Biologie-Kultur-Ideologie: Ein Modell

In einem meiner vorangegangen Beiträge hatte ich ja bereits auf das Video von Coltaine über sein Modell der hierarchischen Struktur von Biologie, Kultur und Ideologie hingewiesen. Er vergleicht die 3 Elemente mit einem Computer, bei dem die Hardware den Spielraum für das kompatible Betriebssystem vorgibt, welches dann wiederum die Grenzen für die Kompatibilität bestimmter Software festlegt:

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Modell über die hierarchische Struktur von Biologie, Kultur und Ideologie analog zu einem Computersystem. (Quelle: Coltaine)

Die Software eines Betriebssystems hat wenig bis gar keinen Einfluss auf das ihr zugrunde liegende Betriebssystem. Natürlich gibt es z.B. Viren, welche die Integrität des Betriebssystems gefährden können. Aus einem Windows wird aber durch Softwareeingriffe niemals ein Apple-OS. Analog dazu kann ein Betriebssystem nicht die Hardware verändern, welche die Basis für dessen Funktionalität bildet. Eine 64-Bit Version von Windows wird niemals auf einer 32-Bit Hardware-Architektur laufen können und das Betriebssystem hätte auch nicht die Fähigkeit, eine solche Veränderung der Hardware vorzunehmen.  Eine simple und zugleich effektive Analogie.

Zusätzlich stützt er sein Modell mit einer handvoll Daten über den Verlauf von, unter anderem, Scheidungsraten, Geburtenraten, Zunahme von Kriminalität und der Menge alleinerziehender Mütter nach dem zweiten Weltkrieg in den USA. Von diesen finde ich vor allem sein Beispiel über die Einführung der Antibabypille und deren soziale Folgen als hochinteressant:

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Verlauf von Geburtenrate (braune Linie, invertiert) und Scheidungsrate (rote Linie) nach Einführung der Antibabypille im Jahr 1960. Politische Maßnahmen zur Erleichterung von Scheidungen waren immer nur eine reaktionäre Handlung auf bereits bestehende kulturelle/gesellschaftliche Veränderungen und nicht deren Auslöser. (Quelle: Coltaine)

Aus diesen Daten wird ersichtlich, dass eine Veränderung auf phänotypischer Ebene (größere Freiheit und Kontrolle über potenzielle Schwangerschaften) zuerst zu einer kulturellen/gesellschaftlichen Veränderung führte (steigende Scheidungsraten). Erst einige Jahre nachdem dieser Trend bereits in vollem Gange gewesen ist, reagierte die Politik und erleichterte mit den No Fault Divorce Gesetzen die Möglichkeit einer Scheidung. Politik kann unter diesem Modell nur nachträglich auf eine sich bereits verändernde Gesellschaft reagieren. Weiterhin folgt ein kultureller/gesellschaftlicher Shift in Abhängigkeit einer Veränderung auf phänotypischer Ebene.

Ich möchte dieses Modell von Coltaine erweitern und habe daher eine Abwandlung dieser hierarchischen Struktur erstellt:

Modell1_VarianteA
Biologie-Umwelt-Gesellschaft-Interaktionsmodell 1

Wie ich in meinem Beitrag über biologischen Determinismus bereits ausgeführt habe, wirken Umweltfaktoren und Gene als eine Einheit und stehen daher in meinem Modell auch auf einer gleichwertigen Stufe. Der Phänotyp umfasst alle morphologischen und physiologischen Merkmale des Menschen, welche auch weitgehend unabhängig von gesellschaftlichen oder kulturellen Einflüssen existieren (z.B. Stoffwechsel, Wachstum, Fortpflanzung, kulturübergreifende Verhaltenstypologien wie das kindliche Spielverhalten oder die Bewertung von Schönheit). Gesellschaft und Kultur bezieht sich entsprechend auf unterschiedlich ausgeprägte Aspekte zwischen verschiedenen Kulturen, die sich unter anderem mit unterschiedlichen Umweltbedingungen erklären lassen (z.B. kulturelle Unterschiede in Essgewohnheiten, die sich mit wärmeren Klima, und daraus folgend mit höheren Pathogenkonzentrationen in der Nahrung, erklären lassen). Ungleich zu Coltaines Analogie mit einem Computer ist mein Modell durchlässiger, wenn es um Top-Down-Einflüsse geht: Starke (bzw. autoritäre) politische Maßnahmen und ideologische Vorgaben können durchaus größere gesellschaftliche Veränderungen zur Folge haben. Ebenso können gesellschaftliche/kulturelle Shifts den Phänotyp von Individuen dieser Gesellschaft beeinflussen. Der mögliche Einfluss wird aber immer schwächer, je weiter wir uns in der Hierarchie nach unten begeben. Die Basis (Umwelt x Gene) bleibt davon daher unbeeinflusst und diese Veränderungen sind hauptsächlich Ausdruck der Anpassungsfähigkeit und Flexibilität der Spezies Mensch.

Dieses erste Modell einer Biologie-Umwelt-Gesellschaft-Interaktion ist noch unvollständig, da hier ein wichtiger Faktor fehlt: Wissenschaft und Technologie. Wie diese Elemente in mein Modell hinein spielen und welche Eingriffe diese in Bezug auf Umweltfaktoren und Gene ermöglichen, werde ich im nächsten Beitrag näher erläutern und ein erweitertes Modell vorstellen. Bis dahin freue ich mich natürlich über Meinungen und Kritik zum vorgestellten Modell.

Nikkys Freundin versteht nicht: Warum wir den Feminismus heute noch brauchen

Manchmal stelle ich mir die Frage, ob diese ganze „Hysterie“ um den Feminismus – wie sie ja oft von Personen außerhalb der feministischen Peer-Group beschworen wird – überhaupt gerechtfertigt ist. Mit meinen liberalen Ansichten vertrete ich auch gleichzeitig ein positives Menschenbild und bin der Meinung, dass im Inneren die meisten Personen doch eigentlich rationale, kritische und skeptische Wesen sind. Und dann wiederum stoße ich auf so was:

Ich weiß gar nicht wo ich überhaupt anfangen soll. In den ersten 30 Sekunden werden einem so viele angebliche Erfolge der feministischen Bewegung maschinenhaft um die Ohren gehauen, dass man das Gefühl bekommt, Skynet hätte bereits die Welt übernommen. Daher hier nur die offensichtlichsten Fehltritte:

  • Das Wahlrecht

Ungleich des ewigen feministischen Märchens wurde das Wahlrecht vor 100+ Jahren nicht nach Geschlechtszugehörigkeit verteilt. Stattdessen war das Wahlrecht an Reichtum und Grundbesitz gekoppelt. Die ersten nachweislichen Berichte von Frauen mit Wahlrecht stammen bereits aus dem Jahr 1647.

1608: Juliana Morell, a Spanish woman, became the first woman to earn a doctorate degree (indeed, the first woman to earn any type of university degree).

Und noch weiter zurück geht unsere Zeitreise.

  • Recht auf einen Beruf

Abgesehen davon, dass die Vorstellung, Frauen hätten in vormodernen Zeiten nicht ebenso handwerkliche und körperliche Arbeit verrichtet wie ihre männlichen Gegenstücke, völlig absurd ist, so gibt es auch unzählige historische Berichte von Frauen, die mit „höheren“ Tätigkeiten ihren Lebensunterhalt verdient haben.

Und dann kommt Minute 0:40 im Video:

Nach wie vor prägen strukturelle Diskriminierungen und Benachteiligungen von Frauen unsere Gesellschaft. [Pause] [Leerer Blick]

Okay. Bitte anschnallen, Greatness awaits:

Der Gender Pay Gap liegt bei sagenhaften 23%[…]

Das nächste tote Pferd. Immerhin hängt sie danach noch an:

Und selbst wenn man alle Faktoren rausrechnet[…]bleiben immer noch 8%, die ein Mann mehr verdient als eine Frau, bei gleicher Arbeit.

Nö. Natürlich ist es hier wichtig, welche Studie man sich anschaut, denn der bereinigte Gender Pay Gap wird abhängig von den Autoren jeweils anders erhoben und interpretiert. Viel wichtiger ist allerdings die Implikation, dass der Gender Pay Gap angeblich die Folge von Diskriminierung sei. Die Tatsache, dass wir Verdienstunterschiede zwischen Männern und Frauen finden, lässt sich mit einer Vielzahl anderer Faktoren erklären. Die Behauptung, dass ein Anteil an diesem Verdienstunterschied, den wir bisher noch nicht erklären können, automatisch die Folge von Diskriminierung sein soll, ist nichts anderes als ein God-of-the-Gaps-Argument.

Und jetzt folgt das eigentliche Zuckerstück des Videos:

Zweitens ist der Gender Pay Gap vor allem auch ein Ausdruck dafür, dass Arbeit die traditionell von Frauen verrichtet wird, etwa soziale Berufe, weniger wert geschätzt und deswegen auch weniger bezahlt werden, als von Männer verrichtete Berufe, etwa in der Industrie. Schon mal darüber nachgedacht!?

Ich weiß schon, wer hier nicht nachgedacht hat und es ist nicht der naive Zuschauer. Auch ohne Wirtschaftsexperte zu sein, ist selbst mir klar, dass die Höhe der Löhne von zwei entscheidenden Faktoren abhängt: Wie viel erwirtschaftet das Unternehmen und wie viele potenzielle Arbeitnehmer gibt es. (Und ja, bevor mir jetzt ein BWLer Simplifizierung vorwirft: Ich weiß, dass es nicht so einfach ist. Um den logischen Fehlschluss im Video aufzuklären, reicht es aber allemal).

Ein Unternehmen, welches industrielle Produkte herstellt, für die es eine hohe Nachfrage gibt und für deren Herstellung ein spezifischer, höherer Bildungsabschluss notwendig ist, wird mehr Lohn zahlen (müssen). Hingegen wird ein Unternehmen, welches soziale Dienstleistungen anbietet, die auch von niedriger qualifizierten Arbeitnehmern ausgeführt werden können und für die es sowohl eine geringere Nachfrage, als auch einen geringeren wirtschaftlichen Nutzen gibt, weniger Lohn zahlen. Geschlecht hat in dieser Gleichung nur insoweit einen Einfluss, als dass sich offenbar mehr Frauen individuell dafür entscheiden in einem Arbeitsbereich tätig zu sein, welcher aufgrund wirtschaftlicher „Umweltbedingungen“ weniger Lohn zahlen kann und will. Niemand hält Frauen davon ab, ihre Karriere in den gleichen Arbeitsfeldern wie Männer zu starten. Entsprechend sollten hier dann auch die Lohnunterschiede verschwinden.

Der Rest des Videos ist relativ substanzloses Blabla über „not asking for it“ und „sexuelle Objektifizierung“. Die vorgebrachten „Argumente“ für Letzteres lassen sich mit einem kurzen Verweis auf folgende Werbung entkräften. Nacktheit wird natürlich unter keinen Umständen universell eingesetzt, um Produkte zu bewerben. Lächerlich!

Update (29.05.2016): Für das Video wurden inzwischen Kommentare und Bewertungen deaktiviert. Na, wer hätte das denn erwartet. Warum auch in einem offenen Dialog über die vorgebrachten Ideen diskutieren, wenn man sich einfach in seinen Echo Chamber zurückziehen kann.

Doktorant empfiehlt: Coltaine über Biologie, Kultur und Ideologie

Coltaine analysiert in diesem Video unter anderem die Fragestellung, wie erfolgversprechend die Forderung nach politischen und sozialen Veränderungen sein kann, wenn diese nicht von den „kulturellen Umweltbedingungen“ gestützt werden. Seine Hypothese postuliert eine hierarchische Struktur von Biologie > Kultur > Ideologie, in der Top-Down-Veränderungen nur schwer zu realisieren sind.

Interessant sind vor allem die Abschnitte ab Minute 12:52 und Minute 19:55. Die Korrelationen zwischen verschiedenen Datensätzen, die Coltaine hier präsentiert, sollten definitiv einige Fragen aufwerfen.

Seine Hypothesen sollten natürlich kritisch betrachtet und diskutiert werden. In einem kommenden Post werde auf Teile seines Videos noch einmal detaillierter Bezug nehmen.

Doktorant empfiehlt: tl;dr über Ideologie in der Datenanalyse

tl;dr erklärt uns in diesem Video vier mögliche Interpretationen eines empirischen Befundes (Gender Wage Gap) unter jeweils einem anderen theoretischen Bezugsrahmen: Feminismus, Libertarismus, libertärer Feminismus und Evolutionspsychologie:

Fazit: Erkenntnistheoretische Bezugsrahmen sind am besten geeignet, um Interpretationen aus ideologisch-geprägten theoretischen Bezugsrahmen zu widerlegen. Dieser „Kampf der Ideen“ wird allerdings durch eine Fülle an feministischen Hypothesen erschwert, für die es zwar wenige bis keine empirischen Befunde gibt, diese aber durch permanente Wiederholung und gegenseitige Zitierungen den Status anerkannter Theorien erlangt haben (Patriarchatstheorie, Privilegientheorie, Theorie des Geschlechts als soziale Konstruktion, etc.) und in vielen Personenkreisen innerhalb und außerhalb der Akademia als objektive Fakten anerkannt werden.  Daher müssen empirische Wissenschaftskonzepte eine ausreichende Alternative an Theorien aufbauen, welche anschließend den Platz feministischer Theorien einnehmen können.

Myth-Busting: Biologischer Determinismus

Etwas, das immer wieder in (Online)Diskussionen in der Geschlechterdebatte auftaucht, ist der Vorwurf des biologischen Determinismus. Dieser Begriff ist bereits vor einiger Zeit in das gedankliche Allgemeingut übergegangen, obwohl es selbst in (naturwissenschaftlichen) akademischen Zirkeln keinen Konsens darüber gibt, was denn eigentlich einen biologischen Determinismus ausmachen würde und welche Positionen jemand halten muss, um als Vertreter eines solchen Determinismus bezeichnet zu werden.

Weiterhin entpuppt sich dieser bei näherer Betrachtung als nichts weiter als ein Strohmann: Niemand, der sich ernsthaft mit der Thematik auseinandersetzt und zumindest einen Funken intellektueller Redlichkeit innehat, wird seine Unterschrift unter folgende Definition setzen:

 

biologischer Determinismus:

die These, nach der der Mensch ausschließlich oder überwiegend von seiner biologischen Natur bestimmt wird und nicht von seiner sozialen bzw. kulturellen Umwelt

Diese Definition beinhaltet vermutlich bewusst die Abschwächung „überwiegend“, um nicht sofort als redundant abgestempelt zu werden. Blöderweise erlangt sie dadurch aber auch den Status „schwammig“. Denn, wie oben schon erwähnt, welche Positionen oder wie viele von diesen muss man denn halten, um mit seinem Standpunkt unter die Kategorie des biologischen Determinismus zu fallen?

Gene agieren immer in einer Umwelt. Die Selektion von Genen erfolgt durch Umweltfaktoren. „Erfolgreiche“ Gene sind in der Lage sich unter vielen verschiedenen Umweltbedingungen durchzusetzen. Daraus folgt: Variation in phänotypischen Ausprägungen (zu denen auch das Verhalten zählt) ist vorteilhaft. Anpassungsfähigkeit ist somit selbst nur eine selektierte Anpassung. Die Interaktion von Genen und Umwelt ist eine intrinsische Eigenschaft jeder Überlegung, jedes Gedanken, jeder Studie und jeder Diskussion über menschliches Verhalten.

Verhaltensplastizität lässt sich also wunderbar mit einem biologischen Modell erklären. Dazu muss und sollte niemand der Auffassung sein, dass Gen A automatisch zu Verhalten B führt. Gleichzeitig lassen sich aber statistische Trends in räumlich getrennten Populationen (z.B. kulturelle Unterschiede in Essgewohnheiten) und in physiologisch unterschiedlichen Populationen (Geschlecht) finden, die entweder eine Anpassung gleicher Gene an unterschiedliche Umweltfaktoren oder eine Anpassung unterschiedlicher Gene an gleiche Umweltfaktoren darstellen.

Eine Frage, die sich hier jedoch stellen kann, ist: Wie stark ist der Einfluss der Gene oder der Umweltfaktoren auf die phänotypischen Ausprägungen einer Population? Hierzu möchte ich in Kürze einen Abschnitt über kognitive Leistungsfähigkeit (vgl. Intelligenz) und deren Abhängigkeit von Genen bzw. Umwelt aus einem Vortrag von Onur Güntürkün paraphrasieren, an dem ich vor einiger Zeit im Publikum beisitzen konnte.

Nehmen wir an, es gibt eine Stadt. In dieser gibt es keine Barrieren, die Bürger können frei reisen und Partnerschaften entstehen zwischen Bürgern aller Stadtteile (homogener Genpool). Jetzt kommt es jedoch durch politische Verwerfungen zu einem Zwist und als Folge dessen wird die Stadt in einen Nord- und einen Südbereich aufgeteilt. Da sich im Norden große Mengen an Bodenschätzen befinden, entstehen unterschiedliche Lebensverhältnisse (vgl. Umweltbedingungen) in beiden Stadtteilen: Wir haben einen reichen Norden und einen armen Süden.

Wie unterschiedlich stark wirken jetzt Gene und Umweltfaktoren auf die durchschnittliche Intelligenz dieser beiden Populationen? Im Norden würden wir einen großen Einfluss der Gene erwarten. Da die Umweltbedingungen hier nahezu perfekt sind können genetische Unterschiede ihre volle Wirkung entfalten. Selbst geringe genetische Unterschiede in dieser sonst homogenen Gruppe können dazu führen, dass Einzelpersonen besser oder schlechter abschneiden als andere.

Aber wie sieht es im armen Süden aus? Hier spielen Gene nur eine untergeordnete Rolle. Selbst größere genetische Unterschiede würden durch die schlechten Umweltbedingungen überschattet werden. Und in der Mehrheit der Fälle würden Personen aus dem armen Süden schlechter abschneiden, als Personen aus dem reichen Norden.

GeneVsUmwelt1

Wie Herr Güntürkün am Ende zusammenfasste: Die Frage danach, ob denn jetzt eher die Gene oder die Umwelt verantwortlich sind, ist bereits falsch gestellt. „It’s not even wrong.“

Biologischer Determinismus existiert nicht.

Gene lassen sich nicht losgelöst von Umweltfaktoren betrachten und umgekehrt. Die Umwelt stellt die Struktur, in die sich ein Organismus auf Basis seiner genetischen Grundlage einfügt. Ändert sich die Struktur, ändert sich auch der Organismus. Oder er bekommt keine Gelegenheit mehr seine Gene an die nächste Generation weiterzugeben.

Quickie (1): Sibylle Berg / In eigener Sache

Sibylle Berg, Margarete Stokowskis große Schwester im Geiste, beschwert sich in ihrer wöchentlichen Kolumne über das Wegfallen von Feindbildern. Aufhänger dafür ist für sie der Umstand, dass sich jetzt sogar schon die BILD-Zeitung für Flüchtlinge einsetzt und man deshalb eigentlich gar nichts mehr hat, was man so richtig und aus tiefstem Herzen hassen kann. Dieser kurze Text, voll mit unnötigen Hyperbeln, hat aber doch eine interessante Aussage zu bieten:

Da waren immer die guten Zeitungen, „Süddeutsche“ und „FAZ“ und der SPIEGEL, mit ihren durchwechselnde Chefs, immer männlich, bedingten Qualitätsschwankungen, und dann waren da Sachen wie eben „Bild“. Die jetzt lustigerweise eine Chefin hat. Aber auch hier lerne ich langsam, dass es nichts hilft, dauernd zu jammern, dass es so wenige Frauen in Führungspositionen gibt, denn leider scheuen viele die Überstunden, die Angreifbarkeit, ja den Hass, dem man an der Spitze jeder Unternehmung ausgesetzt ist.

Ist das jetzt ein Zeichen für eine zweite geistige Pubertät bei Frau Berg? Bröckelt jetzt doch so langsam die ideologische Fassade? Wirkt die permanente Selbstimpfung des ewig gleichen Mantras nicht mehr?

Man kann nur hoffen.


Nur kurz in eigener Sache: Ich möchte gerne noch nachträglich meinen herzlichen Dank an Arne Hoffmann ausrichten, der mich netterweise in seinem Blog „Genderama“ verlinkt hatte. Dazu muss ich noch sagen, dass für mich sein Buch „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ der Stein des Anstoßes war, selbst online aktiv zu werden und meiner Stimme Gehör zu verschaffen. Daher eine klare Buchempfehlung von mir!

So, genug vom shilling: Ich freue mich sehr über die Willkommensgrüße und hoffe auf einen ergiebigen Diskurs!

Andre Teilzeit versteht nicht: Feminismus

Die deutsche Youtube-Landschaft bestand für mich bisher ja immer aus schlechten Comedy-Videos, künstlichem Drama und Schminktipps. Umso überraschter war ich, als ich auf folgendes Video gestoßen bin:

Nach den ersten 30 Sekunden wissen wir jetzt also: Der Andre ist ein Mann und ein Feminist. Die Begründung für Letzteres: „Das ist nicht mal schwer, also warum eigentlich nicht?“ Puh…

Dass uns hier ein argumentatives Schwergewicht unter den missionarischen Botschaften erwartet, kündigt sich also schon aus weiter Ferne an. Andre hat 5 Punkte vorbereitet, an denen er der Welt erklären will, wie und warum man als Mann ein Feminist sein sollte:

  • Punkt 1: Male Privilege

Schon die erste Analogie, die Andre hier präsentiert, verursacht Stirnrunzeln:

Male Privilege […] da tun manche Männer so, als würde man ihnen irgendwas wegnehmen wollen. Aber als Tierrechtler will ich dir ja auch keine Menschenrechte wegnehmen.

Andre vermischt hier (bewusst oder unbewusst) zwei unterschiedliche Konzepte. Rechte und Privilegien, das sollte auch dem naivsten Youtuber klar sein, sind nicht äquivalent. Während Rechte universell gelten, als jedes Individuum einer Gesellschaft betreffen, so sind Privilegien kollektive Rechte bzw. besondere Rechte, die nur für eine bestimmte Personengruppe gelten. Was möchte uns Andre hier also sagen? Dass es ok ist Kollektiv-Rechte zu haben/zu vergeben?  Immerhin möchte er diese ja nicht „wegnehmen“?

Weiter im Video:

Aber es ist halt erst mal wichtig sich seiner eigenen Vorteile bewusst zu machen, damit man sie dann auch auf Frauen anwenden kann und hofft, dass sich das auf andere überträgt.

Neben dem kruden Satzbau, wirkt auch der Inhalt etwas unklar. Handelt es sich bei den genannten Privilegien um etwas, dass man einfach so weitergeben kann? Und noch wichtiger: Warum sollte man das tun wollen? Offenbar hat Andre tatsächlich kein Problem mit besonderen Rechten für Personengruppen, sondern ist nur mit der Verteilung dieser Sonderrechte unzufrieden. Er erläutert seinen Punkt mit einigen Beispielen:

Wenn du als Mann bei etwas versagst, wird nicht dein ganzes Geschlecht dafür verantwortlich gemacht.

Please tell me more.

Deine Wahrscheinlichkeit sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zu erleben ist wesentlich geringer.

Die quantitative Aussage ist korrekt. Wenn man 16% statt 25% als wesentlich geringer einordnen möchte. Es wäre mir neu, dass man die von einem Unrecht betroffene Minderheit vom Tisch fallen lassen kann, weil es eine Mehrheit gibt, derer das gleiche Unrecht getan wird. Da Andre aber ja offenbar eine Tendenz zur Befürwortung von Kollektiv-Rechten hat, wundert mich das wenig.

Wenn du keine Kinder bekommst, wird deine Männlichkeit nicht in Frage gestellt.

Noch nie davon gehört. Absurde Vorstellung.

Du musst dir keine Gedanken machen ob deine Kleidung etwas über sexuelle Verfügbarkeit aussagt.

Stimmt. Die Wahl, sich „sexy“ am Arbeitsplatz zu kleiden hat ein Mann nämlich auch gar nicht. Typisches Beispiel von „Mehr Freiheit = Diskriminierung“.

Wenn du redest, wirst du seltener von Frauen unterbrochen, als Frauen von Männern unterbrochen werden.

[Citation Needed]

 

  • Punkt 2: Achte auf deinen Sprachgebrauch

Als Feminist soll man auf  die Verwendung von Worten wie „Friendzone“, „Schlampe“, sowie „Hure“ verzichten (weil Slut-Shaming) und auf „Doppelstandards“ im Sprachgebrauch achten. Interessant, dass Andre das auch sogleich demonstriert, in dem er sich nur auf Sprachstereotypen bezieht, die Frauen betreffen.

 

  • Punkt 3: Hinterfrage Geschlechterrollen

Andre liebäugelt offensichtlich auch mit der Idee des Geschlechts als soziale Konstruktion. Blöd nur, dass rein konstruktivistische Modelle flach auf dem Boden aufschlagen, wenn man sich einmal empirische Daten anschaut. Es folgt eine Barrage aus Strohmännern, ohne Beispiele wer oder welche Teile der Gesellschaft diese Ansichten von solchen überspitzten Geschlechterstereotypen haben. Aber immerhin gibt es einen Pluspunkt dafür, dass er sich diesmal nicht nur auf Frauen bezieht.

Interessant auch der letzte Satz in diesem Video-Abschnitt:

[…]aber das kommt alles aus deinem Kopf und ist nicht bei deiner Geburt aus deinem Penis oder deiner Vagina geschossen.

Evolution stops at the neck. Hormone und so ’nen Quatsch… pff. Keine Relevanz für neuroplastische Veränderungen.

  • Punkt 4: Sorge für Respekt und Einvernehmlichkeit

Was auch immer dieser Punkt mit Feminismus zu tun haben soll, verrät uns Andre nicht. Sein Beispiel über Männer, die ungefragt Getränke ausgeben und angeblich nur aufgeben, wenn Frau sagt „Ich habe einen Freund“, zeigt nicht, dass solche Männer nur andere Männer respektieren, sondern das human mating strategies dem Effekt des Geschlechtsdimorphimus unterliegen. Wenn diese Strategie nicht zumindest in einigen Fällen zum Erfolg führen würde, dann würden wir dieses Verhalten auch nicht beobachten können. Das rechtfertigt zwar so eine „Respektlosigkeit“ nicht, jedoch lässt daraus auch keine Aussage über die Gesamtheit des männlichen Geschlechts (vgl. Male Privilege) ableiten.

  • Punkt 5:  Beachte deinen physischen und emotionalen Platz

Wenn zwei Menschen verschiedenen Geschlechts auf der Straße aufeinander zulaufen, dann ist es wahrscheinlicher, dass die Frau ausweicht als der Mann.

[Citation F*cking Needed]

Und dann kramt Andre das schon längst tote Pferd namens „Manspreading“ hervor, um diesem noch einmal so richtig eine zu verpassen. Wenn selbst feministische Autoren schon die Nase voll haben von dieser Nichtigkeit zu hören, dann sollte man vielleicht seinen eigenen Standpunkt noch einmal evaluieren.

Was lernen wir also aus diesem kurzen Youtube-Abenteuer? Die schlechten Comedy-Videos, das künstliche Drama und die Schminktipps sind vielleicht doch gar nicht so übel.

Laci Green versteht nicht: Falsche Vergewaltigungsvorwürfe

tl;dr. Wunderbar recherchiert, wie immer. Erschreckend ist nur die Größe des Publikums, welches Laci Green mit ihren unfundierten (und stellenweise schlichtweg falschen) Aussagen erreicht.

Interessant sind meiner Meinung nach vor allem folgende Studien/Daten, die in der Beschreibung des Videos verlinkt sind:

 

As with all other Crime Index offenses, complaints of forcible rape made to law enforcement agencies are sometimes found to be false or baseless. In such cases, law enforcement agencies “unfound” the offenses and exclude them from crime counts. The “unfounded” rate, or percentage of complaints determined through investigation to be false, is higher for forcible rape than for any other Index crime. Eight percent of forcible rape complaints in 1996 were “unfounded,” while the average for all Index crimes was 2 percent. (S. 24; Hervorhebung von mir)

Komischerweise hat das FBI nach 1996 keine Daten mehr über falsche Vergewaltigungsvorwürfe gesammelt bzw. öffentlich gemacht. Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

 

Hier ist vor allem Tabelle 1 bemerkenswert (S. 136-137): Die hier aufgezählten Studien finden zwischen 1,5% und 90% an falschen Vergewaltigungsvorwürfen. Zu sagen, dass hier die Datenlage nicht eindeutig ist, wäre schon extrem euphemistisch. Hier ist definitiv Nachholbedarf an methodisch gut durchgeführten Studien.

 

Despite the plethora of pyramided citations, it turns out thatthere is one, and only one, underlying source-feminist publicist Susan Brownmiller’s interpretation of some data, now a quarter-century old, of unknown provenance from a single police department unit. There are no other published studies that this author could find. All of the sources cited at the outset of this Article trace back to Ms. Brownmiller. (S. 955-956)

 

Und:

It seems clear that the two percent false claim figure, which has pervaded LDF discourse, has no basis in fact. Since this figure isclearly unsupported, there is no justification for shifting the burdenof proof or redefining consent in rape crimes in accordance with this figure. (S. 971)

Die Verkettung hinter all dem ist eigentlich gar nicht richtig greifbar: Eine feministische Autorin nimmt sich einen isolierten Datenpunkt, erhoben in einem einzigen(!) Polizeirevier (vgl. cherry picking), und verbreitet diesen als allgemeinen Konsens. Nach einigen Zyklen des Abschreibens und Nicht-Prüfens der Recherche landen wir über 30 Jahre später an einem Punkt, an dem niemand mehr nachvollziehen kann, woher die ursprüngliche Behauptung eigentlich kam und wie valide diese eigentlich ist. Trotzdem ist das nun die Prämisse, auf derer Pop-FeministInnen die Abschaffung der Unschuldsvermutung fordern. Yay!

Emanzipation als Markenprodukt

Wie es einst dem Punk erging – von der anti-gesellschaftlichen und anti-kapitalistischen Gegenbewegung zum T-Shirt Aufdruck – so findet sich auch der emanzipatorische Feminismus bereits seit längerer Zeit  in der Palette diverser Produktreihen wieder. Ob es sich hier nun um toxische „Male Tears“-Tassen handelt oder es um, auf der Oberfläche zahm erscheinende, aber aufgrund der ausbeuterischen Herstellungshintergründe zutiefst verstörende, „This Is What A Feminist Looks Like“-Shirts geht: Wer sich emanzipiert fühlt, der zeigt das in dem er einem Milliarden-Unternehmen Geld in den Rachen wirft. Man ist sich ja selbst für nichts zu schade.

Jetzt gibt es aber einen gravierenden Unterschied zwischen den „Subkulturen“ Punk und Mainstream Feminismus. Letzterer findet es nämlich gut, dass man die eigenen Ideale verraten hat und zum Markenprodukt geworden ist. Zumindest bekommt man den Eindruck, wenn man folgendes liest:

Denn durch Frauen wie Beyoncé oder Emma Watson hat ein neuer, plakativer Feminismus den Mainstream erreicht.

Diesen Satz finden wir in einem Artikel auf bento, verfasst von Judith Brachem, mit dem etwas irreführendem Titel „Wie der Feminismus die Fashion-Industrie prägt“. Frau Brachem scheint nur irgendwie zu verwechseln, wer hier eigentlich wen „prägt“ bzw. für seine Interessen missbraucht.

Die „Fashion-Industrie“ hat also jetzt den Feminismus als Marketing-Tool für sich entdeckt. Wenn man es so ausdrückt, klingt das aber eher negativ. Daher wird die Narration einfach so lange in die gewünschte Richtung gebogen, bis man nachher kein schlechtes Gewissen haben muss, weil man ja eigentlich nur auf die moderne Form eines Schlangenöl-Händlers reingefallen ist und zusätzlich auch noch unmenschliche Arbeits- und Produktionsbedingungen in Entwicklungsländern finanziert hat.

Ich glaube nicht, dass es auf diesem Planeten eine Maschine gibt, die die Menge an kognitiver Dissonanz berechnen könnte, die in diesem Artikel steckt: Die „unterdrückte Klasse“ trägt Kleidung mit der Botschaft ihrer eigenen Emanzipation auf der Brust…

So ganz klar ist Frau Brachem ihr eigener Standpunkt aber wohl offenbar selbst nicht, denn einige Abschnitte ihres Artikels stehen sich doch eher diametral gegenüber. Zum einen schreibt sie:

Viele Feministinnen machten sich danach Sorgen um den richtigen Umgang mit dem Thema. Bloggerin Susie Lau von Style Bubble fragte in ihrem Blog: „Was auch immer Karl Lagerfelds wahre Meinung über Feminismus ist, es ist schwierig, den Überzeugungen einer Gruppe uniformer Frauen zu glauben, die ein unrealistisches Frauenbild verkörpern und solche Sprüche hochhalten, gleichzeitig aber Sachen tragen, die unerhört teuer sind. Wieso machst du das, Karl? Um der Kontroverse willen? Für mehr Likes auf Instagram? Ich nehme an, dass es eine Mischung aus beidem ist.“

Aber andererseits ist das alles ja gar nicht so schlimm, denn:

Natürlich kann es sein, dass Designer und Unternehmen den Feminismus nur ausnutzen, um den Konsum anzukurbeln. Aber passiert dadurch nicht auch gleichzeitig das Gegenteil? Der Feminismus profitiert davon, endlich einmal Aufmerksamkeit von einem großen Publikum zu bekommen. Das angestaubte Image ist weg, Feminismus findet jetzt auch als Print auf T-Shirts und als Schnappschuss auf Instagram statt.

Natürlich, Sprüche auf überteuerten Oberteilen wie „Mind Your Own Uterus“, „More Feminism – Less Bullshit“ oder „Ladies First“ schreien ja gerade zu die Ideale der gern zitierten Wikipedia-Definition von Feminismus in die Welt hinaus. „But it’s about equality between the sexes!!!111“

Und natürlich fehlen die üblichen Worthülsen nicht: Jede(r) darf mitmachen, jede(r) ist perfekt so wie sie/er ist, jede(r) kann alles erreichen. Oh achja, die Männer dürfen wir dabei natürlich nicht vergessen. Die kriegen den entsprechenden Partnerlook verpasst mit Aufdrucken wie „Gender Equality“, „Radical Feminist“ oder „Women Power“. Doppelt abkassieren; man kann es ja zumindest mal versuchen.

Am Ende wird eigentlich klar, worum es hier geht:

Anstatt uns also in Perfektion zu uniformieren, kleiden wir uns in Girlpower.

Man schlüpft also aus der einen Uniform in die nächste. Der Anstrich gefällt einem jetzt vielleicht etwas besser, aber dafür ist auch die Geldbörse deutlich leichter. Die autoritäre Vorgabe bleibt jedoch die gleiche: „Wir sagen dir was richtig ist und es wäre besser wenn du dich dran hältst.“ Nestbeschmutzerinnen werden nämlich auch weiterhin nicht geduldet.

Konformität ist Individualität. Orwell lässt grüßen.

 

Das wissenschaftliche Peer-Review (und dessen Probleme)

Da sich momentan wieder eine meiner geplanten Veröffentlichungen im Peer-Review-Verfahren befindet (und sich dieses bereits seit Monaten hinzieht), musste ich mich gedanklich mehrfach mit der Sinnhaftigkeit und vor allem der Effektivität dieses Verfahrens befassens. Eins vorweg: Mit dem Peer-Review verhält sich es genauso wie mit der Demokratie. Also nutze ich die Gelegenheit und krame ein extrem ausgelutschtes Zitat hervor:

Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind. (Winston Churchill, 1947)

Wenn wir „Demokratie“ mit „Peer-Review-Verfahren“ und „Regierungsformen“ mit „Qualitätskontrolle“ austauschen, dann sollte die Analogie doch relativ stimmig sein.

Es gibt zwei gewaltige Hürden die überwunden werden müssen, um eine angemessene, wissenschaftliche Qualitätskontrolle zu ermöglichen: 1. Es muss die Neutralität der Gutachter gewährleistet sein. Das klingt einfach, stellt sich aber in der Praxis des Wissenschaftsbetriebs als ungeheuer schwierig dar. Einzelne Fachgebiete sind stellenweise so spezifisch, dass eine Abkapselung der aktiv mitwirkenden Wissenschaftler unvermeidlich ist. Man kennt sich. Man trifft sich auf Konferenzen. Man liest die Paper der „Peers“ und zitiert diese natürlich in den eigenen Arbeiten. Das geschieht oftmals nicht zwangsläufig aus Sympathie, sondern aus einer puren Notwendigkeit heraus. Es gibt einfach keine Alternativen, selbst wenn man sie haben wollen würde. (Damit soll aber kein Urteil über die eigentliche Qualität der wissenschaftlichen Arbeit gefällt werden. Nur weil ein Wissenschaftler isoliert arbeitet, muss seine Arbeit dadurch nicht schlechter sein, als das bei stärker vernetzten Wissenschaftlern oder interdisziplinären Fachgebieten der Fall ist.) Das Review-Verfahren läuft dadurch natürlich Gefahr, dass die (meist) anonymen Reviewer bestimmte Arbeiten von bestimmten Personen bevorzugt behandeln oder, im Gegenzug, deutlich kritischer als nötig begutachten. Einige Journals gehen inzwischen dazu über, dass die Namen Reviewer am Ende des Verfahrens aufgedeckt werden. Das führt jedoch zu ganz neuen Problemen, auf die ich vielleicht in einem späteren Post einmal eingehen werde.

2. Die Gutachter (in der Regel sind es zwei Gutachter für ein Paper) müssen eine ausreichende Fachkenntnis über die Thematik haben, die in einem Paper behandelt wird. Und dazu zählt sowohl der theoretische Hintergrund, als auch die Praxis (Methodik). Dieser Umstand schränkt den Kreis potenzieller Reviewer noch stärker ein. Wenn keine Reviewer mit entsprechender Expertise gefunden werden, muss natürlich der Kreis erweitert werden. Als Folge tauchen die nächsten Probleme auf: Entweder werden Publikationen durchgewunken, weil der Reviewer das Thema nicht ausreichend versteht, um eine angemessene Begutachtung durchzuführen, oder der Review Prozess zieht sich um ein Vielfaches in die Länge, da sich oft über sprachliche Unschärfen „gestritten“ wird, die einem Fachfremden natürlich mehr Probleme bereiten, als einem Reviewer der selbst in der Thematik beschäftigt ist.

Man könnte natürlich noch viel detaillierter auf einzelne Aspekte und Probleme des Peer-Review-Verfahrens eingehen. Ich belasse es jetzt aber vorerst einmal bei dieser groben Betrachtung.

Stattdessen ein kurzer Schwenk: Besonders anschauliche Beispiele, bei denen das Peer-Review offensichtlich versagt hat (egal ob formell durch ein Journal oder informell durch Kollegen/Vorgesetze), werden täglich vom Twitter-Account @real_peerreview aus den Untiefen von Pubmed oder vergleichbaren Publikations-Archiven ans Tageslicht geholt. Was sich dort teilweise in den Abstracts lesen lässt, sollte auch Personen außerhalb des Wissenschaftsbetriebs die (Fremd)Schamesröte ins Gesicht steigen lassen. Ob nun Liebesgeschichten aus World of Warcraft oder Interpretationen darüber, warum Menschen Auto fahren, währenddessen Musik hören und was das alles überhaupt mit dem Klimawandel zu tun hat… Scheinbar alles lässt sich in einem Paper verarbeiten, sei es noch so trivial, sei die Prämisse noch so unfundiert. Occam’s Razor und/oder das Prinzip der Falsifizierbarkeit scheinen den Autoren ebenfalls mehr als fremd zu sein.

Wenn man eine Person zynischer Natur ist, dann könnte man vermutlich meinen, dass diese digital geschriebenen und digital veröffentlichten Worte niemandem schaden (nicht einmal Bäume mussten für Druckerpapier ihr Leben lassen!). Das ist aber zu kurz gedacht: Diese Studenten/Doktoranden/Post-Docs/Professoren verschwenden ihre Lebenszeit und die Anderer. Sie verbrauchen Ressourcen (finanziell und materiell), deren Einsatz sinnvoller gestaltet werden könnte. Und sie beschädigen auf lange Sicht gesehen die Academia als Ganzes, die sich irgendwann für diese Missstände rechtfertigen werden muss.