Das Problem mit den Kategorien

Die Debatte um das Wesen des Geschlechts. Kaum ein Diskurs wird so erbittert geführt und nur selten treffen solch verhärtete Fronten aufeinander. Zumindest ergibt sich dieses Bild, wenn ich in meine persönliche Online-Filterblase schaue.

Anstoß für eine weitere Episode dieses nicht enden wollenden Austauschs von Strohmann-Argumenten war die letzte Folge der Netflix-Show Bill Nye Saves the World des US-amerikanischen Aushängeschilds der Populärwissenschaft Bill Nye, auch bekannt als Bill Nye the Science Guy, ehemaliger Moderator der gleichnamigen Wissenschaftssendung für Kinder.

Besonders viel Kritik, Spott und Hohn erhält derzeit dieses Segment der Sendung:

Die Botschaft ist einfach und verfolgt die besten Absichten: Das Geschlecht und Geschlechtsidentität lassen sich nicht in ein simples, binäres System zwängen. Es gibt mehr Kombinationen der Geschlechtschromosomen als XX und XY, mehr als nur männlich und weiblich. Geschlechtsidentitäten stimmen nicht immer mit dem biologischen Geschlecht überein und können sich im Laufe des Lebens verändern.

Vollkommen richtig. Das alles kommt vor und nicht jeder Mensch kann sich in dieses System mit nur zwei Möglichkeiten einordnen. Wenn wir jedoch einen Blick auf die Häufigkeit dieser weiteren Möglichkeiten schauen, dann fällt auf, dass mehr als 99% aller Menschen problemlos in entweder die XX- oder die XY-Kategorie fallen:

Karyotypen3
Abb. 1: Anteil verschiedener Karyotypen bei Neugeborenen. Man beachte auch den Bruch der Y-Achse. Ohne diesen wäre es nicht möglich gewesen die Anteile des X- und XXYY-Karyotyps grafisch abzubilden. (Darstellung basiert auf den Daten der U.S. National Library of Medicine)

Aus den Daten über die Häufigkeit verschiedener Chromosomenanomalien der U.S. National Library of Medicine habe ich obige Abbildung erstellt. Es ist eindeutig, dass Abweichungen vom XX/XY-Karyotyp extrem selten sind und noch nicht einmal einen Anteil von 0,5% bei allen Neugeborenen ausmachen.

Bedeutet das nun, dass die von einer solchen Chromosomenabnormalität Betroffenen vernachlässigt oder gänzlich ignoriert werden sollten? Diese Frage beantworte ich mit einem vehementen „Nein!“ und dieser Sachverhalt soll hier auch gar nicht zur Debatte stehen.

Stattdessen möchte ich die Frage in den Raum werfen, welches Ziel die von Bill Nye bzw. seinem Produktionsteam gewählte Darstellung der Abweichungen vom XX/XY-Karyotyp verfolgt und welchen Mehrwert diese Form der Kategorisierung, und letztendlich „Gleichstellung“, verschiedener Karyotypen produzieren soll.

Kategorien, Einordnungen und Klassifizierungen sind kognitive Hilfswerkzeuge. Das menschliche Denken basiert auf Mustererkennung und wir erschaffen immer und immer wieder Kategorisierungen, um diesen erkannten Mustern einen Namen zu geben und um diese unmissverständlich und effizient kommunizieren zu können. Kategorisierungen sollen uns also kognitive Arbeit abnehmen, indem sie die Realität weiter schematisieren bzw. vereinfachen und sie sollen unsere Kommunikation erleichtern, indem wir uns gemeinsam darauf einigen, welchen Rahmen eine Kategorie umfasst, welche Sachverhalte in diese Kategorie fallen und welche sich außerhalb dieser Kategorie befinden. Daher reicht es z.B. eine etablierte Kategoriebezeichnung zu erwähnen, um auf sehr effiziente Art und Weise Informationen zu vermitteln, während ohne die Existenz einer solchen Kategorie deutlich mehr Zeit und Arbeit investiert werden müsste, um einer anderen Person zu erklären, was denn nun eigentlich gemeint ist.

Da Kategorien zu 100% menschliche Konstrukte darstellen, unterliegen sie einem ständigen Wandel. Klassifizierungen ändern sich, Kategorien werden enger oder weiter gefasst, Einordnungen werden unter anderen Gesichtspunkten vorgenommen, wenn sich die Informationslage wandelt.

Egal wie stark jedoch dieser Wandel ist, Kategorien sollten immer folgende Punkte erfüllen: Sie sollen die Realität korrekt abbilden, diese vereinfachen und diese vereinfachte Realität eindeutig kommunizieren. Wenn diese Merkmale von einer Kategorisierung nicht erfüllt werden, dann ist sie im besten Fall nutzlos und im schlimmsten Fall gefährlich, da sie falsche Schlussfolgerungen provoziert.

Daraus ergibt sich Folgendes: Kategorisierungen sind niemals wahr oder unwahr, da sie keine Fakten darstellen. Das bedeutet aber nicht, dass alle Kategorisierungen gleich sinnvoll und angemessen sind.

Schlagen wir jetzt wieder den Bogen zu unserem Ausgangspunkt und dem Segment aus der Sendung von Bill Nye. Welches Ziel verfolgt die dort gewählte Darstellung der Abweichungen vom XX/XY-Karyotyp? Klinefelter-Syndrom, Turner-Syndrom, Triple-X-Syndrom etc. sollen als eigenständige, gleichwertige Kategorien neben den XX- und XY-Karyotypen angesehen werden. Als ob es sich hierbei eben nicht um Anomalien und Störungen der normalen Geschlechtsentwicklung beim Menschen handelt, sondern dass stattdessen nahezu nach dem Zufallsprinzip während der Meiose die jeweilige Kombination der Geschlechtschromosomen entsteht. Das ultimative Vorhaben besteht darin, die Stigmatisierung der Betroffenen aufzuheben, den Blick weg vom Krankheitsbild zu lenken und somit den Fortschritt hin zu einer sozialeren und gerechteren Gesellschaft zu fördern. Ob dieses Ziel tatsächlich erreicht werden kann, lasse ich an dieser Stelle unkommentiert.

Doch welchen Mehrwert kann eine solche Vorgehensweise überhaupt bieten? Die Fakten lassen sich durch keine noch so ausgefuchste semantische Spielerei ändern. Es bleibt die Tatsache bestehen, dass Chromosomenanomalien weniger als 1% der Gesamtbevölkerung betreffen und die Betroffenen immer eine Abweichung von der Norm bleiben werden. Eine „Gleichstellung“ verschiedener Karyotypen oder die Erfindung neuer Kategorien für diese Abweichungen wird an diesen Zahlen auch in Zukunft nichts ändern. Lässt sich aber das Stigma, welches mit diesen Chromosomenanomalien verbunden ist, reduzieren oder sogar vollständig abschaffen? Möglicherweise.

Ist aber ein „möglicherweise“ ein ausreichender Grund dafür, die Funktion und den Sinn von Kategorisierungen auszuhebeln? Schauen wir uns noch einmal die von mir genannten Merkmale einer Kategorisierung an: Abbildung der Realität, Vereinfachung, Eindeutigkeit.

Eine Abbildung der Realität findet nur insofern statt, als das es tatsächlich verschiedene Karyotypen geben kann. Das Verhältnis in der Auftretenshäufigkeit dieser verschiedenen Karyotypen wird hingegen nicht korrekt abgebildet. Der vermittelte Eindruck legt nahe, dass z.B. XX und XXY gleich häufig auftreten können, was eine massive Verzerrung der realen Situation darstellt. Außerdem kann dadurch ein Klima erschaffen werden, bei dem diese Chromosomenanomalien weniger als Krankheitsbild wahrgenommen, sondern nur mehr als weitere, normale Ausprägung der Geschlechtschromosomen angesehen werden. Im schlimmsten Fall führt das zur Vernachlässigung der spezifischen Probleme, die mit einer solchen genetischen Störung einhergehen und Betroffenen wird nicht die Hilfe und Aufmerksamkeit entgegengebracht, die sie benötigen. Auch Forschungsbestrebungen zur Symptombekämpfung und letztendlich Heilung dieser Krankheitsbilder kann dadurch eingeschränkt werden, da hier zwei sich gegenseitig ausschließende Konzepte aufeinander prallen: Schwangerschaftsabbruch bei frühzeitig entdeckten genetischen Störungen, präimplantationsdiagnostische Methoden und (zukünftige) Eingriffe in das Erbgut mit dem Ziel der Heilung von Erbkrankheiten unterliegen immer dem Vorwurf der Euthanasie, wenn Chromosomenanomalien wie Klinefelter- und Turner-Syndrom ja eigentlich nur andersartige Ausprägungen des Geschlechts sind.

Des Weiteren findet keine Vereinfachung der Realität statt. Ganz im Gegenteil, die Erfindung neuer, gleichwertiger Geschlechtskategorien neben männlich und weiblich verkompliziert den Blick auf die Situation. Das allein wäre jedoch kein Grund diese neuen Kategorien abzulehnen, wenn diese Verkomplizierung gerechtfertigt und z.B. empirisch/wissenschaftlich gestützt ist. Das ist jedoch aus meiner Sicht nicht der Fall.

Wenn wir uns weiterhin anschauen, ob diese neuen Kategorisierungen eindeutig, klar und unmissverständlich sind, dann fallen wir in ein tiefes schwarzes Loch. Männlich und weiblich, XY und XX respektive, sind Funktionsbeschreibungen bzw. -zuweisungen im Rahmen der geschlechtlichen Fortpflanzung. Die Männchen einer Spezies sind die Spermienproduzenten, während die Weibchen einer Spezies die Eizellenproduzenten sind. Diese beiden Kategorien basieren also auf funktionellen Unterscheidungen zwischen zwei Phänotypen, die eine sich geschlechtlich fortpflanzende Spezies aufweisen kann. Im Zusammenhang mit diesen beiden unterschiedlichen Aufgaben finden sich zahlreiche genetische, morphologische und hormonelle Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern. So finden wir unterschiedliche Geschlechtschromosomen, unterschiedliche primäre, sekundäre und tertiäre Geschlechtsmerkmale, unterschiedliche Hormonkonzentrationen und die besagten unterschiedlichen Gameten, namentlich Spermien und Eizellen. Alle diese Unterscheidungen beruhen auf einer Kausalkette und einer Entwicklungskaskade, die mit Abschluss der Befruchtung eingeleitet wird. Ausschlaggebend hierfür ist das SRY-Gen, lokalisiert auf dem Y-Chromosom (Ausnahme: Translokation). Ist es vorhanden, wird im weiteren Verlauf der Embryonalentwicklung die männliche Entwicklungskaskade eingeleitet. Ist es nicht vorhanden, wird die weibliche Entwicklung gestartet. Die Unterscheidung der Individuen innerhalb einer Spezies in männlich und weiblich ist also gerechtfertigt und empirisch gestützt.

Wie verhält es sich mit eigenen Geschlechtskategorien für die Karyotypen XXY, XYY und X? Alle diese Chromosomenanomalien weisen unterschiedliche Symptome in unterschiedlicher Intensität auf: Kleinwüchsigkeit, Sterilität, kein Einsetzen der Pubertät aufgrund von zu geringen Hormonspiegeln, Schwellungen, Nierenprobleme, Herzfehler, Änderungen des Skelettbaus, mentale Retardierung, Fehlbildungen der Genitalien, verstärkter oder verringerter Haarwuchs, Verhaltensstörungen etc. Zusätzlich entwickelt sich bei den Betroffenen ebenfalls mindestens einer der beiden Gametentypen und in besonderen Fällen der Intersexualität kann sich außerdem nicht funktionsfähiges Gewebe des anderen Geschlechtsorgans herausbilden.

Inwiefern kann nun Eindeutigkeit zwischen diesen neuen, gewünschten Geschlechtskategorien und den „alten“ Geschlechtskategorien bestehen? Die Rahmenbedingungen der neuen und alten Kategorien stimmen nicht überein, sie umfassen nicht die gleichen Sachverhalte und Merkmale und sind auch nicht in sich konsistent, da die Chromosomenanomalien eine unterschiedlich starke Symptomatik hervorbringen können. Die Verwendung des Kategoriebegriffs „Geschlecht“ ist in diesem Zusammenhang eindeutig irreführend.

Ich möchte an dieser Stelle die bisher getätigten Überlegungen und Bedenken anhand einer Analogie verdeutlichen: Menschen haben zwei Typen von Gliedmaßen, Arme und Beine. Diese beiden Kategorien sollen die zugehörigen Körperteile auf morphologischer und funktioneller Ebene unterscheiden. Arme werden von 99% aller Menschen zum Heben, Malen, Schreiben etc. eingesetzt, während Beine in der Regel von der Mehrheit aller Menschen zur Fortbewegung eingesetzt werden.

Es kommt nun vor, dass durch Erkrankungen bzw. Entwicklungsstörungen manche Menschen die Arme zur Fortbewegung nutzen (müssen) oder mit ihren Beinen greifen, heben, malen und schreiben können (technische Hilfestellungen jetzt einmal außen vorgelassen). Die Anzahl dieser Personen bleibt jedoch überschaubar und letztendlich eine Anomalie, eine Abweichung von der Norm. Ausnahmen bestätigen die Regel und widerlegen sie nicht.

Jetzt könnte es, analog zur Geschlechterdebatte, auch in Bezug auf Arme und Beine einen Vorstoß geben, um zusätzliche Kategorien für diese Abweichungen einzurichten. Damit wird das „binäre System“ von Armen und Beinen aufgebrochen, für ein Mehr an sozialer Gerechtigkeit gesorgt und die Stigmatisierung der Anomalie aufgehoben. Fortan reden wir von „Bein-Läufern“ und „Arm-Läufern“; manch einer entscheidet sich sogar dafür, sich als „Arm-Läufer“ zu identifizieren, obwohl dafür aus morphologischer Sicht gar keine Notwendigkeit besteht.

Sollte das eine liberale Gesellschaft ermöglichen? Natürlich.

Aber welchen Sinn hätte es eine neue Kategorie einzuführen, in der diese Menschen zusätzlich klassifiziert werden? Und welche Rechtfertigung gäbe es dafür, diese Abnormalität (und das meine ich nicht wertend, sondern als faktische Beschreibung, d.h. Abweichung von der Norm) mit den „Bein-Läufern“ zu vergleichen und so zu tun, als handele es sich hierbei einfach nur um eine andersartige Ausprägungsform des Bewegungsapparats oder eine persönliche Entscheidung, die theoretisch jeder treffen könnte und würde, wenn er nur nicht durch repressive Gesellschaftsnormen daran gehindert werden würde (vgl. Cis- und Heteronormativität)?

Wäre es falsch? Nein. Aber es wäre irreführend, weil damit ein falscher Eindruck der Realität vermittelt wird.

Die Kategorie der „Bein-Läufer“ würde eine so signifikant höhere Relevanz als die Kategorie der „Arm-Läufer“ besitzen, dass es absolut lächerlich erscheint ein System verkomplizieren zu wollen, nur um den Schein von sozialer Gerechtigkeit und gefühlter Repräsentation aufrecht zu erhalten. Die „Arm-Läufer“ würden außerdem weiterhin als Abweichung von der Norm betrachtet werden, egal wie viel semantischer Hokuspokus betrieben wird.

Noch deutlicher lässt sich dieser Vergleich auf der morphologischen Ebene vornehmen. Bleiben wir beim Arm-Bein-Beispiel: Zwei Gliedmaßen, die sich eindeutig morphologisch unterscheiden. Jetzt wird ein Mensch mit genetischer Abnormalität geboren, welche in einem oder mehreren Gliedmaßen resultiert, welche Merkmale von Arm und Bein aufweisen. Handelt es sich nun um eine neue Kategorie von Gliedmaßen? Sollten wir dafür eine eigene Kategorie erfinden, um dieses augenscheinliche Krankheitsbild ausreichend in der Gesellschaft zu repräsentieren? Warum reden wir nicht von einem Spektrum zwischen Arm und Bein?

Ohne mich hierbei jetzt allzuweit aus dem Fenster zu lehnen, kann ich mit guter Gewissheit annehmen, dass sich hinter diesem Vorschlag nur wenige Unterstützer versammeln lassen würden. Aber warum? Prinzipiell reden wir von einem vergleichbaren Mechanismus. Zwei eindeutig unterscheidbare Kategorien und ein riesiges Spektrum an möglichen Ausprägungen dazwischen. Dass diese möglichen Ausprägungen jedoch in der absoluten Mehrheit Entwicklungsstörungen darstellen, sollte ja eigentlich niemanden davon abhalten, neue, gleichwertige Kategorien neben Arm und Bein zu fordern. Oder?

In der Debatte um das Wesen des Geschlechts scheinen jedoch andere Regeln zu gelten.

#FRAUENHASS | Frauklären mit Suzie Grime

Heute möchte ich ein ganz besonderes Exemplar der deutschen Youtube-Szene vorstellen: Suzie Grime. Neben Boulevardthemen und dem Cannabiskonsum, redet Suzie auch gerne mal darüber, was sie denn so von Männern hält. Natürlich alles unter dem Label des Feminismus. Wer hätte das gedacht. Viel Spaß!

Sexismus und Werbung

Heute geht es (mal wieder) um die NGO Pinkstinks und ich schaue mir ihre Kampagne „gegen Sexismus in der Werbung“ an. Die Mitwirkenden bei Pinkstinks scheinen aus irgendeinem Grund nicht verstanden zu haben, was der Unterschied zwischen Gleichberechtigung und Gleichstellung ist. Viel Spaß!

 

Musik für Sexisten

Eigentlich möchte man meinen, dass es auch in Zeiten der gegenderten Wissenschaft, sexistischer Videospiele und Geschlechterdiskriminierung an der Ladentheke zumindest eine handvoll an Themen geben muss, welche nicht dem Vorwurf des Sexismus und der Frauenfeindlichkeit anheimfallen. Doch schließlich sprach einst Popkultur-Kritikerin Anita Sarkeesian wie der Prophet vom Berge zu uns: Everything is sexist, everything is racist. Und frei nach diesem Motto agiert auch die Schweizer Frauenzeitschrift annabelle und nimmt sich in einem Artikel den „Sexismus in der Musikbranche“ vor.

Zu Beginn stellt Autorin Miriam Suter folgende Fragen:

Wo sind eigentlich die Frauen auf den grossen Bühnen? Diese Frage beschäftigt mich schon lange. Und warum scheint es für Musikerinnen im Allgemeinen schwieriger zu sein, Erfolg zu haben?

Doch bevor wir zum Inhalt der „Analyse“ von Frau Suter kommen, möchte ich einen kurzen Abstecher in das Reich der anekdotischen Evidenz vornehmen: Als langjähriger Hobbymusiker und ehemaliges Mitglied mehrerer Musik- und Bandprojekte ist mir persönlich die „Musikbranche“ in vielen Teilaspekten durchaus vertraut. Bereits in den Anfangsjahren meiner musikalischen Tätigkeit ist mir aufgefallen, dass bei der Suche nach passenden Mitmusikern die Auswahl weiblicher Teilnehmer signifikant geringer war als die Anzahl männlicher Optionen. Vor allem für das typische Schema Unterhaltungsmusik, mit Schlagzeug, E-Gitarre, E-Bass und Gesang, fanden sich meistens nur für Letzteres Musikerinnen, während sich für die drei bis vier übrigen Instrumente oftmals ausschließlich die Herren der Schöpfung auftrieben ließen. In meiner jungen Naivität hörte meine Verwunderung darüber jedoch schnell wieder auf und mir genügte die selber hergeleitete Erklärung, dass sich dieses Ungleichgewicht durch unterschiedliche Interessen und Vorlieben zwischen Männern und Frauen erklären lässt.

Oh, wie ungebildet ich doch war! Hätte ich nur damals schon die Gelegenheit bekommen mich darüber belehren zu lassen, dass die primären Gründe für diese ungleiche Geschlechterverteilung natürlich nur eins sein können: Sexismus und Frauenfeindlichkeit.

In diesem Sinne belehrt daher auch Frau Suter einen nicht namentlich genannten Bekannten in ihrem Artikel über dieses „Sexismusproblem“:

It’s a Man’s World

„Was ist denn dein Problem, Frauen sind ja momentan in den Charts sehr gut vertreten“, meinte letztens ein Bekannter zu mir. Das mag stimmen. Aber diese Tatsache verstärkt eigentlich meine Frage: Warum sind sie dann beispielsweise an den Festivals nicht ebenso sichtbar? Fest steht: Die Musikwelt ist eine Männerdomäne. An den diesjährigen Musikfestivals in der Schweiz siehts jedenfalls grösstenteils mau aus mit dem Frauenanteil. Am Open-Air St. Gallen treten 42 Acts auf, darunter 14 Frauen – solo, als Teil einer Band oder als DJ. Am Zürich Openair steht zwar noch nicht das ganze Programm, der aktuelle Stand ist aber dennoch ernüchternd: Unter den 16 bestätigten Acts sind 2 Frauen. Nicht ganz so gravierend, aber ähnlich sieht es nach aktuellem Stand der bestätigten Acts am Gurtenfestival aus: Unter den 51 auftretenden Bands findet man elf Frauen.

Mein naives, jüngeres Ich möchte jetzt antworten: „Na ja, wenn im Durchschnitt weniger Frauen zu Schlagzeug, E-Gitarre und E-Bass greifen, dann muss doch allein dadurch schon ein quantitativer Unterschied entstehen, welcher sich natürlich auch in der Anzahl an Frauen auf Festivalbühnen niederschlägt“. Besonders dann, wenn die erwähnten Festivals mehrheitlich Bands einladen, die diesem Schema der Instrumentenverteilung folgen.

Das findet auch Philippe Cornu, der im nächsten Absatz zu Wort kommt:

Philippe Cornu bucht die Bands fürs Gurtenfestival und sagt: „Es gibt unbestritten weniger Musikerinnen als Musiker, die E-Gitarre, Schlagzeug oder Bass spielen. Gesang und Keyboards sowie Saxofon sind unter den Frauen eher verbreitet.“

Und er fügt hinzu:

„Wir achten im Bookingprozess nicht zwingend auf das Geschlecht, sondern darauf, welche Band, Musikerin oder Musiker gefällt, passt und auch auf Tour ist.“

Etwas schwammiger ist dann jedoch seine Erklärung dafür, warum weniger Frauen zu den genannten Instrumenten greifen:

„Warum dies so ist, hat geschichtliche Hintergründe in der gesellschaftlichen Entwicklung und der Stellung der Frau.“

Dass z.B. restriktive Geschlechterrollen in der Vergangenheit Frauen mit hoher Wahrscheinlichkeit davon abgehalten haben eine Musikerkarriere ins Auge zu fassen, wodurch auch das Erlernen eines Instruments obsolet wurde, ist kaum abzustreiten (Nachtrag: Das galt zumindest für Frauen, die nicht Teil des gehobenen Bürgertums waren; siehe Hausmusik). Ähnliches sollte jedoch auch für Männer gegolten haben, denn die kostengünstige Massenproduktion von Musikinstrumenten, sowie die Möglichkeiten der analogen und digitalen Tonaufnahme sind erst mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts Realität geworden. Die Anzahl der Instrumentalisten sollte sich vor dieser Zeit also stark in Grenzen gehalten haben, da nur für wenige überhaupt die finanziellen Möglichkeiten und Erfolgsaussichten bestanden einen solchen Karriereweg einzuschlagen. Ganz zu Schweigen davon, dass die besagten Instrumente (Schlagzeug, E-Gitarre und E-Bass) in ihrer heute noch gebräuchlichen Form erst im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden. Es können daher maximal die letzten 80 Jahre der „geschichtlichen Hintergründe in der gesellschaftlichen Entwicklung“ als Erklärung für das Geschlechterungleichgewicht herangezogen werden.

Insofern sich diese Argumentation als korrekt erweist, sollten wir außerdem Veränderungen dieses Ungleichgewichts finden; im besten Fall korreliert mit den Veränderungen der gesellschaftlichen Stellung der Frau. Wenn man sich allerdings die spärliche wissenschaftliche Literatur über dieses Thema anschaut, wird man überrascht. So schreibt Hal Abeles in seiner Publikation „Are Musical Instrument Gender Associations Changing?“ folgendes:

A comparison of the instruments played by boys and girls across three studies conducted in 1978, 1993, and 2007 showed little difference in the sex-by-instrument distribution. Girls played predominately flutes, violins, and clarinets, and most boys played drums, trumpets, and trombones.

Hier kommen wir also nicht weiter. Die empirischen Daten zeigen keine Veränderung der Präferenzen von Jungen und Mädchen bei der Wahl der Musikinstrumente. Realitätsferne Naturen könnten jetzt einwerfen: „Das liegt natürlich daran, dass sich auch die Stellung der Frau innerhalb der letzten 40 Jahre nicht verbessert hat!“. Und wer hätte es gedacht, in genau diese Kerbe schlägt auch der weitere Verlauf von Frau Suters Artikel:

Auch Fabienne Schmuki, Co-Geschäftsführerin der Zürcher Indie-Musikagentur Irascible Music, Kommissionsmitglied beim Popkredit der Stadt Zürich und Gründungsmitglied vom Musikverband Indie Suisse, findet: „Die Musikwelt ist eine Welt der Männer. In den Führungsetagen der grossen Schweizer Musiklabels gibt es kaum Frauen, wir besetzen vor allem die Positionen im Marketing oder der Kommunikation.“ Sie selbst hätten beim Berufseinstieg keine weiblichen Vorbilder gehabt. Schmuki hat, wie sie selbst sagt, eine „Männerschule“ genossen: „Ich arbeite viel mit Männern zusammen. Der Umgangston ist schon anders, rau, die Witze sind dreckiger. Aber wenn man damit keine Probleme hat, kann man sich in diesem Männerverein gut behaupten.“

[Hervorhebung nicht im Original]

Interessant ist hierbei nicht nur die Implikation, dass Frauen vermeintlich aufgrund von Geschlechterdiskriminierung seltener in den Führungsetagen großer Musiklabels sitzen. Nein, nicht nur das. Logischerweise ist diese fehlende weibliche Repräsentation in den Führungsetagen der Musiklabels auch der Grund dafür, warum Frauen weniger Interesse daran haben Schlagzeug, E-Gitarre und E-Bass zu spielen. Oder soll hier angedeutet werden, dass Musikgruppen sich auf Bestreben der Labels zusammenfinden und sozusagen „gecastet“ werden? Anderweitig lässt es sich mir zumindest nicht erklären, wie man diesen Zusammenhang herstellen kann. Sicherlich gibt es den stereotypen Fall der gecasteten Boy- oder Girlgroup. Die Mehrheit von Bands findet sich jedoch sehr oft vor dem Angebot eines Vertrags durch ein Label zusammen und ist bis zu diesem Zeitpunkt schon eine lange Zeit nicht-professionell aktiv.

Diese abstruse Mischung aus verdrehten Kausalitäten und anekdotischen Erzählungen setzt sich munter fort:

Eine Frau, die in ihrem Leben schon auf vielen Bühnen gestanden ist, ist Salome Buser. Sie spielt Bass in der Schweizer Bluesband Stiller Has. „Mir passiert es öfter, dass ich an meinen eigenen Konzerten nicht in den Backstage-Bereich gelassen werde, weil man mir nicht glaubt, dass ich zur Band gehöre“, erzählt sie. „Man sagt mir dann, ich sei doch nur ein Groupie, das reiche halt nicht, um hinter die Bühne zu kommen.“

[…]

Buser fügt an: „Vielleicht liegt es daran, dass generell weniger Instrumentalistinnen auf der Bühne stehen und wir deshalb nicht so stark als Musikerinnen wahrgenommen werden. Sondern in erster Linie als Frauen, die sich zuerst einmal beweisen müssen.“

Ein Abschnitt ließ mich dann doch laut auflachen:

Bleibt einer Musikerin also als einziger Ausweg, ihr Instrument in die Ecke zu stellen und ausschliesslich zu singen, um respektiert zu werden? Dass auch das keine Lösung ist, bestätigt die Schweizer Singer-Songwriterin Sophie Hunger: „Das Musikbusiness in der Schweiz ist sehr männerdominiert. Da hört man schnell mal: Komm Schatz, sing du, ich mach das hier mit den komischen Knöpfen!“

[Hervorhebung nicht im Original]

Ja, genau. Die Rollen in einer Band werden natürlich nach dem Geschlecht verteilt und nicht danach wer welches Instrument spielen kann oder wer eine ausgebildete Gesangsstimme besitzt.

Abschließend führt Frau Suter natürlich den heiligen Gral der Problemlösungen an und dieser lautet: Frauenförderung.

Die Hoffnung stirbt nicht

Eins ist klar: Mit dafür verantwortlich, dass es in der Schweiz weniger bekannte Musikerinnen als Musiker gibt, sind die fehlenden weiblichen Vorbilder. Und weniger Frauen auf den Bühnen bedeutet weniger Nachahmerinnen – ein Teufelskreis. Eine mögliche Lösung des Problems sieht Sibill Urweider in der ausgeglichenen musikalischen Förderung von Mädchen und Buben, um die Chancengleichheit bereits im Kindesalter voranzutreiben.

Schon im Kindesalter? Leider wird nicht näher spezifiziert, ab welchem Alter diese „ausgeglichene musikalische Förderung“ beginnen soll. Gehen wir aber einmal davon aus, dass der hier implizierte Zusammenhang korrekt ist und gesellschaftliche Normen dafür sorgen, dass Mädchen und Jungen schon im Kindesalter eine Vorstellung davon entwickeln, welche Instrumente von Frauen und welche von Männern gespielt werden sollten. Finden wir darüber Informationen in der empirischen Forschung?

Tatsächlich lassen sich Studien auffinden, die bereits in dreijährigen Kindern klare Geschlechterpräferenzen für bestimmte Instrumentengruppen aufzeigen. Die Autoren Marshall und Shibazaki schreiben in ihrem Artikel „Two studies of musical style sensitivity with children in early years“ dazu folgendes:

Results of the study suggested that even three-year-old children were able to make accurate discriminations between musical styles through the use of a broad range of referential criteria and also, we observed that a number of ‘person type’ and gender associations already appeared to be present in the attitudes and experiences of participants.

Und in einer zwei Jahre später erschienenen Studie mit dem Titel „Gender associations for musical instruments in nursery children: the effect of sound and image“ bestätigen die beiden Autoren ihre Ergebnisse. Die drei bis vier Jahre alten Kinder wurden unter zwei Bedingungen getestet: Zuerst wurden ihnen die Instrumente vorgespielt und ein Bild des jeweiligen Instruments gezeigt. In der zweiten  Bedingung bekamen die Kinder nur die Töne des Instruments zu hören.

Our current study explores the gender associations which very young children, many of whom have spent only a few months within the school system, have towards musical sounds and how these attitudes may be affected by the addition of an attendant image.

[…]

However, taken together, the results of this research appear to suggest that some form of association between very young children and the gender of individual instruments and musical styles already appears to exist in the very early stages of their educational life.

[Hervorhebung nicht im Original]

Die Kinder in dieser Studie zeigten nicht nur eine klare Geschlechterpräferenz, wenn sie die entsprechenden Instrumente sehen konnten und vorgespielt bekamen. Wurde den Kindern nur das Instrument vorgespielt, so drehte sich das Bild in die andere Richtung:

2

Eine Beeinflussung der Geschlechterpräferenzen für bestimmte Instrumente durch vorherrschende gesellschaftliche Normen und Geschlechterrollen lässt sich mit diesen Ergebnissen nicht stützen und ist daher (zumindest in diesem jungen Alter) als unwahrscheinlich einzuschätzen. Es sei denn man möchte argumentieren, dass es ein Bestandteil gesellschaftlicher Normen ist, akustische Wahrnehmungen als weiblich und optische Wahrnehmungen als männlich einzustufen.

Zusätzlich schreiben die Autoren:

Most recently, Hallam, Rogers, and Creech (2008) reported that many of the historical patterns of gender-associated instruments were still in evidence with pupils freely opting for the gendered instruments at all stages of education, and Abeles (2009), reflecting on the intervening 30 or so years since his initial studies, concluded that only limited changes had occurred in schools with certain instruments still being strongly associated with one particular gender.

[Hervorhebung nicht im Original]

In einem letzten Test konnten die Kinder dann wählen, für welche Instrumente sie sich selbst entscheiden würden. Hier ergab sich wieder die eindeutige Geschlechterpräferenz, die sich seit Jahrzehnten beobachten lässt.

3

Das junge Alter in dem die Geschlechterpräferenzen auftreten, die Konstanz mit der sich diese Präferenzen seit Jahrzehnten trotz gesellschaftlicher Veränderungen halten und die unterschiedlichen Rollenzuschreibungen bei entweder ausschließlich akustischen Reizen oder einer Kombination aus optischen und akustischen Reizen: Das alles weist auf biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern hin, die einen noch nicht näher bekannten Einfluss auf die Präferenz von Musikinstrumenten haben.

In jeder Publikation, die ich für diesen Artikel gelesen habe, wird erwähnt, dass dieses Phänomen noch viel zu wenig untersucht und daher weitere Forschung anzuraten ist. Umso überraschter war ich jedoch, dass in keiner dieser Publikationen auch nur angedeutet wird, dass die Ursachen dafür in Geschlechtsdimorphismen begründet sein könnten. Dieses Phänomen ist also auch ein Musterbeispiel dafür, wie sich Wissenschaftler der Interdisziplinarität verweigern können und stattdessen lieber weiter im Dunkeln herumfischen, anstatt einen Schritt zurückzugehen um das Gesamtbild zu betrachten.

Oder man macht es einfach wie Frau Suter und die Zeitschrift annabelle. Bietet schließlich auch die simpleren Lösungen.

„STROHMANN – Der Film“ feat. Andre Teilzeit

Mit Andre Teilzeit habe ich mich ja bereits vor einiger Zeit schon einmal beschäftigt. Bei der gewaltigen Menge an fragwürdigen Inhalten die Herr Teilzeit so produziert, war eine entsprechende Videoantwort aber mehr als notwendig. Viel Spaß!

„Die Zweigeschlechtlichkeit ist biologisch nur noch schwer zu beweisen“

Christian von Alles Evolution hatte in einem Tweet auf diesen Artikel des Tagesspiegel hingewiesen, in welchem der verzweifelte Versuch diverser VertreterInnen der Gender Studies besprochen wird, ihre Forschung gegen Kritik zu „verteidigen“. Man kann aber nicht von einer redlichen Verteidigung sprechen, da dieses Zusammentreffen von Politik und Forschung unter dem Motto „Dialog statt Hass“ gelaufen ist. Damit wird bereits klar, dass die überwältigende Kritik an den Gender Studies nicht als konstruktiv gesehen, sondern direkt als Hassrede deklariert wird. Vermutlich in der Hoffnung, den Kritikern damit den Wind aus den Segeln nehmen zu können. Dass man mit so einer Wortwahl aber bereits die Schwäche der eigenen Position demonstriert bevor die Gegenseite auch nur den Mund aufgemacht hat, lasse ich jetzt einfach einmal so im Raum stehen.

Es wird viel relativiert („Nur 0,4 Prozent der Professuren sind der Genderforschung gewidmet, das ist doch alles nicht so wild!“) und man stilisiert sich selbst als Opfer („Gender-Bashing“). Also so weit, so erwartbar. Interessanter ist jedoch der letzte Abschnitt des Artikels, über den ich hier kurz ein paar Worte verlieren möchte:

„Die Biologie findet so viele Geschlechter, wie sie sucht“

[…]

„Wenn Biologen zwei Geschlechter finden wollen, finden sie auch zwei“, war am Biologie-Tisch zu erfahren. „Suchen sie fünf, finden sie fünf.“ Die Vorstellung, es gebe nur zwei Geschlechter, sei jedenfalls längst in Auflösung, weil die Zweigeschlechtlichkeit biologisch nur noch schwer zu beweisen sei. Allerdings leide das Fach Biologie an einem Mangel an Genderreflexion. Ein Kongress, auf dem sich Biologinnen mit Kulturwissenschaftlerinnen über Gender austauschen, könne Abhilfe schaffen, schlug eine Forscherin vor. Vielleicht verläuft die Debatte dann auch kontroverser als im Abgeordnetenhaus.

Vielleicht habe ich in meinem Biologiestudium zu viele Vorlesungen oder Seminare verpasst, aber mir war bis heute nicht bewusst, dass „Zweigeschlechtlichkeit nur schwer zu beweisen sei“. Es gibt Myriaden an empirischen Studien, durchgeführt über den Zeitraum vieler vergangener Dekaden bis hin zur heutigen Zeit, in denen die „Zweigeschlechtlichkeit“, also die Einteilung in einen männlichen und weiblichen Phänotyp und Genotyp, von Organismen verschiedener Spezies nachgewiesen wurde. Es gibt sogar ein Gen, welches bei Säugetieren (zu denen auch der Mensch zählt) klar definiert, ab wann ein Organismus als männlich oder weiblich angesehen werden muss: Das SRY-Gen, welches sich normalerweise auf dem Y-Chromosom befindet. Ist es vorhanden, kommt es während der Embryogenese zur Ausbildung von Hoden und damit zu einer Geschlechtsdifferenzierung hin zum männlichen Geschlecht. Ist es nicht vorhanden bzw. funktionslos, bilden sich Eileiter und Gebärmutter, und dieser Kaskade folgend kommt es zur Geschlechtsdifferenzierung hin zum weiblichen Geschlecht.

Durch Mutationen oder andere Fehlentwicklungen bei z.B. der Reifeteilung kann es zu verschiedenen Symptomen/Syndromen, wie z.B. dem XX-Mann, kommen. Hier hat ein Individuum kein Y-Chromosom, aber dennoch einen männlichen Phänotyp. Durch eine Translokation des SRY-Gen auf eines der X-Chromosome kommt es bei diesen Individuen zur Einleitung der männlichen Geschlechtsdifferenzierung. Auch in diesen Sonderfällen findet sich eine klare Einteilung in männlich und weiblich auf phänotypischer und genoytpischer Ebene: Ein XX-Mann hat einen weiblichen Genotyp (oder auch Karyotyp) und einen männlichen Phänotyp. Jegliche Abweichung von der Dichotomie, jede „Zwischenform“, ist eben genau das: Eine Mischung aus weiblichen und männlichen (Geschlechts)Merkmalen. Daraus folgt aber kein drittes, viertes oder fünftes Geschlecht.

Die Behauptung, die Biologie würde so viele Geschlechter finden, wie sie sucht, ist also kompletter Bullshit.

Aber jetzt kommt natürlich die Trumpfkarte der Anhänger diverser konstruktivistischer Theorien: Das soziale Geschlecht und biologische Geschlecht muss man voneinander trennen! Nein, muss man nicht. Zuerst einmal ist die willkürliche Trennung in ein soziales und biologisches Geschlecht eine unnötige Erhöhung der notwendigen Annahmen für eine Theorie. Zweitens zeigen Untersuchungen an transsexuellen Personen, dass geschlechtertypische Verhaltensweisen durch die Gabe von entsprechenden Hormonkonzentrationen beeinflusst werden können. Drittens zeigen unsere nächsten Verwandten eine vergleichbare „Zweigeschlechtlichkeit“ und bei diesen Spezies sind Einflüsse einer Sozialisierung, wie man sie beim Menschen findet, auszuschließen. Theorien, welche eine Einheit aus Nature versus Nurture annehmen, sind daher auf Basis der empirischen Forschung und unter der Beachtung von Ockhams Rasiermesser zu bevorzugen.

Im Artikel des Tagesspiegel finden sich noch Verweise auf zwei weitere Artikel zum Thema, in denen ähnliche Fehltritte zu finden sind. Um aber emotional nicht vollkommen aus der Balance zu fallen, verschiebe ich eine detaillierte Betrachtung und Besprechung dieser Artikel auf einen späteren Zeitpunkt.