erhöhte für die Familie der Töchter die Chance auf eine erfolgreiche Verheiratung des Mädchens. Entsprechend anspruchsvoller wurde das durchschnittliche Niveau der Schülerinnen. Berufliche Ziele waren mit diesen Studien selten verbunden. Musikalische Karrieren von Frauen wie die von Clara Wieck, spätere Schumann, die sich auf die Beherrschung eines Instruments stützten, waren im 18. und 19. Jahrhundert die Ausnahme. Größere Selbständigkeit genossen die Sängerinnen, deren spezifische Stimmlagen in der Besetzung von zeitgenössischen Opern verlangt wurden.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Hausmusik

    Der Satz „Dass z.B. restriktive Geschlechterrollen in der Vergangenheit Frauen mit hoher Wahrscheinlichkeit davon abgehalten haben eine Musikerkarriere ins Auge zu fassen, wodurch auch das Erlernen eines Instruments obsolet wurde, ist kaum abzustreiten. “ ist nur am Anfang richtig.

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    • Vielen Dank für die Info! Ich werde im Text darauf hinweisen. 🙂

      Inwiefern jedoch das „gehobene europäische Bürgertum des 18. und 19. Jahrhunderts“ eine repräsentative Demographie darstellt, ist dann wieder eine etwa andere Frage. 😉 Trotzallem wird vermutlich die große Mehrheit der Bevölkerung weder Zeit noch finanzielle Mittel gehabt haben, sich ausgiebig mit dem Lernen von Instrumenten zu beschäftigen.

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      • Natürlich ist das gehobene Bürgertum kein repräsentativer Teil der Demographie, aber es wirkte oft als (langfristig gesehen) gesellschaftliches Vorbild (Verhaltensweisen, Konsumgewohnheiten) für ökonomisch schwächere Schichten.

        Ich wollte nur darauf hinweisen, dass es eine jahrhundertelange Tradition gibt, Frauen an Instrumente/Musik machen heranzuführen, nicht sie davon abzuhalten. Es mag auch andere Traditionen geben, auch in anderen Kulturkreisen, aber das Leben war schon immer kompliziert und widersprüchlich. (Binsenweisheit)

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      • Naja, nicht unbedingt. Meistens fällt die Entscheidung für oder wider ein bestimmtes Instrument doch sehr schnell. Ich habe z.B. das Fagottspiel erlernt. Wäre ich kleiner gewesen und hätte ich das Instrument nicht halten können, dann hätte ich mit meiner Entscheidung wahrscheinlich nicht gewartet, bis ich größer bin, sondern hätte gesagt: Ne, das geht nicht. Aber gib mir doch mal die Klarinette da, die sieht handlicher aus!

        Ähnlich dürfte es doch mit der Kraft im Unterarm sein. Niemand wird erstmal ein halbes Jahr ins Fitnessstudio rennen, und sich erst dann für oder wider ein Instrument entscheiden.

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      • Der Größenunterschied und auch der Kraftunterschied sollte zumindest vor der Pubertät zwischen Jungen und Mädchen verhältnismäßig gering sein, d.h. diese Effekte sollte beide Geschlechter gleichmäßig stark davon abhalten ein bestimmtes Instrument zu lernen, weil es zu groß oder zu schwer zu spielen ist.

        Nach der Pubertät sieht das wieder anders aus, jedoch würde ich jetzt mal in den Raum stellen, dass der Prozess des motorischen/prozeduralen Lernens (worunter auch das Erlernen eines Instruments fällt) immer graduell stattfindet. Während des Lernens verändern sich sowohl die Nervenzellen im Gehirn (für das motorische Lernen sollte das in den Basalganglien stattfinden), als auch die innervierenden Nervenzellen an den benötigten Muskeln. Gleichzeitig wachsen und stärken sich die benötigten Muskelgruppen für die ausgeführten Bewegungen.

        Um das jetzt kurz auf das Gitarrenbeispiel zu übertragen: Ganz am Anfang wird der Schüler oder die Schülerin sowieso erst einmal lernen sehr simple Akkorde anzuschlagen und allgemein Fingerpositionen zu greifen. Hier sind noch keine großartigen Kraftanstrengungen nötig. Je komplexer die Griffe werden und je schneller der Schüler/die Schülerin spielen möche und je häufiger das trainiert wird, desto besser wird die Koordination und auch die Kraft. Es wird mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Unterschied auf dem Maximallevel geben, d.h. der schnellste Gitarrist der Welt wird vermutlich ein Mann sein. Um auf ein allgemeines Niveau zu kommen sollte es jedoch zwischen Männern und Frauen keine großen Unterschiede geben. Hier spielt das persönliche Interesse und die sich daraus bildende Motivation zum Lernen eines Instruments eine viel größere Rolle.

        Es mag hier durchaus Ausnahmen bei Instrumenten geben, die wirklich sehr groß und sehr schwer sind (Tuba?), es erklärt insgesamt aber nur bedingt die gefundenen Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

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  5. Ich erinnere mich noch gut (ich war auch mal in der Musik-Szene aktiv …): eines Nachts haben mich zwei geschätzte jungen Frauen an die Wand diskutiert und geklagt, dass Frauen vom Musikleben ausgeschlossen sind und dass es einfach nicht „üblich“ ist, dass Frauen Musik machen (ein Lieblings-Argument der Frauen, das aber gerade für Künstler nicht gilt: Künstler machen gerade das, was nicht üblich ist …) Egal. Sie waren nicht zu überzeugen. Gegen Ende der Nacht stellte sich heraus, dass beide Frauen Klavierunterricht hatten, den ihre Eltern ihnen bezahlt hatten. Ich nicht.

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  6. Aspekte von Geschlechterunterschieden und Ergebnisse sexueller Selektion dürften da auch mit hineinspielen:

    Ein Aspekt ist vielleicht auch, dass Jungs nicht der der Musik wegen davon träumen mit einer Band durchzustarten, sondern weil es cool ist, weil man dadurch Status aufbaut und weil man für Mädchen interessanter ist.

    Eine Motiviation, die für Frauen weg fällt.

    Eigene Musik zu präsentieren ist zudem auch eine Frage davon, ob man sich auf eine Bühne traut und negative Resonanz aushält. Auch hier wieder ein Aspekt, der die Anzahl von Männern erhöht.

    Teil eines klassischen Orchesters zu sein oder ein Klavierstück vorzutragen ist da weitaus ungefährlicher als mit einer eigenen Band eigene Lieder vorzutragen.

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    • Volle Zustimmung! Alle die von dir genannten Aspekte sollten mit hoher Wahrscheinlichkeit bewusst oder unbewusst im Durchschnitt die Motivation von Männern erhöhen (oder zumindest stärker erhöhen als von Frauen) ein solches Hobby zu ergreifen bzw. so einen Karriereweg einzuschlagen. Fehlen nur noch die enstprechenden evolutionspsychologischen Untersuchungen dazu. 😉

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    • Kennst du das Buch „Evolution of human music through sexual selection. The origins of music“ von G.F. Miller? Seine These lautet hier, dass Musik und Musikalität als Folge sexueller Selektion entstanden sind. Würde mich mal interessieren ob sich die Lektüre lohnt!

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