Musik für Sexisten

Eigentlich möchte man meinen, dass es auch in Zeiten der gegenderten Wissenschaft, sexistischer Videospiele und Geschlechterdiskriminierung an der Ladentheke zumindest eine handvoll an Themen geben muss, welche nicht dem Vorwurf des Sexismus und der Frauenfeindlichkeit anheimfallen. Doch schließlich sprach einst Popkultur-Kritikerin Anita Sarkeesian wie der Prophet vom Berge zu uns: Everything is sexist, everything is racist. Und frei nach diesem Motto agiert auch die Schweizer Frauenzeitschrift annabelle und nimmt sich in einem Artikel den „Sexismus in der Musikbranche“ vor.

Zu Beginn stellt Autorin Miriam Suter folgende Fragen:

Wo sind eigentlich die Frauen auf den grossen Bühnen? Diese Frage beschäftigt mich schon lange. Und warum scheint es für Musikerinnen im Allgemeinen schwieriger zu sein, Erfolg zu haben?

Doch bevor wir zum Inhalt der „Analyse“ von Frau Suter kommen, möchte ich einen kurzen Abstecher in das Reich der anekdotischen Evidenz vornehmen: Als langjähriger Hobbymusiker und ehemaliges Mitglied mehrerer Musik- und Bandprojekte ist mir persönlich die „Musikbranche“ in vielen Teilaspekten durchaus vertraut. Bereits in den Anfangsjahren meiner musikalischen Tätigkeit ist mir aufgefallen, dass bei der Suche nach passenden Mitmusikern die Auswahl weiblicher Teilnehmer signifikant geringer war als die Anzahl männlicher Optionen. Vor allem für das typische Schema Unterhaltungsmusik, mit Schlagzeug, E-Gitarre, E-Bass und Gesang, fanden sich meistens nur für Letzteres Musikerinnen, während sich für die drei bis vier übrigen Instrumente oftmals ausschließlich die Herren der Schöpfung auftrieben ließen. In meiner jungen Naivität hörte meine Verwunderung darüber jedoch schnell wieder auf und mir genügte die selber hergeleitete Erklärung, dass sich dieses Ungleichgewicht durch unterschiedliche Interessen und Vorlieben zwischen Männern und Frauen erklären lässt.

Oh, wie ungebildet ich doch war! Hätte ich nur damals schon die Gelegenheit bekommen mich darüber belehren zu lassen, dass die primären Gründe für diese ungleiche Geschlechterverteilung natürlich nur eins sein können: Sexismus und Frauenfeindlichkeit.

In diesem Sinne belehrt daher auch Frau Suter einen nicht namentlich genannten Bekannten in ihrem Artikel über dieses „Sexismusproblem“:

It’s a Man’s World

„Was ist denn dein Problem, Frauen sind ja momentan in den Charts sehr gut vertreten“, meinte letztens ein Bekannter zu mir. Das mag stimmen. Aber diese Tatsache verstärkt eigentlich meine Frage: Warum sind sie dann beispielsweise an den Festivals nicht ebenso sichtbar? Fest steht: Die Musikwelt ist eine Männerdomäne. An den diesjährigen Musikfestivals in der Schweiz siehts jedenfalls grösstenteils mau aus mit dem Frauenanteil. Am Open-Air St. Gallen treten 42 Acts auf, darunter 14 Frauen – solo, als Teil einer Band oder als DJ. Am Zürich Openair steht zwar noch nicht das ganze Programm, der aktuelle Stand ist aber dennoch ernüchternd: Unter den 16 bestätigten Acts sind 2 Frauen. Nicht ganz so gravierend, aber ähnlich sieht es nach aktuellem Stand der bestätigten Acts am Gurtenfestival aus: Unter den 51 auftretenden Bands findet man elf Frauen.

Mein naives, jüngeres Ich möchte jetzt antworten: „Na ja, wenn im Durchschnitt weniger Frauen zu Schlagzeug, E-Gitarre und E-Bass greifen, dann muss doch allein dadurch schon ein quantitativer Unterschied entstehen, welcher sich natürlich auch in der Anzahl an Frauen auf Festivalbühnen niederschlägt“. Besonders dann, wenn die erwähnten Festivals mehrheitlich Bands einladen, die diesem Schema der Instrumentenverteilung folgen.

Das findet auch Philippe Cornu, der im nächsten Absatz zu Wort kommt:

Philippe Cornu bucht die Bands fürs Gurtenfestival und sagt: „Es gibt unbestritten weniger Musikerinnen als Musiker, die E-Gitarre, Schlagzeug oder Bass spielen. Gesang und Keyboards sowie Saxofon sind unter den Frauen eher verbreitet.“

Und er fügt hinzu:

„Wir achten im Bookingprozess nicht zwingend auf das Geschlecht, sondern darauf, welche Band, Musikerin oder Musiker gefällt, passt und auch auf Tour ist.“

Etwas schwammiger ist dann jedoch seine Erklärung dafür, warum weniger Frauen zu den genannten Instrumenten greifen:

„Warum dies so ist, hat geschichtliche Hintergründe in der gesellschaftlichen Entwicklung und der Stellung der Frau.“

Dass z.B. restriktive Geschlechterrollen in der Vergangenheit Frauen mit hoher Wahrscheinlichkeit davon abgehalten haben eine Musikerkarriere ins Auge zu fassen, wodurch auch das Erlernen eines Instruments obsolet wurde, ist kaum abzustreiten (Nachtrag: Das galt zumindest für Frauen, die nicht Teil des gehobenen Bürgertums waren; siehe Hausmusik). Ähnliches sollte jedoch auch für Männer gegolten haben, denn die kostengünstige Massenproduktion von Musikinstrumenten, sowie die Möglichkeiten der analogen und digitalen Tonaufnahme sind erst mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts Realität geworden. Die Anzahl der Instrumentalisten sollte sich vor dieser Zeit also stark in Grenzen gehalten haben, da nur für wenige überhaupt die finanziellen Möglichkeiten und Erfolgsaussichten bestanden einen solchen Karriereweg einzuschlagen. Ganz zu Schweigen davon, dass die besagten Instrumente (Schlagzeug, E-Gitarre und E-Bass) in ihrer heute noch gebräuchlichen Form erst im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden. Es können daher maximal die letzten 80 Jahre der „geschichtlichen Hintergründe in der gesellschaftlichen Entwicklung“ als Erklärung für das Geschlechterungleichgewicht herangezogen werden.

Insofern sich diese Argumentation als korrekt erweist, sollten wir außerdem Veränderungen dieses Ungleichgewichts finden; im besten Fall korreliert mit den Veränderungen der gesellschaftlichen Stellung der Frau. Wenn man sich allerdings die spärliche wissenschaftliche Literatur über dieses Thema anschaut, wird man überrascht. So schreibt Hal Abeles in seiner Publikation „Are Musical Instrument Gender Associations Changing?“ folgendes:

A comparison of the instruments played by boys and girls across three studies conducted in 1978, 1993, and 2007 showed little difference in the sex-by-instrument distribution. Girls played predominately flutes, violins, and clarinets, and most boys played drums, trumpets, and trombones.

Hier kommen wir also nicht weiter. Die empirischen Daten zeigen keine Veränderung der Präferenzen von Jungen und Mädchen bei der Wahl der Musikinstrumente. Realitätsferne Naturen könnten jetzt einwerfen: „Das liegt natürlich daran, dass sich auch die Stellung der Frau innerhalb der letzten 40 Jahre nicht verbessert hat!“. Und wer hätte es gedacht, in genau diese Kerbe schlägt auch der weitere Verlauf von Frau Suters Artikel:

Auch Fabienne Schmuki, Co-Geschäftsführerin der Zürcher Indie-Musikagentur Irascible Music, Kommissionsmitglied beim Popkredit der Stadt Zürich und Gründungsmitglied vom Musikverband Indie Suisse, findet: „Die Musikwelt ist eine Welt der Männer. In den Führungsetagen der grossen Schweizer Musiklabels gibt es kaum Frauen, wir besetzen vor allem die Positionen im Marketing oder der Kommunikation.“ Sie selbst hätten beim Berufseinstieg keine weiblichen Vorbilder gehabt. Schmuki hat, wie sie selbst sagt, eine „Männerschule“ genossen: „Ich arbeite viel mit Männern zusammen. Der Umgangston ist schon anders, rau, die Witze sind dreckiger. Aber wenn man damit keine Probleme hat, kann man sich in diesem Männerverein gut behaupten.“

[Hervorhebung nicht im Original]

Interessant ist hierbei nicht nur die Implikation, dass Frauen vermeintlich aufgrund von Geschlechterdiskriminierung seltener in den Führungsetagen großer Musiklabels sitzen. Nein, nicht nur das. Logischerweise ist diese fehlende weibliche Repräsentation in den Führungsetagen der Musiklabels auch der Grund dafür, warum Frauen weniger Interesse daran haben Schlagzeug, E-Gitarre und E-Bass zu spielen. Oder soll hier angedeutet werden, dass Musikgruppen sich auf Bestreben der Labels zusammenfinden und sozusagen „gecastet“ werden? Anderweitig lässt es sich mir zumindest nicht erklären, wie man diesen Zusammenhang herstellen kann. Sicherlich gibt es den stereotypen Fall der gecasteten Boy- oder Girlgroup. Die Mehrheit von Bands findet sich jedoch sehr oft vor dem Angebot eines Vertrags durch ein Label zusammen und ist bis zu diesem Zeitpunkt schon eine lange Zeit nicht-professionell aktiv.

Diese abstruse Mischung aus verdrehten Kausalitäten und anekdotischen Erzählungen setzt sich munter fort:

Eine Frau, die in ihrem Leben schon auf vielen Bühnen gestanden ist, ist Salome Buser. Sie spielt Bass in der Schweizer Bluesband Stiller Has. „Mir passiert es öfter, dass ich an meinen eigenen Konzerten nicht in den Backstage-Bereich gelassen werde, weil man mir nicht glaubt, dass ich zur Band gehöre“, erzählt sie. „Man sagt mir dann, ich sei doch nur ein Groupie, das reiche halt nicht, um hinter die Bühne zu kommen.“

[…]

Buser fügt an: „Vielleicht liegt es daran, dass generell weniger Instrumentalistinnen auf der Bühne stehen und wir deshalb nicht so stark als Musikerinnen wahrgenommen werden. Sondern in erster Linie als Frauen, die sich zuerst einmal beweisen müssen.“

Ein Abschnitt ließ mich dann doch laut auflachen:

Bleibt einer Musikerin also als einziger Ausweg, ihr Instrument in die Ecke zu stellen und ausschliesslich zu singen, um respektiert zu werden? Dass auch das keine Lösung ist, bestätigt die Schweizer Singer-Songwriterin Sophie Hunger: „Das Musikbusiness in der Schweiz ist sehr männerdominiert. Da hört man schnell mal: Komm Schatz, sing du, ich mach das hier mit den komischen Knöpfen!“

[Hervorhebung nicht im Original]

Ja, genau. Die Rollen in einer Band werden natürlich nach dem Geschlecht verteilt und nicht danach wer welches Instrument spielen kann oder wer eine ausgebildete Gesangsstimme besitzt.

Abschließend führt Frau Suter natürlich den heiligen Gral der Problemlösungen an und dieser lautet: Frauenförderung.

Die Hoffnung stirbt nicht

Eins ist klar: Mit dafür verantwortlich, dass es in der Schweiz weniger bekannte Musikerinnen als Musiker gibt, sind die fehlenden weiblichen Vorbilder. Und weniger Frauen auf den Bühnen bedeutet weniger Nachahmerinnen – ein Teufelskreis. Eine mögliche Lösung des Problems sieht Sibill Urweider in der ausgeglichenen musikalischen Förderung von Mädchen und Buben, um die Chancengleichheit bereits im Kindesalter voranzutreiben.

Schon im Kindesalter? Leider wird nicht näher spezifiziert, ab welchem Alter diese „ausgeglichene musikalische Förderung“ beginnen soll. Gehen wir aber einmal davon aus, dass der hier implizierte Zusammenhang korrekt ist und gesellschaftliche Normen dafür sorgen, dass Mädchen und Jungen schon im Kindesalter eine Vorstellung davon entwickeln, welche Instrumente von Frauen und welche von Männern gespielt werden sollten. Finden wir darüber Informationen in der empirischen Forschung?

Tatsächlich lassen sich Studien auffinden, die bereits in dreijährigen Kindern klare Geschlechterpräferenzen für bestimmte Instrumentengruppen aufzeigen. Die Autoren Marshall und Shibazaki schreiben in ihrem Artikel „Two studies of musical style sensitivity with children in early years“ dazu folgendes:

Results of the study suggested that even three-year-old children were able to make accurate discriminations between musical styles through the use of a broad range of referential criteria and also, we observed that a number of ‘person type’ and gender associations already appeared to be present in the attitudes and experiences of participants.

Und in einer zwei Jahre später erschienenen Studie mit dem Titel „Gender associations for musical instruments in nursery children: the effect of sound and image“ bestätigen die beiden Autoren ihre Ergebnisse. Die drei bis vier Jahre alten Kinder wurden unter zwei Bedingungen getestet: Zuerst wurden ihnen die Instrumente vorgespielt und ein Bild des jeweiligen Instruments gezeigt. In der zweiten  Bedingung bekamen die Kinder nur die Töne des Instruments zu hören.

Our current study explores the gender associations which very young children, many of whom have spent only a few months within the school system, have towards musical sounds and how these attitudes may be affected by the addition of an attendant image.

[…]

However, taken together, the results of this research appear to suggest that some form of association between very young children and the gender of individual instruments and musical styles already appears to exist in the very early stages of their educational life.

[Hervorhebung nicht im Original]

Die Kinder in dieser Studie zeigten nicht nur eine klare Geschlechterpräferenz, wenn sie die entsprechenden Instrumente sehen konnten und vorgespielt bekamen. Wurde den Kindern nur das Instrument vorgespielt, so drehte sich das Bild in die andere Richtung:

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Eine Beeinflussung der Geschlechterpräferenzen für bestimmte Instrumente durch vorherrschende gesellschaftliche Normen und Geschlechterrollen lässt sich mit diesen Ergebnissen nicht stützen und ist daher (zumindest in diesem jungen Alter) als unwahrscheinlich einzuschätzen. Es sei denn man möchte argumentieren, dass es ein Bestandteil gesellschaftlicher Normen ist, akustische Wahrnehmungen als weiblich und optische Wahrnehmungen als männlich einzustufen.

Zusätzlich schreiben die Autoren:

Most recently, Hallam, Rogers, and Creech (2008) reported that many of the historical patterns of gender-associated instruments were still in evidence with pupils freely opting for the gendered instruments at all stages of education, and Abeles (2009), reflecting on the intervening 30 or so years since his initial studies, concluded that only limited changes had occurred in schools with certain instruments still being strongly associated with one particular gender.

[Hervorhebung nicht im Original]

In einem letzten Test konnten die Kinder dann wählen, für welche Instrumente sie sich selbst entscheiden würden. Hier ergab sich wieder die eindeutige Geschlechterpräferenz, die sich seit Jahrzehnten beobachten lässt.

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Das junge Alter in dem die Geschlechterpräferenzen auftreten, die Konstanz mit der sich diese Präferenzen seit Jahrzehnten trotz gesellschaftlicher Veränderungen halten und die unterschiedlichen Rollenzuschreibungen bei entweder ausschließlich akustischen Reizen oder einer Kombination aus optischen und akustischen Reizen: Das alles weist auf biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern hin, die einen noch nicht näher bekannten Einfluss auf die Präferenz von Musikinstrumenten haben.

In jeder Publikation, die ich für diesen Artikel gelesen habe, wird erwähnt, dass dieses Phänomen noch viel zu wenig untersucht und daher weitere Forschung anzuraten ist. Umso überraschter war ich jedoch, dass in keiner dieser Publikationen auch nur angedeutet wird, dass die Ursachen dafür in Geschlechtsdimorphismen begründet sein könnten. Dieses Phänomen ist also auch ein Musterbeispiel dafür, wie sich Wissenschaftler der Interdisziplinarität verweigern können und stattdessen lieber weiter im Dunkeln herumfischen, anstatt einen Schritt zurückzugehen um das Gesamtbild zu betrachten.

Oder man macht es einfach wie Frau Suter und die Zeitschrift annabelle. Bietet schließlich auch die simpleren Lösungen.

„STROHMANN – Der Film“ feat. Andre Teilzeit

Mit Andre Teilzeit habe ich mich ja bereits vor einiger Zeit schon einmal beschäftigt. Bei der gewaltigen Menge an fragwürdigen Inhalten die Herr Teilzeit so produziert, war eine entsprechende Videoantwort aber mehr als notwendig. Viel Spaß!

Laut und dämlich – No Hate Speech.de

Hate Speech (dt. Hassrede). Dieser Begriff geistert bereits seit einigen Jahren durch die angloamerikanische Online- und Offlinesphäre. Bezeichnet wird damit oft ein Spektrum verschiedenartiger, als grenzüberschreitend wahrgenommener, verbaler Äußerungen. Die Breite dieses Spektrums reicht von gezielten Belästigungen von Einzelpersonen, bis hin zum Trollen (über dessen „Gefahr“ sich sicherlich ausgiebig streiten lässt) und vollkommen legitimer, aber unerwünschter Kritik. Auffallend hierbei: Auf eine eindeutige Definition wird (vermutlich bewusst) verzichtet. Ein nicht zu vernachlässigender Punkt, denn schließlich kann der Vorwurf der Verwendung von Hate Speech im schlimmsten Fall vor Gericht enden.

Und wie fast jeder neue, hippe „Trend“ schwappt natürlich auch die No Hate Speech-Bewegung über den großen Teich nach Europa. Die Akteure innerhalb dieser Bewegung haben jedoch den Vorteil, dass sie aus den Fehlern ihrer amerikanischen Kollegen und Kolleginnen lernen können. Denn während sich in den USA ein massiver Widerstand gegen diese offen zur Schau gestellte Bevormundung bilden konnte, verläuft der Prozess in Deutschland und anderen europäischen Staaten deutlich subtiler. Anstatt öffentlich auf die Barrikaden zu gehen und laut mit dem digitalen oder analogen Megaphon die eigene Überzeugung und den Wunsch für eine Schere im Kopf herauszuposaunen, wird hierzulande der Weg über die staatlichen Institutionen gegangen. Natürlich inklusive staatlicher Förderung und Fürsprache durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

No Hate Speech Movement nennt sich also reichlich unkreativ der deutsche/europäische Ableger dieser Kampagne für eine „saubere Sprache“ im Netz. Wie schon erwähnt finden sich beunruhigend viele Förderer für diese Kampagne auf der Webseite von No Hate Speech.de:

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Bei dieser „starken“ Unterstützung sollte man doch zumindest erwarten können, dass man einen konkreten Plan dafür hat, was man denn eigentlich mit einer solchen Kampagne erreichen möchte. Startpunkt dafür wäre, dass man zuerst einmal klar definiert, was denn eigentlich Hate Speech ist und anschließend belegt, dass diese negative Auswirkungen besitzt und in einer so signifikanten Häufigkeit vorkommt, dass damit eine Aufklärungs- und Präventionskampagne gerechtfertigt ist.

Beginnen wir ganz vorne: Was ist eigentlich Hate Speech bzw. wie ist diese definiert? No Hate Speech hat dafür folgende Erklärung parat:

Definitionen von Hate Speech

Es gibt keine einheitliche Definition von Hate Speech, weder in Deutschland noch international. Im Gesetzbuch wird Hate Speech (noch) nicht spezifisch erwähnt – verurteilt werden Beleidigungen oder Volksverhetzung. Das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass online haten erlaubt ist…, falls jemand auf die Idee käme.

Oh. Keine einheitliche Definition also. Na das kann ja heiter werden.

Es folgen zwei Verweise. Zum einen auf die Definition von Hate Speech durch den Europarat, welche breiter und schwammiger nicht sein könnte:

Hate speech for the purpose of the Recommendation entails the use of one or more particular forms of expression –namely, the advocacy, promotion or incitement  of  the  denigration,  hatred  or  vilification  of  a  person  or  group  of persons, as well    any harassment, insult, negative stereotyping, stigmatization or threat of such person or persons and any justification of all these  forms of  expression –that  is  based  on  a  non-exhaustive  list  of personal  characteristics  or  status  that  includes  “race”,  colour,  language, religion  or  belief,  nationality  or  national  or  ethnic  origin,  as  well  as  descent, age, disability, sex, gender, gender identity and sexual orientation.

Also quasi alles was in irgendeiner Weise negativ oder als beleidigend aufgefasst werden könnte.

Zum anderen folgt ein Verweis auf die Amadeu Antonio Stiftung. Diese versucht den Begriff Hate Speech aus „politischer und sprachwissenschaftlicher Sicht zu beschreiben“ sowie die „rechtliche Einordnung des Begriffs Hate Speech zu erklären“. Wer sich diese „Versuche“ antun möchte, der kann diese hier und hier nachlesen. Anstatt jedoch eine klare Definition für Hate Speech zu liefern, werden hier nur noch mehr Variablen in die Bewertung von sprachlichen Äußerungen integriert. So ist es z.B. vermeintlich relevant, ob die Äußerungen von privilegierten oder nicht-privilegierten Personen stammen:

Was Hate Speech ist, ist umstritten

Dass es innerhalb einer Sprachgemeinschaft unterschiedliche Meinungen darüber geben kann, ob ein bestimmter Ausdruck als Hassrede gilt oder nicht, ist selbst dort nicht überraschend, wo alle Beteiligten aufrichtig Position beziehen: Mitglieder einer privilegierten Gruppe empfinden einen sprachlichen Ausdruck häufig deshalb nicht als herabwürdigend/ verunglimpfend, weil er sich nicht gegen sie, sondern eben gegen eine (möglicherweise sogar unbewusst) als von der angenommenen Norm abweichende Gruppe richtet. […]

Inwieweit die „Privilegien“ einer Person bestimmt werden können und inwiefern diese in einem anonymen Online-Meinungsaustausch überhaupt von den Beteiligten erkannt werden können, bleibt natürlich offen.

Wir können also feststellen: Eine Definition von Hate Speech findet bisher nicht statt. Damit wird eigentlich auch alles weitere obsolet, aber lassen wir uns doch den Spaß nicht nehmen und schauen uns einmal die „Daten“ an, mit denen No Hate Speech zeigen möchte, dass Hassrede ein gesamtgesellschaftliches Problem darstellt gegen das Stellung bezogen werden muss.

Wie groß ist das Problem eigentlich?

Es ist schwierig, das genau zu sagen. Denn Hate Speech hat viele verschiedene Facetten und nicht alles kann dokumentiert werden. Drei ausgewählte Beispiele zeigen, wie häufig Hasskommentare sind und wer davon betroffen ist.

2015 hat der Europarat (Abteilung Jugend) eine Online-Meinungsumfrage gemacht: 83% der Befragten gaben an, dass sie online Erfahrungen mit Hate Speech gemacht haben. LGBTI-Jugendliche, Muslim*innen und Frauen waren die drei Haupt-Zielgruppen der Hasskommentare.

Rechtsextreme nutzen das Internet und Soziale Medien, um ihre Propaganda zu verbreiten und Anhänger*innen für ihre Ideologie zu gewinnen. Jugendschutz.net beobachtet diese Strategie und veröffentlicht die Ergebnisse jährlich im Bericht „Rechtsextremismus online“.

Die britische Zeitung The Guardian hat 70 Millionen Kommentare untersuchen lassen, die seit 2006 auf ihrer Website hinterlassen wurden. Das Ergebnis: Von den zehn am stärksten von Hate Speech betroffenen Autor*innen waren acht Frauen und nur zwei Männer, sie sind beide schwarz.

Erneutes Abwiegeln. Man kann das ja alles nicht so genau sagen. Dann folgen drei Beispiele, die jedoch nicht das intendierte Ergebnis zur Folge haben, sondern eher die Frage in den Raum stellen, ob man denn nichts Handfestes zum Vorzeigen hat.

Auf das Thema „Rechtsextreme“ möchte ich nicht weiter eingehen, da es hier meiner Meinung nach vollkommen gerechtfertigt ist eine Beobachtung potenzieller, volksverhetzender Aussagen vorzunehmen und diese an die entsprechenden staatlichen Organe weiterzuleiten. Warum hier jedoch „Rechtsextreme“ Äußerungen mit anderen unerwünschten Aussagen unter dem Schirm der Hate Speech zusammengefasst und gleichgesetzt werden, bleibt unklar, lässt aber tief blicken.

Auf die „Untersuchung“ des Guardian  möchte ich ebenfalls nur kurz eingehen: Die Methodik, mit der die 70 Millionen Kommentare ausgewertet wurden, ist grundsätzlich fehlerhaft. Das lässt sich aus folgendem Zitat aus der Methodenerklärung des Guardian zur Untersuchung entnehmen:

In our analysis we took blocked comments as an indicator of abuse and/or disruption. Although mistakes sometimes happen in decisions to block or not block, we felt the data set was large enough to give us confidence in the findings.

Wie unter anderem vielfach in den Kommentaren unterhalb des Artikels erwähnt wird, ist diese Form der Datenerhebung unzulässig, da die Moderatoren keinen objektiven Blockkriterien folgten, sondern „aus dem Bauch heraus“ entschieden, ob ein Kommentar zulässig oder unzulässig ist. Zusätzlich gibt es unzählige Beschwerden darüber, dass Kommentare geblockt wurden, die in keiner Weise „abusive“ oder „disruptive“ waren und ausschließlich legitime Kritik enthielten. Für einen potenziellen Bias der Moderatoren wurde also nicht kontrolliert und aus diesem Grund ist auch die gewaltige Datengrundlage von 70 Millionen Kommentaren unbrauchbar.

Kommen wir also zur Online-Meinungsumfrage des Europarats: Was hier zusammengetragen wird kann man eigentlich nur als einen schlechten Witz bezeichnen. Zum einen sind online durchgeführte Umfragen in der Mehrheit der Fälle als qualitativ sehr schlecht einzuschätzen, da keine Kontrolle darüber existiert ob die Befragten auch wirklich nur einmal teilgenommen haben und ob die Antworten der Teilnehmer überhaupt als authentisch eingeschätzt werden können. Zum anderen haben Online-Umfragen noch stärker mit dem sogenannten Selbstselektions-Bias zu kämpfen, als z.B. Telefonumfragen oder persönliche Gespräche mit einem Interviewer. Es gibt keine Kontrolle darüber, wer  überhaupt an der Umfrage teilnimmt und somit kann die Stichprobe nicht als Zufallsstichprobe angesehen werden. Dass die Auswahl der Stichprobe zufällig erfolgt, ist aber eines der wichtigsten Gütekriterien bei der Einschätzung darüber, ob es sich um eine repräsentative Umfrage handelt. Ein kurzer Blick auf die deskriptiven Daten der Stichprobe zeigt: Junge (d.h. unter 30 Jahren), weibliche Studenten sind massiv überrepräsentiert.

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(Ich entschuldige mich für die schlechte Qualität der Abbildungen. Leider gibt die Quelle nicht mehr her.)

Die Daten sind also als nicht-repräsentativ für die Gesamtbevölkerung einzuschätzen und die Aussagekraft der Umfrage sinkt somit gegen Null. Witzig jedoch: Auf die Frage, ob die Teilnehmer der Umfrage sich durch Online Hate Speech jemals bedroht oder angegriffen/beleidigt gefühlt haben, antwortet die Mehrheit (63,5%) mit „Nein“.

Im Zusammenhang mit dieser Umfrage möchte ich auch noch auf den Blogartikel von stefanolix verweisen, der sich mit einer ähnlichen Umfrage aus dem Jahr 2012 beschäftigt hat und vergleichbare Probleme bei der Stichprobe findet.

Der Berg voller Bullshit wächst und wächst, und hier noch tiefer zu graben würde vermutlich einem kompletten Verfall zum Wahn gleichkommen. Aber es ist wie ein Motorradunfall: Man kann nicht wegschauen, so sehr man es auch möchte. Weiter geht es also auf der Webseite von No Hate Speech:

Was ist Cybermobbing?

Cybermobbing findet nicht auf dem Schulhof, sondern im Internet statt. Allerdings sind die Opfer nicht nur Schüler*innen, sondern ganz allgemein gesagt: User*innen, die über längere Zeit belästigt, beleidigt, bedroht oder bloßgestellt werden. Wer von Cybermobbing betroffen ist oder mitbekommt, dass jemand gemobbt wird, kann sich wehren oder Betroffene unterstützen. Der „klicksafe-Tipp“ erklärt Schritt für Schritt wie.

Das „Bündnis gegen Cybermobbing“ hat in einer Studie herausgefunden, dass mittlerweile immer mehr Erwachsene im Netz gemobbt werden, meistens übrigens Frauen.

Aus unerklärlichen Gründen führt man auf dem Abschnitt „Wissen“ der No Hate Speech Webseite zusätzlich auch noch den Begriff des Cybermobbing ein. Inwieweit ein Zusammenhang zwischen Online Hate Speech und Cybermobbing besteht, bleibt jedoch ebenfalls unklar. Aber netterweise wird auf eine Studie des „Bündnis gegen Cybermobbing“ verwiesen, mit dem Zusatz, dass eines der Ergebnisse dieser Studie besagt, dass immer mehr erwachsene Frauen im Netz gemobbt werden, d.h. von Cybermobbing betroffen sind. Schauen wir uns dafür doch einmal Abbildung 5 aus der besagten Studie an:

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Interessant ist hier vor allem, dass sich die Studie nicht nur mit Cybermobbing befasst, sondern auch gleichzeitig Daten über das Vorkommen von Mobbing erhebt. Die relativen Anteile der Betroffenen geben bereits erste Hinweise darauf, was die Gründe dafür sein könnten. War den Autoren bereits vorher klar, dass nur ein extrem geringer Anteil der Befragten überhaupt von Cybermobbing betroffen ist?

Aber zurück zu den Daten: 7,6% der männlichen Befragten und 8,3% der weiblichen Befragten sind betroffen. Eine Frage die sich mir hier sofort stellt ist: Haben die Autoren der Studie schon einmal etwas von Inferenzstatistik gehört? Warum wird hier nicht einmal der Versuch unternommen mit statistischen Messverfahren zu untersuchen, ob die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen (Männer vs. Frauen) nicht nur zufällig durch die Wahl der Stichprobe entstanden sind? Vielleicht wenigstens einmal einen t-Test anwenden? Das wäre wohl zu viel verlangt.

No Hate Speech zieht also die Frauenkarte, obwohl diese Aussage nicht von den Daten der Studie gestützt wird. Ganz im Gegenteil: Die Verteilung der „Rollen“ ist zwischen den Geschlechtern sogar sehr ausgeglichen.

Gehen wir aber noch einmal einen weiteren Schritt zurück an den Anfang der Studie, dort wo wir auf die Wurzel allen Übels stoßen. Die Stichprobe ist (mal wieder) kompletter Murks:

Die  vorliegende  Studie  wurde  als  standardisierte  Onlinebefragung  konzipiert. Die  Erhebung erfolgte  in  der  Zeit  vom  11.  bis  24.  November  2013.  Die Grundgesamtheit  umfasste  alle Personen  in  der  Bundesrepublik  Deutschland,  die 18  Jahre  oder  älter  waren.  An  der  Erhebung beteiligten  sich  brutto 8.915 Personen.  Diese  Stichprobe  wurde  um  nicht  vollständig ausgefüllte Fragebögen und  nicht  plausible  Datensätze  bereinigt,  so  dass  sich  eine  Netto-Stichprobe  von 6.296 Fällen  ergibt.

Die  Stichprobe  verteilt  sich  fast  analog  zur  tatsächlichen  Bevölkerungsverteilung  auf  die  16 Bundesländer  bzw.  Stadtstaaten  (vgl.  Abb.  1). […] Die  Stichprobe  kann  daher  als  spezifisch  repräsentativ  bezeichnet  werden.  Die  Hälfte  der Stichprobe  weist  den  beruflichen  Status  eines  Angestellten  auf,  die  nächstgrößte  Gruppe sind Schüler, Studenten oder Personen in der Ausbildung (13%).

[Hervorhebung nicht im Original]

Die Stichprobe ist also spezifisch repräsentativ, weil die Verteilung der Stichprobe fast der tatsächlichen Bevölkerungsverteilung auf die Bundesländer gleicht? Da die Autoren nicht wirklich viel über die Verteilung des Vorkommens von Mobbing und Cybermobbing wissen können, muss eine Zufallsstichprobe gezogen werden um Repräsentativität zu gewährleisten. Der Verweis auf eine merkmalsspezifische Repräsentativität der Stichprobe ist nichts weiter als ein sprachlicher Trick um den Anschein einer höher-qualitativen Stichprobe zu erzeugen. Die Autoren konnten weder dafür kontrollieren, dass die Angaben der Befragten korrekt sind, noch ob es einen Selbstselektions-Bias gab. Studenten und Auszubildende sind erneut deutlich überrepräsentiert, während Arbeiter und Selbstständige deutlich unterrepräsentiert sind.

Gleiches gilt für die Altersverteilung und die Geschlechterverteilung:

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In der Stichprobe sind junge Frauen deutlich überrepräsentiert. Insgesamt lässt sich also der verwendeten Stichprobe keine Repräsentativität attestieren.

Es wird auch langsam klar warum eine Vermengung der zwei Begrifflichkeiten Mobbing und Cybermobbing vorgenommen wurde. Die Autoren schreiben in ihrem Fazit:

Die Ergebnisse sind erschreckend: Fast 30% geben an, schon einmal in irgendeiner Form Opfer von Mobbing oder Cybermobbing geworden zu sein.

Offenbar entsprachen die Daten über Cybermobbing nicht den Vorstellungen der Autoren. Hier musste also nachgeholfen werden, um die Gefährlichkeit und die Häufigkeit des Cybermobbing künstlich aufzublähen. Schließlich klingen 8% nicht ganz so eindrucksvoll wie 30%. Eine Taktik, die ich auf meinem Blog nicht zum ersten Mal aufgedeckt habe.

Fazit: Alles was nötig wäre um die Kampagne von No Hate Speech zu rechtfertigen fällt also bereits am Startblock flach auf den Boden. Weder wird der Begriff Hate Speech klar definiert, noch werden aussagekräftige, empirische Daten vorgebracht, welche die Gefährlichkeit und Häufigkeit von Hate Speech belegen könnten. Im Fall der Studie über Cybermobbing muss der Sachverhalt des Mobbing herangezogen werden, um das Vorkommen des Cybermobbing nach oben zu schrauben. Letztendlich versucht man sich mit dem Verweis auf scheinbar wissenschaftliche Studien selbst den Anschein von Wissenschaftlichkeit und Legitimation zu verleihen. Dieses Vorgehen ist unlauter und beschämend für die Verantwortlichen von No Hate Speech; und noch mehr für die staatlichen Förderer. Was diese aber vermutlich nicht sonderlich stört und damit den verabscheuungswürdigen Hintergrund der Kampagne No Hate Speech noch deutlicher offenbart.

Addendum: Christian Schmidt und Lucas Schoppe haben sich ebenfalls der No Hate Speech Kampagne gewidmet. Klare Leseempfehlung!

Doktorant empfiehlt: Robert Sapolsky / In eigener Sache

Für jeden, der sich zumindest ein klein wenig für die biologischen Aspekte von (menschlichen) Verhaltensweisen und -abläufen interessiert, ist die Vorlesungsreihe „Human Behavioral Biology“ von Prof. Robert Sapolsky vermutlich ein Begriff. Aber falls dem nicht so sein sollte, kommt hier meine rettende Empfehlung. Wer sich die komplette Playlist mit 25 Videos anschauen möchte, der muss schon einiges an Sitzfleisch mitbringen. Aufgrund der ruhigen und leicht verständlichen Erklärweise von Robert Sapolsky kann man sich seine Vorlesung aber durchaus auch als eine Art Hörbuch nebenbei zu Gemüte führen, während man sich mit anderen Dingen beschäftigt. Zumindest dann, wenn diese Dinge den Geist nicht allzu sehr anstrengen. Lange Rede, kurzer Sinn, viel Spaß!


In eigener Sache: Aufgrund eines Projektes, welches kurz- bis mittelfristig einen großen Anteil meiner Aufmerksamkeit und Zeit einfordern wird (und nicht zu vergessen der aktuell allgemeinen Urlaubsstimmung), werde ich meine Inhalte auf diesem Blog von derzeit 3 mal die Woche (Montag, Mittwoch, Freitag) auf vorerst 1 mal die Woche reduzieren. Sobald sich meine zeitliche Situation wieder normalisiert hat, wird sich auch die Anzahl meiner Posts wieder erhöhen.

Im selben Atemzug möchte ich auch gleich noch einmal meinen Twitter-Account erwähnen: @DerDoktorant. Wer gerne darüber auf dem Laufenden bleiben möchte was ich dort tagtäglich so treibe, dem sei ein kurzer Klick auf den Follow-Button empfohlen. Vielen Dank im Voraus und ich wünsche schon einmal vorab ein angenehmes Wochenende!

Worte = Taten (oder auch „Traue keiner Definition, die du nicht selbst verdreht hast.“)

Der Begriff der „Hassrede“ (engl. hate speech) ist derzeit vor allem in deutschen Medien sehr präsent. Nachdem erst vor kurzem das BKA deutschlandweit 60 Hausdurchsuchungen im Zusammenhang mit sogenannten „Hasskommentaren“ (oder auch „Verbalradikalismus“) durchgeführt hat, Justizminister Heiko Mass Facebook dazu zwingen möchte nicht genehme Kommentare zu löschen und die Amadeu Antonio Stiftung an den Grundlagen für eine Stasi 2.0 arbeitet, stellt sich mir die Frage, woher dieser Begriff hate speech eigentlich kommt und was die Wissenschaft dazu zusagen hat. Die Bezeichnung „Wissenschaft“ verwende ich hier (wie leider so oft) als eine sehr vorsichtige Umschreibung dessen, was einem beim Blick in folgendes Paper erwartet:

Heterosexuals‘ Attitudes Toward Hate Crimes and Hate Speech Against Gays and Lesbians

Modern racism and sexism have been studied to examine the different ways that prejudice can be expressed; yet, little attention has been given to modern heterosexism. This study examined the extent to which modern heterosexism and old-fashioned heterosexism predict acceptance of hate crimes against gays and lesbians and perceptions of hate speech. Male (n= 74) and female (n= 95) heterosexual college students completed a survey consisting of scales that assessed modern and old-fashioned heterosexism, acceptance of violence against gays and lesbians, attitudes toward the harm of hate speech and its offensiveness, and the importance of freedom of speech. Results indicated strong negative relations between both modern and old-fashioned heterosexism and the perceived harm of hate speech. When old-fashioned heterosexism, modern heterosexism, and the importance of freedom of speech were combined to predict hate crime and hate speech attitudes, only old-fashioned heterosexism predicted acceptance of hate crimes. All three predictors contributed to the perception of the harm of hate speech. Gender differences in the role of the importance of freedom of speech in predicting attitudes toward hate crimes and hate speech are noted.

Um kurz zusammenzufassen: Die Autoren postulieren eine Unterscheidung von Heterosexismus (d.h. Sexismus von heterosexuellen Menschen gegenüber homosexuellen Menschen) in einen „altmodischen“ bzw. „traditionellen“ Heterosexismus und einen modernen Heterosexismus.

Diese beiden Begriffe unterscheiden sich, laut den Autoren, wie folgt:

  • Traditioneller Heterosexismus ist eine direkte und öffentliche Zurschaustellung von Meinungen, die eine Ablehnung von Homosexualität und homosexuellen Menschen ausdrücken.
  • Moderner Heterosexismus ist im Gegensatz dazu keine eindeutige und öffentliche Zurschaustellung ablehnender Meinungen, sondern drückt sich in der Befürwortung und Unterstützung von politischen Maßnahmen aus, welche in der Benachteiligung von Minderheiten resultieren.

Hier noch einmal im Wortlaut der Studie:

Old-fashioned heterosexism, or overt sexual prejudice, is a clear expression of negative attitudes toward and  dislike of  gays  and  lesbians,  whereas  modern  heterosexism is  amore subtle type of heterosexism. […]
Old-fashioned heterosexism, like old fashioned racism and sexism may be evolving into a modern form, referred to as symbolic racism (Sears, 1988) or modern racism (McConahay, 1986). Modern racists do not directly express dislike of people of color, and they do not affirm beliefs in the inferiority of minority groups. However, they do support policies that result in disadvantages for minority groups (e.g., elimination of affirmative action, busing). Often, such policies are defended in the guise of support of traditional values. Thus, modern racism is a subtle, indirect way of opposing a group.

Die Autoren möchten nun mit Hilfe mehrerer Befragungen von Studenten (Stichprobe: n = 171; 74 männlich, 95 weiblich; 2 keine Angabe; Durchschnittsalter = 26,72 Jahre) herausfinden, ob ein höherer Wert in der Skala „traditioneller Heterosexismus“ mit einer höheren Akzeptanz von hate crimes und hate speech einhergeht. Parallel dazu erwarten die Autoren, dass ein höherer Wert in der Skala „moderner Heterosexismus“ zwar mit einer höheren Akzeptanz von hate speech, aber nicht von hate crimes einhergeht.

Zusätzlich erfassen die Autoren noch, wie wichtig den Probanden die Meinungsfreiheit ist. Eine höhere Wertschätzung der Meinungsfreiheit soll, laut den Autoren, ebenfalls mit einer höheren Akzeptanz von hate speech einhergehen. In einem finalen Test wurden den Probanden 3 fiktive Szenarien in Textform vorgelegt in welchen Beispiele von hate speech dargestellt wurden. Die Probanden sollen dann bewerten wie beleidigend bzw. gefährlich sie die Szenarien empfinden.

Nach der etwas langen und trockenen Einleitung kommen wir jetzt zum interessanten Part, nämlich den Definitionen von hate crimes und hate speech, welche die Autoren als Grundlage für ihre Studie nehmen:

A hate crime is a criminal act in which the victim was targeted because of the actual or perceived race, color, religion, national origin, ethnicity, gender, disability, or sexual orientation. This may include, but is not limited to, threatening phone calls, hate mail, physical assaults, vandalism,  fires,  and  bombings. […]

In contrast to hate crimes, hate speech is a generic term that has come to embrace the use of speech attacks based on race, ethnicity, religion, and sexual orientation or preference. The expression of hate is not a crime in and of itself. The differences between hate crimes and hate speech  rests  on  the  distinction  between  acts  and  symbols  or  words. Acts, such as assault, battery, vandalism, arson, murder, lynching, and physical harassment, are punishable under our criminal and civil laws. Words, like kike, faggot, nigger, spic, pictures–such as those in pornography depicting women as degraded or abused for sexual pleasure–and symbols are protected by courts as acts of individual expression.

Die Autoren ziehen hier also eine klare Grenze zwischen Handlungen (d.h. hate crimes) und Sprache (d.h. hate speech). Es ist natürlich grundsätzlich schwierig, wenn man sich auf einen theoretischen Bezugsrahmen stützt, zu dem leider am Ende die erhobenen Daten nicht passen.

Aber ich greife voraus. Bevor wir zum überwältigenden Doppeldenk der Autoren in der Interpretation der Daten kommen, müssen wir uns zuerst anschauen, was die fünf Damen denn so herausgefunden haben:

Table1

Die deskriptive Statistik ist schnell erklärt. Die gesamte Stichprobe pendelte sich bei 5 der 7 Variablen in der Mitte der Skalen ein. Nur bei „Offensivesness“ und „Harmfulness“ der 3 Szenarien war die gesamte Stichprobe näher am Maximum der Skalen, d.h. die Probanden schätzten die Szenarien als sehr beleidigend und gefährlich ein.

Zwischen den Geschlechtern gab es ebenfalls Unterschiede. Männer tendierten zu höheren Werten bei den ersten 5 Variablen und zu geringeren Werten bei „Offensiveness“ und „Harmfulness“ der Szenarien. Bei den Frauen war es genau umgekehrt.

Um die Zusammenhänge zwischen den Variablen zu analysieren, haben die Autoren anschließend die Interkorrelationen zwischen den Variablen berechnet und Regressionsanalysen durchgeführt.

Da ich die starke Vermutung habe, dass sich die Daten vermutlich sowieso niemand im Detail anschauen wird, hier nur der Vollständigkeit halber:

Table2

Table3Was soll uns das jetzt also alles sagen? Die Autoren beschreiben das selbst in der  Diskussion ihrer Studie so:

When old-fashioned and modern heterosexism were combined with importance of freedom of speech to predict approval of hate crimes and the harm of hate speech, a different pattern emerged. Controlling for old-fashioned heterosexism, modern heterosexism did not contribute a unique effect for approval of hate crimes or responses to the scenarios. Thus, though modern heterosexism predicted both ap- proval of hate crimes and minimization of the harm and offensiveness of hate speech as described in explicit scenarios, these relations are attributable to modern   heterosexism’s overlap with old-fashioned heterosexism. However, modern heterosexism did sustain an independent contribution to the perceived harm of hate speech.

Die anfängliche Einteilung in traditionellen und modernen Heterosexismus geht also voll nach hinten los. Diese beiden Formen des Sexismus treten nicht parallel auf. Stattdessen besteht eine große Überlappung zwischen modernem und traditionellem Heterosexismus. Personen die modernen Heterosexismus zeigen, zeigen also auch traditionellen Heterosexismus. Es liegt die Vermutung nahe, dass Sexisten ihren Sexismus in der heutigen Zeit einfach besser tarnen, anstatt dass es eine neue Form des unterschwelligen Sexismus gibt, der jetzt von einer breiten Öffentlichkeit geteilt wird.

Aber anstatt dass die Autoren anerkennen, dass die Prämissen ihrer Studie Fehler aufweisen, beginnen sie jetzt damit sich ihre Ergebnisse schön zu reden.

The question arises as to why modern heterosexism predicted the perceived harm of hate speech more strongly than the offensiveness and harmfulness of the speech in the scenarios, as demonstrated by the independent effect of modern heterosexism in the regressions on harm of hate speech but not on responses to the scenarios. Because the scenarios are specific and strong instances of hate speech (and instances that have actually been reported), modern heterosexism may contribute to hate speech only when the issue is phrased in the abstract. When the egregious behavior is explicitly described, it may only be the more overt type of heterosexism that becomes engaged in responses to hate speech. However, it is not that the participants regarded the speech as hate crimes because freedom of speech predicted responses to the harm of hate speech and the responses of the scenarios and did not predict approval of hate crimes. (Hervorhebung nicht im Original)

Ah ja. Moderner Heterosexismus offenbart sich also nur dann, wenn hate speech in einer abstrakten Form(?) und nicht in einem realen Szenario dargeboten wird. Völlig nachvollziehbar.

Does this mean that modern heterosexism is innocuous because it is only related to the perceived harm of hate speech abstractly stated and not to responses to the scenarios and approval of hate crimes? No, and for several reasons. First, there was a strong intercorrelation between old-fashioned and modern heterosexism. When modern heterosexism is expressed it is possible that it has become old-fashioned heterosexism or sexual prejudice gone underground. Secondly, speech and acts are inseparable and the line between speech and acts is arbitrarily drawn. […] (Hervorhebung nicht im Original)

Was. Zur. Hölle. Die Grenze zwischen Sprache und Handlungen ist willkürlich?

Wie war das doch gleich am Beginn der Studie?

The differences between hate crimes and hate speech rests on the distinction between acts and symbols or words.

Jetzt wird vor allem eine Sache glasklar: Für die Autoren gibt es keinen Unterschied zwischen Worten und Taten. Ein verbaler „Angriff“ ist gleichbedeutend mit einem physischen Angriff. Den fünf Damen schmeckt es daher offensichtlich überhaupt nicht, dass es in den USA einen sehr starken Schutz der Meinungsfreiheit gibt und hier würde man sich vermutlich am liebsten eine Änderung des First Amendments der Verfassung der Vereinigten Staaten wünschen.

Dabei erkennen die Autoren am Ende sogar an, dass das Wertschätzen der Freedom of Speech keinen Zusammenhang mit der Akzeptanz von hate speech hat.

However, freedom of speech was not the mechanism by which modern heterosexists justified tolerance of hate speech of gays and lesbians. Freedom of speech was an independent predictor and controlling for freedom of speech did not reduce the effect of modern heterosexism on the harm of hate speech.

Erneut zeigt sich, dass Schlagworte wie hate speech auf einem sehr wackeligen, „akademischen“ Fundament gebaut sind. Wenn es den Autoren nicht passt, dann wird einfach die Definition von hate speech angezweifelt und umgedeutet, um dann die erhobenen empirischen Daten ins rechte Licht zu rücken.

Schlimmer ist jedoch, dass aus jeder geschriebenen Zeile die Unzufriedenheit darüber trieft, dass Worte und Taten nicht einfach mal eben gleichgesetzt werden können. Wenn das die Attitüde ist, aus der sich auch die aktuellen Bestrebungen in Deutschland und Europa speisen, dann können wir uns ja für die kommenden Wochen und Monate schon einmal warm anziehen. #amadeuantoniofilme

Die deutsche Rape Culture

Ausgehend von meinem letzten Artikel über das kritische Denken habe ich mir einmal den feministischen Fachbegriff der Rape Culture vorgenommen. Passend dazu analysiere ich die Validität der vorgebrachten Argumentation des Blogs Pinkstinks, dessen Autoren behaupten, dass in Deutschland eine Rape Culture existiert. Ist das wirklich so oder wird erneut gezeigt, dass ein korrekter Nachweis der eigenen Behauptungen als irrelevant betrachtet wird? Viel Spaß!