Post Mortem – Identitätspolitik / Shadowban auf Twitter / #NetzDG [Dokto-RANT #7]

In diesem RANT-Video beschäftige ich mich mit der Reaktion zu meinem letzten Video über Identitätspolitik, rede über meinen Erhalt eines zweitägigen Shadowbans auf Twitter und über das kürzlich beschlossene Netzwerkdurchsetzungsgesetz a.k.a. NetzDG.

Viel Spaß!

 

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Die Quadratur der Liebe – Jäger & Sammler auf Abwegen

Der Youtube-Kanal „Jäger & Sammler“, Mitglied des öffentlich-rechtlichen Content-Netzwerkes FUNK, hat vor kurzem in einem Video eine Einladung für ein Gespräch an Die Vulgäre Analyse, Dorian der Übermensch und mich ausgesprochen. Wie genau das ablaufen sollte, was uns für Bedingungen gestellt wurden und warum das Gespräch (vermutlich) nicht zustande kommen wird erläutere ich in folgendem Videobeitrag. Viel Spaß!

Offener Brief an FUNK / EditionF / Identitätspolitik [Dokto-RANT #5]

In dieser Folge meiner RANT-Videoserie behandle ich den offenen Brief an ARD, ZDF und FUNK sowie die Antwort der öffentlich-rechtlichen Medien. Zusätzlich spreche ich noch einige kleinere Ereignisse der letzten Wochen an, so z.B. das Debakel um EditionF, das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, den neu gewonnenen Einfluss von PinkStinks auf die Werbewirtschaft und die Selbstfindung der deutschen „Skeptiker-Community“ auf Youtube. Viel Spaß!

Willkommen im postfaktischen Zeitalter

Die Begriffe „postfaktisch“ und „Fake News“ geistern ja nun bereits seit einiger Zeit durch den globalen Äther des Internets. Höchste Zeit also, sich diesen beiden Begrifflichkeiten mit einer kritischen Analyse zu nähern und zu klären, was denn überhaupt damit gemeint ist, wenn in Politik und Medien von „Fake News“ und einem postfaktischen Zeitalter gesprochen wird. Viel Spaß!

Vollständige Quellenangaben (chronologisch):

Willkommen in der postfaktischen Welt ► http://cicero.de/salon/politik-und-wahrheit-willkommen-in-der-postfaktischen-welt

Erklärt: Was Fake-News in Deutschland anrichten können ► http://www.bento.de/today/fake-news-was-ist-das-und-wie-koennten-sie-den-wahlkampf-in-deutschland-beeinflussen-1058758/

Angela Merkel und das postfaktische Zeitalter ► http://www.rp-online.de/politik/deutschland/angela-merkel-und-das-postfaktische-zeitalter-die-kanzlerin-und-die-macht-des-wortes-aid-1.6283541

„Soziale Medien machen Welt nicht demokratischer“ ► https://futurezone.at/netzpolitik/soziale-medien-machen-welt-nicht-demokratischer/239.238.377

Der Skandal um Hitlers „Tagebücher“ ► http://www.ndr.de/kultur/geschichte/chronologie/1983-Der-Skandal-um-die-Hitler-Tagebuecher,tagebuecher2.html

The history of Satanic Panic in the US — and why it’s not over yet ► http://www.vox.com/2016/10/30/13413864/satanic-panic-ritual-abuse-history-explained

Das harte Geschäft mit Nachrichten ► http://www.zeit.de/1964/17/das-harte-geschaeft-mit-nachrichten

Zeitungsente ► https://de.wikipedia.org/wiki/Zeitungsente

Wo der Grubenhund bellte ► http://www.zeit.de/1953/24/wo-der-grubenhund-bellte

Loriot – Die Steinlaus ► https://www.youtube.com/watch?v=DVKsbeayihI

Alligators in the Sewer ► http://urbanlegendsonline.com/alligators-in-the-sewer/

Spontane menschliche Selbstentzündung? ► https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/videos/spnontane-menschliche-selbstentzuendung-100.html

Gabriel will erst nach der Bundestagswahl entscheiden, wer SPD-Kanzlerkandidat wird ► http://www.der-postillon.com/2017/01/k-frage.html

This Analysis Shows How Fake Election News Stories Outperformed Real News On Facebook ► https://www.buzzfeed.com/craigsilverman/viral-fake-election-news-outperformed-real-news-on-facebook?utm_term=.dw7lxo4VA#.noWy2gbBV

Shots Hired ► http://www.snopes.com/wikileaks-cofirms-hillary-clinton-sold-weapons-to-isis/

Former AG: Hillary Clinton May Have Broken Four Laws With Email Server ► http://dailycaller.com/2016/03/03/former-ag-hillary-clinton-may-have-broken-four-laws-with-email-server-video/

Former AG Michael Mukasey says he’s wrong about Clinton emails ► http://www.msnbc.com/msnbc/former-ag-michael-mukasey-says-hes-wrong-about-clinton-emails

Hillary Clinton warns fake news can have ‚real world consequences‘ ► https://www.theguardian.com/us-news/2016/dec/08/hillary-clinton-fake-news-consequences-pizzagate

Politiker fordern harte Strafen für Fake News ► http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-12/fake-news-strafen-gefaengnis-falschmeldungen-heiko-maas-martin-schulz

Tomorrow’s Internet: A World of Hyper-Personalized Tribes? ► https://www.wired.com/insights/2014/03/todays-internet-world-hyper-personalized-tribes/

How Facebook and Google Now Dominate Media Distribution ► https://mondaynote.com/how-facebook-and-google-now-dominate-media-distribution-6263365d141a#.y0yvy48gy

How Facebook Biases Your News Feed ► http://www.forbes.com/sites/nelsongranados/2016/06/30/how-facebook-biases-your-news-feed/#6895c6025bc7

Yuval Noah Harari on big data, Google and the end of free will ► https://www.ft.com/content/50bb4830-6a4c-11e6-ae5b-a7cc5dd5a28c

Grunddaten Jugend und Medien 2017 ► http://www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/Grundddaten_Jugend_Medien.pdf

Tribalismus/Tribalism ► https://en.wikipedia.org/wiki/Tribalism

Globe Earther kapitulieren: Erde ist 100% flach ► https://www.youtube.com/watch?v=XeasCLykYc0

Die Evolutionslüge ► https://www.youtube.com/watch?v=aLN9IvRwMpQ

Ist die Erde wirklich 6000 Jahre alt ? – Was die Bibel über die ersten Zeitalter der Erde sagt ► https://www.youtube.com/watch?v=aWZp9d-MlMU

Ungeimpfte Kinder sind gesünder / Impfen tötet und macht Krank ► https://www.youtube.com/watch?v=MY4PgpJmJR4

Politiker sprechen Klartext – BRD KEIN STAAT! | Wir zeigen Lösungen! Königreich Deutschland ► https://www.youtube.com/watch?v=6mKh0rkCLfY

Chemtrails 100% erklärt ► https://www.youtube.com/watch?v=CmAf1ObVYBM

Übersicht ausgewählter Informationspathologien / Bestätigungsfehler ► http://www.fh-kiel.de/fileadmin/data/wirtschaft/dozenten/schneider_stephan/Science/ResearchReport/Informationspathologien.pdf

Blue Feed, Red Feed ► http://graphics.wsj.com/blue-feed-red-feed/

Liberal Media See ‘Fake News’ Label Thrown Back In Their Faces ► http://dailycaller.com/2016/12/09/liberal-media-see-fake-news-label-thrown-back-in-their-faces/

„Ihr seid Fake News!“ ► http://www.spiegel.de/politik/ausland/donald-trump-gibt-pressekonferenz-ihr-seid-fake-news-a-1129595.html

Schulz fordert EU-weites Gesetz gegen Fake News ► http://www.sueddeutsche.de/politik/fake-news-schulz-fordert-eu-weites-verbot-von-falschmeldungen-1.3299552

Unionspolitiker fordern härtere Strafen für Fake News ► http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-12/cdu-fake-news-strafen-facebook

Vortrag: Flüchtlingsberichterstattung | Prof. Dr. Michael Haller ► https://www.youtube.com/watch?v=wm04hYRXIzE

Innenministerium will Abwehrzentrum gegen Falschmeldungen einrichten ► http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/fake-news-bundesinnenministerium-will-abwehrzentrum-einrichten-a-1127174.html

Art. 5 Grundgesetz ► https://dejure.org/gesetze/GG/5.html

Koalition will Facebook Meldestelle gesetzlich vorschreiben ► http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/thomas-oppermann-plant-gesetz-gegen-fake-news-a-1126182.html

Mit Algorithmen gegen Fake News ► http://www.handelsblatt.com/my/technik/it-internet/hackertreffen-in-hamburg-mit-algorithmen-gegen-fake-news/19190840.html?nlayer=News_1985586&ticket=ST-5579326-Na1ygCuDG2OI9cz6z0i6-ap1

Die Macht der Monopole ► http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-digital-debatte/monopolstellung-von-google-facebook-und-co-13548917.html

Die Werbesupermächte ► http://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2016-08/facebook-google-werbung-daten-macht

Die Riesengewinne der Tech-Giganten: So viel verdienen Apple, Facebook, Google und Co. pro Sekunde ► http://www.businessinsider.de/was-apple-facebook-google-und-co-pro-sekunde-verdienen-2016-2

Alex Jones: Chemicals in the water are turning „the freaking frogs gay.“ ► https://www.youtube.com/watch?v=fgKvl5VQVkY

Medienkompetenz Abbildung ► http://ict-guide.edu-ict.zh.ch/sites/ict-guide.edu-ict.zh.ch/files/images/kap_4_1_medienkompetenz.jpg

Empirismus ► https://de.wikipedia.org/wiki/Empirismus

Kritisches Denken: Begriffe und Instrumente – ein Leitfaden im Taschenformat ► https://www.criticalthinking.org/files/german_concepts_tools.pdf

Transkript:

Der Doktorant – Willkommen im postfaktischen Zeitalter

So sicher wie der Wechsel der Jahreszeiten, so sicher ist auch das Kommen und Gehen von Modewörtern in und aus dem gesellschaftlichen Diskurs. Wörter also, deren Halbwertszeit in der Regel kürzer ist als der nächste Youtube Deutschland Trend und deren Aussagekraft nicht stärker ist als die tautologischen Schwafeleien unserer Bundesdrogenbeauftragten. „Postfaktisch“ ist ein solches Modewort, mit dem laut buchstäblicher Bedeutung ein Zustand beschrieben werden soll, in welchem faktenbasierte und sachliche Argumentationen und Darstellungen nicht mehr akzeptiert werden und stattdessen emotionale und rein subjektive Meinungsmache den Diskurs bestimmen. Im gleichen Atemzug taucht der Begriff „Fake-News“ immer wieder auf; als vermeintlicher Beleg für die Existenz eines postfaktischen Zeitalters, in dem wir uns nun befinden sollen. Doch was beschreiben diese Worte eigentlich wirklich und haben sie auch nach einer kritischen Analyse noch Bestand? Finden wir es heraus.

[Einleitung]

Sehen wir uns zuerst den Begriff „postfaktisch“ an. Der Wortteil „post“, welcher aus dem Lateinischen entlehnt wurde, bedeutet „nach“ oder auch „zeitlich später“. Der Wortteil „faktisch“ beruht auf dem gleichnamigen deutschen Adjektiv und beschreibt die Wirklichkeit oder Tatsächlichkeit eines Sachverhalts. Wenn etwas faktisch ist, dann ist es eine Tatsache.

Aus dieser Wortschöpfung heraus lässt sich bereits eine erste Unstimmigkeit erkennen: Gab es eine Zeit vor dem postfaktischen Zeitalter, also eines nur faktischen Zeitalters? Eine Zeit in der in erster Linie Sachlichkeit den gesellschaftlichen und politischen Diskurs bestimmte? Oftmals werden der Aufstieg der sozialen Medien, oder sogar gleich des gesamten Internets, als Startpunkt eines postfaktischen Diskurses genannt. Wenn wir uns jedoch Medien und Nachrichten aus den Jahrzehnten vor der allgegenwärtigen Verfügbarkeit einer Internetverbindung anschauen, dann fällt auf, dass das Vorkommen von Falschmeldungen, bewusster Fälschung und Täuschung sowie politischer Propaganda niemals ein seltenes Phänomen war.

Prominente Fälle von fehlerhafter Berichterstattung, wie die erfundenen Hitler-Tagebücher des Spiegel, die vermeintlich satanischen Rituale in Kindertagesstätten, welche in den USA in den 1980er Jahren eine Panik unter Eltern auslösten oder die fälschliche Todeserklärung des sowjetischen Ministerpräsidenten Nikita Chruschtschow im Jahr 1963 zeigen, dass es sogenannte „Fake-News“ bereits gab, als das Internet für viele Menschen noch nicht einmal in der Denkweite des Möglichen lag.

Aber nicht nur menschliches Versagen führte schon immer regelmäßig zu „Fake News“, auch bewusste Fälschungen durch Journalisten und jene, die sich dafür halten, existieren bereits seit den Anfängen neuzeitlicher Massenmedien. Wer kennt nicht die sogenannte Zeitungsente, die manchmal mit humoristischer und manchmal mit betrügerischer Absicht ihren Weg in die Ausgabe eines Mediums findet. Auch ihr weniger bekanntes Gegenstück, der sogenannte Grubenhund, bei dem Leser mit einem oberflächlich überzeugenden, aber inhaltlich unsinnigen Brief an die Redaktion die Kompetenzen der ebensolchen prüfen wollen, ist eine interessante Spielart dieses Konzepts.

Von fingierten Lexikonartikeln, wie die berühmte Steinlaus von Loriot, bis hin zu modernen Sagen, auch Urban Legends genannt, in denen von Krokodilen in der Kanalisation oder sich selbst entzündenden Menschen berichtet wird, finden sich zahlreiche Varianten und Beispiele postfaktischer Erzählungen, oder eben „Fake News“.

Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs an Problemen mit diesen beiden Begrifflichkeiten. Nicht nur, dass „Fake News“ selbst keine Neuigkeit sind, nein, der extreme Variantenreichtum von falschen Nachrichten deutet daraufhin, dass wir es hier mit dem genauen Gegenteil eines klar abgrenzbaren Terminus zu tun haben.

Wovon wird also gesprochen, wenn sich auf „Fake News“ bezogen wird? Sind es die klassischen Zeitungsenten, bei denen Journalisten ihrer Arbeit nur bedingt nachgekommen sind? Oder ist es Propaganda, bei dem politische Akteure versuchen, durch Einflussnahme und selektive Informationsvermittlung, den öffentlichen Diskurs in die von ihnen gewünschte Richtung zu lenken? Und wie verhält es sich eigentlich mit mehr oder weniger offensichtlichen, satirischen Medien, wie dem Postillion oder der heute show? Für diese wurde der Begriff „Fake News“ nämlich ursprünglich ins Leben gerufen, um diese als Gegenentwurf zu den „Real News“, also den echten Nachrichten wie den Tageszeitungen oder der Tagesschau, abzugrenzen.

Gehen wir noch tiefer ins Detail, so wird die Gestaltlosigkeit von „Fake News“  immer deutlicher: Was ist, wenn wir zu einem bestimmten Zeitpunkt noch gar nicht feststellen können, ob eine Nachricht falsch oder richtig ist, weil uns dazu die notwendigen Informationen fehlen? Wenn keine andere Möglichkeit besteht, als Prognosen und Interpretationen zu unternehmen, in der Hoffnung, dass wir die Zukunft anhand vergangener Ereignisse und möglicher Kausalketten erahnen können? Wobei immer die Gefahr besteht, dass bestimmte Informationen niemals verfügbar sein werden und eine Nachricht dadurch ihre Falsifizierbarkeit verliert? Werden diese Meldungen dann retroaktiv in den Status der Falschheit erhoben und falls ja, was soll das bringen… der immer wieder heraufbeschworene Schaden, welcher durch „Fake News“ erzeugt werden soll, wäre dann ja bereits angerichtet.

[Teil 1 – Was sind Fake News wirklich?]

Wenn wir einen ehrlichen Blick auf den inflationären Gebrauch der Ausdrücke„Fake News“ und „postfaktisch“ werfen, dann lässt sich genau eine Konstante feststellen: Ihr Gebrauch findet vorrangig im Kontext des politischen Kampfbegriffs statt. Egal wo ein Verlautbarer des postfaktischen Zeitalters auf dem politischen Spektrum siedelt, es ist immer die ideologische Gegenseite, welche mit Auslassungen und falschen Informationen versucht  den öffentlichen und gesellschaftlichen Diskurs mit vermeintlich unlauteren Mitteln zu ihren Gunsten zu entscheiden.

Kaum deutlicher ließ sich das im letztjährigen US-amerikanischen Wahlkampf beobachten: „Diese Analyse zeigt, wie falsche Nachrichten über die Wahl die echten Nachrichten auf Facebook hinter sich gelassen haben“ titelte Buzzfeed und zeigt, in welcher Deutlichkeit angebliche „Fake News“ auf Facebook kurz vor dem Wahlabend an Zulauf erhielten und dabei sogar die Mainstream-Medien in ihrer Reichweite übertrafen.

Doch die fünf am häufigsten geklickten Falschmeldungen sind bei genauerer Betrachtung erschreckend ernüchternd: Die Meldung über die angebliche Unterstützung von Donald Trump durch Papst Franziskus sowie die Meldung über den Selbstmord eines FBI Beamten, welcher vermeintlich in den von Wikileaks veröffentlichten E-Mails aus Hillary Clintons Privatserver genannt wurde, stammen von selbsternannten Fake-News-Seiten, die sich auf das Verbreiten von Falschmeldungen spezialisiert haben, also mit Webseiten wie dem Postillion zumindest in Teilen vergleichbar sind.

Die beiden Berichte über angebliche Waffenverkäufe und geheime Verstrickungen von Hillary Clinton mit dem islamischen Staat, befinden sich irgendwo zwischen Interpretationen und noch-nicht-Gewissheiten. So wurde von Julian Assange, dem Gründer von Wikileaks, in einem Interview im Jahr 2016 ein sehr deutliches Bild von  einer Hillary Clinton gezeichnet, die durch ihre Rolle während des internationalen Militäreinsatzes in Libyen im Jahr 2011, möglicherweise mitverantwortlich für die Erlangung von Waffen durch den IS gewesen ist. Ob sich jedoch tatsächlich Nachweise darüber in den von Wikileaks veröffentlichten E-Mails befinden, konnte bis heute nicht geklärt werden. Und auch die Meldung darüber, dass Hillary Clinton aufgrund der Affäre um ihren privaten E-Mail-Server für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten ungeeignet wäre, beruht auf der Aussage von Michael Mukasey, einem Rechtsberater der US-amerikanischen Regierung. Diese Nachricht fällt in die Kategorie der schlampigen journalistischen Arbeit, bei dem die spätere Rücknahme der Aussage nicht berichtet wurde und auch keine Korrektur der ursprünglichen Meldung stattfand.

Handelt es sich hier also tatsächlich um ein neuartiges Phänomen, welches einen eigenen Sammelbegriff benötigt oder werden hier nur altbekannte journalistische Verfehlungen und politische Propaganda in neue Kleider gesteckt, um sie einfacher instrumentalisieren zu können?

Nur zwei der genannten Meldungen stammten tatsächlich von echten „Fake News“ Seiten und waren frei erfunden, während für die restlichen drei zumindest eine nachvollziehbare Grundlage an Informationen und Fakten bestand, auf die sich die Autoren berufen hatten. Dennoch wurde hier keine Differenzierung vorgenommen. Sie wurde durch den Begriff der „Fake News“ sogar unmöglich gemacht. Unisono wurden diese und andere Meldungen in einen Topf geworfen und als „Fake News“ gegeißelt. Fehlerhafte Berichterstattung verschwamm mit bewusster Propaganda und frei erfundenen Nachrichten, waren sie nun satirischer oder rein böswilliger Natur.

Eine ähnliche Situation bahnt sich bereits in Deutschland für die kommende Bundestagswahl im Herbst des Jahres 2017 an und schon jetzt wird laut über mögliche Gesetze nachgedacht, um eine Situation, wie sie in den USA vor der Wahl stattgefunden hat, zu verhindern. Doch was ist das überhaupt für eine Situation, die verhindert werden soll? Oder anders gesagt, wie können sich falsche Meldungen, frei erfundene Nachrichten und politische Propaganda überhaupt so einfach und so schnell im Internet verbreiten? Werfen wir als nächstes einen Blick auf das tatsächliche Problem, um das es in der Debatte um „Fake News“ eigentlich geht.

[Teil 2 – Cyber-Balkanisierung]

Auf die Frage danach, welcher Trend sich im Verlauf der nächsten Jahre und Jahrzehnte durch das weltweite Netz ungehindert fortsetzen wird, gibt es nur eine Antwort: Das personalisierte Internet. Die Algorithmen der Marktführer in Sachen Informationsfluss, wie Google und Facebook, bestimmen heute bereits, welche Inhalte jeder individuelle Nutzer zu sehen bekommt. Und keine Nutzererfahrung gleicht der anderen. Das ist zumindest das ultimative Ziel dieser Technologien.

Auf den ersten Blick, scheint diese Entwicklung vor allem positiv zu sein: Niemand bekommt mehr Webseiten, Filme, Musik und Bücher empfohlen, die ihn nicht interessieren. Selbst die Werbung ist zumindest auf Zielgruppen maßgeschneidert oder adressiert gleich direkt den eigenen, persönlichen Geschmack. Neben der erhöhten Bequemlichkeit und des verringerten Zeitaufwands bei der Suche nach neuen Inhalten und Produkten, fungieren diese Algorithmen auch als Entscheidungshilfe. Denn mit einer ausreichend großen Menge an Daten über einen Nutzer, kennen Computerprogramme den eigenen Geschmack besser als der Nutzer selbst. Ein spannender, wenn auch gleich erschreckender Ausblick auf die fortschreitende Digitalisierung unserer Gesellschaft.

Doch, wie alles im Leben, birgt auch das personalisierte Internet negative Aspekte und Gefahren. Und zwar nicht zu knapp. Eine immer individuellere Einzelerfahrung des Mediums Internet, welche bereits heute die am häufigsten genutzte Informationsquelle vieler Menschen unserer Gesellschaft ist (Tendenz steigend), führt unweigerlich zu Isolationsprozessen. Denn nicht nur Unterhaltungsprodukte und Werbung unterliegen dem Drang zur Personalisierung. Auch Meinungen und Nachrichten werden vom Nutzer selbst nach und nach auf die eigene Perspektive und die eigene Weltanschauung zugeschnitten. Informationen, die gefallen, werden geklickt und abonniert und Informationen, die nicht gefallen oder sogar negative Gefühle hervorrufen, werden ignoriert oder sogar gleich geblockt.

Verwunderlich ist dieser Prozess nicht: Tribalismus, also das bilden von kleinen Gruppen und Mini-Gesellschaften innerhalb einer Gesamtgesellschaft, ist eine tief verwurzelte Eigenschaft des Menschen. Personen mit ähnlichen Sichtweisen, ähnlichen Ideen und Werten sowie ähnlichen politischen Ausrichtungen schätzen wir als sympathisch ein und sind auch eher bereit mit diesen Bekanntschaften zu machen und Freundschaften einzugehen. Ein gegenteiliger Prozess findet gegenüber Personen statt, die uns weltanschaulich unähnlich sind. Wir tendieren dazu diese Menschen zu ignorieren, zu meiden oder sie sogar zu unseren Feinden zu erklären.

Diese Verhaltensweisen waren nützlich, als Menschen in Kleingruppen lebten und die erste Priorität das tägliche Überleben war. Hier konnte das eigene Vertrauen in andere Mitglieder dieser Gruppe den Unterschied zwischen Leben und Tod machen. Gemeinsame Ziele und Werte sind eine Grundlage für Vertrauen und eine erfolgreiche Zusammenarbeit, weshalb sich diese Eigenschaften als Indikatoren für Sympathie und mögliche Freundschaften etablierten.

Übertragen wir dieses Prinzip jedoch auf ein globalisiertes und vollvernetztes Zeitalter, in der sich jedes Individuum den eigenen Blick auf die Welt personalisieren kann, erwächst ein bisher unbekanntes Phänomen: Die sogenannte Cyber-Balkanisierung.

Cyber-Balkanisierung überträgt den Begriff der Balkanisierung, welcher den Zerfall einer Nation in kleinere Einzelstaaten oder das Loslösen von Landesteilen eines Staates beschreibt, auf das Internet. Durch konstante Personalisierungsprozesse bildet sich ein weltumspannendes Netzwerk aus unterschiedlich großen, sehr spezifischen und teilweise stark voneinander isolierten Nutzergruppen. Auch wenn ein Informationsaustausch zwischen verschiedenen Gemeinschaften möglich ist und sich manche Individuen in mehreren dieser Gruppen bewegen, läuft der Prozess der Cyber-Balkanisierung gerichtet auf einen Zustand, in dem die Mitglieder solcher Gemeinschaften ein nahezu maximales Ähnlichkeitsniveau in Bezug auf bestimmte Meinungen, Werte und Weltbilder besitzen.

Zusätzlich ermöglicht es der globale Charakter dieses Netzwerks, dass auch jede noch so kleine und extreme Randerscheinung des Meinungsspektrums eine so ausreichend große kritische Menge an Unterstützern findet, dass sie sich selbst am Leben erhalten und darüber hinaus sogar noch die Fähigkeit erlangen kann gesellschaftlichen Einfluss auszuüben.

Um die Hypothese der Cyber-Balkanisierung zu bestätigen, müssen wir nur einen Blick auf den unglaublich artenreichen Mikrokosmos der Verschwörungstheorien und deren Anhänger werfen, welche seit der Popularisierung des Internets eine ungeahnte Blütezeit erfahren. So finden wir Nutzergruppen welche, entgegen jeglicher Akzeptanz der wissenschaftlichen Fakten, dem Glauben anhängen, dass die Erde eine Scheibe ist und sich nicht mit hoher Geschwindigkeit um die eigene Achse dreht und um die Sonne bewegt. Oder dass die Evolution eine Lüge ist und die Erde nur 6000 Jahre alt sein kann. Oder dass Impfungen gefährlich sind, krank machen und Menschen töten. Von den Auswüchsen politischer Verschwörungstheorien ganz zu schweigen. Für jede noch so denkbare Absurdität findet sich mindestens eine Online-Community, in der sich rege und vor allem unkritisch darüber ausgetauscht wird.

Waren diese Extremmeinungen vor der Verfügbarkeit des Internets auf räumlich weit voneinander getrennte Einzelpersonen verteilt, so können sich heute alle diese Individuen über das Internet zusammenschließen und eine eigene Gemeinschaft bilden, in der sie ihre Werte und Ideen miteinander teilen. Eine Echokammer ist geboren, durch die sich die Cyber-Balkanisierung in einen autokatalytischen Prozess verwandelt. Der regelmäßige Austausch und die gegenseitige Bestätigung zwischen den Mitgliedern innerhalb dieser Echokammer führt zu einer weiteren Extremisierung der Meinungen. Diese noch extremeren Meinungen führen zu stärkerer Ablehnung durch andere Gruppen, was die Isolation der Echokammer weiter erhöht. Die stärkere Abschottung führt zu einem größeren Fokus auf die eigene Gruppe und damit wieder zu einer weiteren Verschärfung der Meinungen. Der Prozess beschleunigt sich selbst.

Eine zweite menschliche Eigenschaft führt dann zur unrühmlichen Perfektion des Problems: Der Bestätigungsfehler oder auf Englisch „confirmation bias“. Die durch so extreme Balkanisierungs-Prozesse entstandenen Gemeinschaften, sind so weit von der beobachtbaren Realität entfernt, dass eine Akzeptanz von wissenschaftlichen Fakten und anderen Meinungen einer vollständigen Revidierung des eigenen Weltbilds und damit einer Selbstaufgabe gleich kommt. Es wird also, bis es unvermeidlich wird, das bisherige Weltbild mit allen möglichen Mitteln aufrecht erhalten. Das Ignorieren, Verdrehen und Erfinden von Fakten, wird hier zum Modus Operandi, und diese Verhaltensweisen werden noch am passendsten vom Begriff „postfaktisch“ erfasst, da hier tatsächlich „Fake News“ zwischen den Mitgliedern dieser Gemeinschaften verbreitet werden, um den kollektiven Irrglauben am Leben zu erhalten.

Voneinander isolierte Echokammern bilden sich jedoch nicht nur in kleinen, spezifischen „Subkulturen“ des Internets. Auch Themen, welche breiten Anklang in der Gesamtbevölkerung finden, unterliegen den gleichen Prozessen der fortschreitenden Personalisierung des Internets und der daraus resultierenden Cyber-Balkanisierung, inklusive aller bereits von mir genannten Probleme. Ein hervorragendes Beispiel dafür bildet die Webseite „Blue Feed, Red Feed“, ins Leben gerufen im Zuge der letzten US-amerikanischen Wahl durch das Wall Street Journal. Erneut bietet das politische System der Vereinigten Staaten eine gute Demonstration der Problematik, da wir es hier mit einem de facto Zwei-Parteien-System zu tun haben, was zwangsläufig in einer Dichotomie der meisten politischen Debatten mündet.

„Blue Feed, Red Feed“ stellt einen konservativen bzw. republikanischen Facebook-Newsfeed einem liberalen bzw. demokratischen Facebook-Newsfeed gegenüber und offenbart damit, welche Resultate ein absolut personalisierter Informationsfluss erzeugt. Während bald-Präsident Trump im demokratischen Newsfeed dämonisiert wird, erklärt der republikanische Newsfeed Trump zum Heilsbringer eines endlich wieder großartigen Nordamerika. Umgekehrt passiert vergleichbares mit der gescheiterten ehemaligen Präsidentschaftskandidatin Clinton. Progressiver Heiland oder bis aufs Mark korrupte Berufspolitikerin mit Machiavelli-Komplex. Nuancen und Differenzierungen werden gemeinsam mit den Fakten am Straßenrand der Informationsautobahn zurückgelassen und nur dann wieder eingesammelt, wenn es gerade in die eigene Narration passt.

Auffallend ist vor allem: Anstatt eine direkte Konversation über die Meinungsverschiedenheiten zu beginnen, reden die Mitglieder dieser Gemeinschaften in erster Linie miteinander über die jeweils andere Gruppe. Und so wird mit Hilfe des Bestätigungsfehlers ein Götzenbild des politischen Gegners aufgebaut, ein sprichwörtlicher Strohmann, welcher, wenn überhaupt nur in Teilen den Fakten entspricht und welcher nach Lust und Laune angezündet werden kann, wenn den Gruppenmitgliedern der Wunsch danach steht.

Sogenannte „Fake News“ sind jetzt also nur eine neue Variante dieses Strohmanns. Sobald auch nur der Anschein besteht, dass eine Nachrichtenmeldung einen politischen Einschlag haben könnte, kann mit der „Fake-News“-Anschuldigung scheinargumentiert werden. Ob es sich dann jedoch wirklich um eine frei erfundene Erzählung handelt, politisch motivierte Meinungsmache am Werk ist oder Journalisten einfach nur schlampig gearbeitet haben, spielt keine Rolle. Das erzeugte Stigma am politischen Gegner ist wichtiger, als die Suche nach der Wahrheit.

Es lässt sich also erkennen, dass die Begriffe „postfaktisch“ und „Fake News“ nicht viel mehr sind als Worthülsen, die nur darauf warten mit politisch aufgeladenem Inhalt gefüllt zu werden. Sie dienen immer nur dem, der sie für seine Zwecke einsetzt und sie helfen nicht dabei eine klare und unvoreingenommene Perspektive auf die Welt zu erlangen. Trotzdem werden beide Begriffe weiterhin den politischen Diskurs der nächsten Monate bestimmen und bereits jetzt wird über mögliche gesetzliche Maßnahmen zur Bekämpfung von „Fake News“ debattiert. Aber sind Gesetze überhaupt in der Lage etwas an dieser Situation zu verändern?

[Teil 3 – Können Gesetze überhaupt helfen?]

„Fake News“ werden im aktuellen Diskurs deutscher Politiker oft nicht als „Fake News“, sondern als „gezielte Desinformation“ bezeichnet, die verboten werden soll oder gegen die zumindest effektive Maßnahmen für eine schnelle Löschung entwickelt werden müssen. Doch hier spannen sich erneut die Fallstricke der schwammigen Definition: Selbst der Begriff „gezielte Desinformation“ hilft nicht bei der Unterscheidung zwischen satirischen „echten Fake News“ wie dem Postillion, fehlerhafter Berichterstattung z.B. im Rahmen der aktuellen Flüchtlingskrise [Vortrag Michael Haller] oder politischer Einflussnahme durch unter anderem staatsnahe Medien, wie Al Jazeera, Russia Today und den deutschen öffentlich-rechtlichen Medien.

Werden also zukünftig per Gesetz Artikel vom Postillion verboten, weil sie als „gezielte Desinformation“ interpretiert werden können, vor allem dann wenn ein politisches Thema satirisch gehandhabt wird? Werden Zeitungen oder Journalisten für fehlerhafte Meldungen oder für zu wohlwollende Perspektiven auf ein Thema juristisch verfolgt und bestraft? Und werden staatsnahe Medien gesetzlichen Regelungen unterworfen, um eine positive Berichterstattung zugunsten bestimmter politischer Parteien oder Akteure zu verhindern?

Solche und ähnliche Maßnahmen, wären weder einer freiheitlich-demokratischen Werte- und Gesellschaftsordnung angemessen, noch würden sie pragmatische und überhaupt umsetzbare Lösungswege anbieten. Denn erneut tritt die Problematik des „Hinterher ist man immer klüger“ auf: Staatliche Organe wie Gerichte und Polizeibehörden können nicht proaktiv in Bezug auf mögliche „Fake News“ handeln, da dafür weder ausreichende Kapazitäten noch Ressourcen vorhanden sind. Eine Vorabkontrolle von Nachrichtenmeldungen würde außerdem einer staatlichen Zensur gleichkommen und damit unbestreitbar gegen Artikel 5 des Grundgesetzes verstoßen. Es wäre also immer nur ein Eingreifen möglich, nach dem eine Falschmeldung bereits die Runden durch die sozialen Medien und das Internet insgesamt gemacht hat. Der bis dahin angerichtete Schaden ließe sich nicht rückgängig machen.

Diesem Problem sind sich auch die Befürworter einer Einschränkung von „Fake News“ bewusst und daher soll die Überwachungsverantwortung weg von staatlichen Stellen, auf die privaten Unternehmen übertragen werden. Dieser Schritt scheint logisch, da Firmen wie Facebook und Google die Plattformen betreiben und bereitstellen, auf denen sich der postfaktische Meinungssturm entlädt. Ein nachvollziehbarer Schritt… zumindest dann, wenn man nur den Handlungszwang der Befürworter im Blick hat; frei nach der Devise „Aus den Augen, aus dem Sinn“ sollen sich ab sofort die vermeintlichen Verursacher des Problems auch gefälligst um dessen Beseitigung kümmern. Womit? Natürlich mit Algorithmen, die die „Fake News“ von den „Real News“ unterscheiden und aussortieren. Die Frage danach, ob das überhaupt im Bereich des Möglichen liegt, wird, wie so oft, überhaupt nicht gestellt.

Wenn nun Algorithmen mit neuen Algorithmen bekämpft werden sollen, dann ist klar, dass wir nur ein paar Umleitungen auf dem Weg in den unvermeidbaren Abgrund nehmen. Wir erinnern uns: Algorithmen, die zur Personalisierung und Individualisierung des Internets für jeden Nutzer führen sollen, sind der Brennstoff für die Zersplitterung des Internets in isolierte Gemeinschaften und einer der Hauptgründe, die zur Entstehung des Problems der „Fake News“ führen und geführt haben. Diese Algorithmen sollen die Nutzererfahrung verbessern und letztendlich zu einem gesteigerten Verkauf von Werbung und Produkten führen. Es handelt sich also um eine intrinsische Eigenschaft dieser Internetunternehmen: Profitmaximierung. Wären Facebook und Google tatsächlich an einer effektiven Lösung des Problems interessiert, müssten sie den von ihnen eingeschlagenen Entwicklungsweg umkehren, weg von einer Personalisierung und hin zu einem breiten Angebot verschiedener Informationen, welches wieder die Gefahr geringerer Umsätze und Profite birgt. Es gehört also viel Gutgläubigkeit dazu anzunehmen, dass diese Unternehmen das Wohl der Gemeinschaft im Sinne haben und nicht einfach nur nach neuen Wegen suchen, um die Profitmaximierung bei gleichzeitiger, halbherziger Umsetzung gesetzlicher Maßnahmen zu verfolgen.

Ein weitaus größeres Problem ist jedoch nicht die Desinteressiertheit von Facebook, Google und Co die Problematik anzugehen. Eine nahezu monopolartige Kontrolle des Informationsflusses ist bereits heute Anlass für schwerwiegende Bedenken in Bezug auf die Macht, die von einigen wenigen privaten Unternehmen in den Händen gehalten wird. Eine staatliche Legitimation dieser Firmen, Einfluss auf das Informationsangebot zu nehmen ist eine fast schon orwellsche Dystopie. Intransparente, für den einzelnen Nutzer nicht nachvollziehbare Manipulationen an den Nachrichten die er teilt oder zu Gesicht bekommt wären eine Bankrotterklärung an westliche Werte wie Presse- und Meinungsfreiheit und würden ultimativ den Gedanken einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsordnung untergraben. Erneut stellt sich die Frage, warum die Plattformbetreiber von Facebook, Youtube und Twitter das Wohl der Gesellschaft über ihre eigenen unternehmerischen Interessen stellen sollten. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass das Firmenmantra aus unerklärlichen Gründen utilitaristischer Natur ist, stellt sich direkt die nächste Frage: Das Wohl *welcher* Gesellschaft und *welcher* Werte wird als Maß aller Dinge hochgehalten? Schließlich agiert ein globales Internetunternehmen in vielen verschiedenen Gesellschaftsformen, mit vielen unterschiedlichen kulturellen Werten. Falls hier die Wahl auf den kleinsten gemeinsamen Nenner fallen sollte, nämlich der Vermeidung der persönlichen Kränkung, dann dürfen wir uns jetzt schon einmal auf ein glorreiches neues Zeitalter, nach dem postfaktischem, gefasst machen.

[Zusammenfassung]

Fassen wir also zusammen: Der Gebrauch der Begrifflichkeiten „postfaktisch“ und „Fake News“ im aktuellen Diskurs ist selbst eine Form von Desinformation. Deren schwammige Definitionen können auf so viele verschiedene Einzelprobleme moderner Informationsvermittlung angewendet werden, dass ihre Verwendung kaum nutzbringende Erkenntnisse transportieren kann. Ausschließlich in der Beschreibung von Verschwörungstheorien, deren Legitimation bereits mit einer überwältigenden Menge an empirischen Fakten widerlegt werden konnte, kann die Verwendung dieser Begriffe treffend und daher hilfreich sein. Aus diesem Grund sollten fehlerhafte Berichterstattung, absichtliche Falschmeldungen humoristischer oder betrügerischer Art und politische Propaganda als das bezeichnet werden was sie sind: Journalistisches Versagen, Satire, Schwindel und Propaganda. Ein Sammelbegriff verschleiert die wahren Hintergründe hinter einer verdächtigten Nachrichtenmeldung und erschwert eine sachliche und faktenbasierte Meinungsbildung der Öffentlichkeit.

Gesetzliche Maßnahmen gegenüber Falschmeldungen und fehlerhafter bzw. manipulativer Berichterstattung sind aufgrund der unabänderbaren Zeitverzögerung zur Wirkungslosigkeit verdammt. Mit einer Ausnahme: Einer staatlich sanktionierten Informationskontrolle vor der Veröffentlichung von Nachrichtenmeldungen. Diese Maßnahme würde jedoch eine fundamentale Verletzung unserer gesellschaftlichen Grundordnung bedeuten und Artikel 5 des Grundgesetzes missachten. Zusätzlich würde damit die Macht über den Informationsfluss einzelner privater Internetunternehmen um ein Vielfaches gesteigert werden und die Kontrolle der Inhalte der Intransparenz und den Gewinnmaximierungswünschen von Facebook, Google und Co unterliegen.

Ein Lösungsansatz kann, aus meiner Sicht, nur die folgenden Formen annehmen: Es muss eine grundlegende Änderung der Bildungsschwerpunkte unseres Schul- und Bildungssystems stattfinden. Neugier, Skepsis sowie Fähigkeiten und Methoden zur Recherche müssen gesamtgesellschaftlich kultiviert werden. Medienkompetenzen sollten von der Wiege an gelehrt werden und auch die Auseinandersetzung mit kontroversen, selbst für den Einzelnen unangenehmen Themen muss geübt und geschult werden. Der Rückzug ins Emotionale und der Standardhaltung des „Das ist meine Meinung“ oder des „das glaube ich“ muss entgegengewirkt werden. Diese Formen der Scheinargumentation dürfen nicht geschützt werden, sondern müssen als Formen inakzeptabler Debattenführung bewusst gemacht werden. Die Bereitschaft zur Debatte muss gefördert werden und die Debattenkultur sollte den Standards des Empirismus, also der Quellenangaben, der Belege und der Nachweise auf Basis des Beobachtbaren, unterliegen. Gute und redliche Argumentationsführung sollte als das Maß der Dinge gelten und das Bewusstsein über die eigenen menschlichen Schwachpunkte des Denkens sollte geschärft werden.

Der Bestätigungsfehler, Tribalismus und die Gefahr der Fehl- und Trugschlüsse müssen als Gegebenheiten anerkannt werden und mögliche Bewältigungsstrategien dieser Fehler im Denken sollten vermittelt werden. In gleichem Maße muss jedoch auch dafür gesorgt werden, dass Änderungen der eigenen Meinung nicht mehr als –schwäche sondern als Charakterstärke betrachtet werden, wenn eine solche Meinungsänderung aus nachvollziehbaren Gründen passiert, z.B. wenn eine Person neue Informationen erhalten hat. Alle diese Strategien lassen sich auch für jeden Einzelnen auf der persönlichen Ebene umsetzen. Das bedeutet vor allem, aus der eigenen Komfortzone herauszutreten und die Debatte mit weltanschaulich unähnlichen Menschen und Gruppen zu suchen und dabei die Ideale des kritischen Denkens und der redlichen Argumentation vor sich herzutragen.

Die sozialen Medien und deren Plattformen sollten diese Geisteshaltung wiederspiegeln: Ein offener und ehrlicher Diskurs sollte gefördert und nicht unterdrückt werden. Das Löschen von Nachrichten oder das Sperren von Nutzern sollte nur in deutlichen und gut begründeten Fällen möglich sein. Zusätzlich sollten alle diese Prozesse als so transparent wie möglich präsentiert und für jeden Nutzer einsehbar gestaltet werden. Alle diese Maßnahmen und Rahmenbedingungen sollten gesetzlich verankert und private Unternehmen zum Erhalt und zur Förderung der Meinungsfreiheit verpflichtet werden.

Oder anders gesagt: Alles was wir derzeit in der Debatte um „Fake News“ beobachten können, sollte in die genau gegenteilige Richtung ablaufen.

St. Kiyak [Gastbeitrag von Maricon]

„Gabriel, Kretschmann, von der Leyen: Hochrangige Politiker fordern ein Ende der Political Correctness. Sie handeln damit unverschämt, undemokratisch und asozial.“

Manchmal gibt es wirklich Dinge die einen sehr, sehr ungehalten machen und ich muss sagen, dieser Artikel ist einer davon. So ungehalten, dass man einen Freund darum bittet mich auf seinem Blog schreiben zu lassen. Dieser Absatz da oben ist ein Abschnitt aus eben besagtem Artikel und ich will ihn Stück für Stück auseinandernehmen. Denn ich glaube es wird mal Zeit. Dies wird definitiv eine Weile dauern, denn mit diesem Artikel stimmen so, so viele Sachen nicht. Also, wenn man noch etwas zu tun hat, sollte man es vor dem Lesen tun. Wer die Zeit nicht hat kann auch zum Fazit am Ende springen. Mein Name ist zweckmäßig Maricon und ich werde heute ihr sarkastischer Gastgeber sein.

„Man hört das neuerdings wieder öfter: Die Political Correctness gehöre abgeschafft. Weniger Political Correctness würde weniger Rechtsextremismus erzeugen oder wenigstens dafür sorgen, dass Wähler sich nicht von Rechtspopulisten verführen ließen. Denn das Abdriften in die Radikalität sei eine Reaktion auf Sprechtabus.“

Hier haben wir bereits den ersten erkennbaren Mangel an Verständnis der Reaktion. Es ist nicht nur eine Reaktion auf die „Sprachtabus“, sondern geht bei weitem darüber hinaus. Es geht unter anderem auch darum, was für einen Einfluss die Political Correctness auf Dinge wie zum Beispiel die Gesetzgebung und die Ausgabe von öffentlichen Geldern ausübt. Oder, wie man später in diesem Artikel noch sehen wird, was für einen Einfluss auf den Realitätssinn im öffentlichen Diskurs. Diskussionen wurden beispielsweise bereits in den ersten Tagen der Flüchtlingskrise zugunsten von Political Correctness beeinträchtigt, indem man meinte man sollte „Rechts keinen Raum einräumen“.

„Ist das so? Ist Political Correctness eine Art Gesetz, dessen Abschaffung oder Änderung man fordern kann, wie es Ministerpräsident Winfried Kretschmann aus Baden-Württemberg auf dem Grünen-Parteitag ausrief:

„Wir dürfen es mit der Political Correctness nicht übertreiben!“”

Ich weiß nicht wie man darauf käme aus dem dort zitierten Satz abzuleiten, dass es sich um eine Art geltendes Gesetz handeln würde, welches man damit kritisiert. Es scheint mir aber relativ offensichtlich, dass es sich um eine Kritik des Verhaltens der Gesprächsteilnehmer, nicht um eine durchgesetzte allgemeine Gesetzgebung handelt. Natürlich kann ich mich auch irren, denn dieser Artikel gibt leider viel zu wenig Informationen mit einem derartig kurzen Satz.

Auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) attestiert den Politikern:

„Ja, die Political Correctness ist überzogen worden.“

Und Sigmar Gabriel, der gern der nächste Kanzlerkandidat der SPD werden möchte, klagte in einer Bundestagsfraktionssitzung angeblich über „zu viel Political Correctness“ im Dialog mit den Bürgern.

Gabriel hat es anscheinend auch nicht ganz verstanden, denn der Punkt ist ja gerade, dass kein richtiger Dialog stattfindet.

„Zunächst einmal ist Political Correctness eine Chiffre für eine über Jahrzehnte dauernde Anstrengung, die Zivilisation und ihre Werte als Errungenschaft zu betrachten, an der nichtweiße Menschen genauso einen Anteil tragen wie weiße.“

  1. Nach wessen Interpretation?
  2. Welche Zivilisation ist hier gemeint?
  3. Welche Werte?
  4. Was für einen Anteil?

„Amerikanische Studenten gruben diesen vergessenen Begriff der politischen Korrektheit aus und benutzten ihn in ironischer Weise. Sie wollten darauf aufmerksam machen, dass es doch nicht sein kann, dass auf amerikanischen Universitäten immer nur Bezug auf weiße Männer genommen wurde, aber nie auf Frauen, Schwarze und andere Minderheiten. Und tatsächlich stellte man sofort fest, dass durch das Ignorieren von bedeutenden Schriften und Denkern aus anderen Teilen der Welt eine Gewichtung und Benachteiligung stattgefunden hatte.“

Dies hat wenig Relevanz für die moderne Konzeption des Begriffes, da er in dieser Form nicht mehr wirklich benutzt wird. Außer von den Leuten die speziell diese Interpretation popularisieren wollen, aber das wäre nochmal etwas komplett anderes.

„Political Correctness wollte anfangs vor allem die Reflexion über eine unverhältnismäßige Hierarchisierung von Minderheiten, „fremden“ Völkern und ihren Kulturleistungen erreichen. Wessen Schriften werden verlegt, gelesen, gelehrt? Inwieweit zeugen Sprache und Gesetze von Benachteiligung einzelner Gruppen?“

Der Witz an dieser Aussage ist ja, dass “Political Correctness” in der modernen Konzeption gerade eine Hierarchisierung vornimmt. Die „Oppression Olympics“. Statt des hier genannten „Wessen Schriften werden gelesen“, was eine recht nutzlose Fragestellung ist, ist die eigentliche Frage allerdings „Welche Schriften, für was und wofür?“ Was bedeutet Benachteiligung in diesem Kontext? Benachteiligung ist vollkommen irrelevant, solange es nicht gerade eine illegitime Benachteiligung ist und die sollte erst einmal nachgewiesen werden.

Anständig bleiben, nachdenken, klug reden

Von hier an wird es dann wirklich witzig.

„Halten Grundsätze der Demokratie wie das Wahlrecht und die Rechtssicherheit für Homosexuelle, Schwarze, Unverheiratete, Alleinerziehende, Arme und Mitglieder von Religionsgemeinschaften nicht nur auf dem Papier, sondern auch dem realen Leben stand? Menschenrechte speisen sich auch aus dem Reden über Benachteiligte. Die Sprache ist ein Indikator für den Wert, den Minderheiten im öffentlichen Diskurs haben. Man kann sie mit Sprache bloßstellen und diffamieren, man kann sie auch schützen und integrieren.“

Worauf bitte will man hier hinaus? Es scheint mir relativ eindeutig, dass die Autorin meint die Gleichberechtigung würde nicht durchgesetzt, aber die tatsächliche Argumentation scheint sie außen vorlassen zu wollen. Die Links geben Beispiele, aber auch die muss man sehr hinterfragen. Dafür müsste ich allerdings die Artikel, gerade den zweiten, nochmal separat durchgehen aber selbst dann ist es nicht komplett klar ersichtlich, was eigentlich gemeint ist. Ich werde daher weitere Kommentare des Abschnitts vermeiden.

„Meistens sind es die Benachteiligten selbst, die auf ihre Gleichberechtigung pochen. Political Correctness ist ihr Versuch, sich zu emanzipieren. Die erbitterten Widerstände, mit denen sie zu kämpfen haben, zeigen die Notwendigkeit ihres Kampfes.“

  1. Hier werden mehrere Behauptungen, explizit wie implizit, gestellt die man wirklich mal analysieren muss. Der erste Satz geht davon aus, dass es bei „Political Correctness“ überhaupt um Gleichberechtigung geht, aber da gibt es bereits diverse Probleme. Wenn man sich mal besonders den englischsprachigen Raum ansieht, bemerkt man eine ganze paranoid-neurotische Bandbreite von Auswirkungen, die die Political Correctness hervorruft und nicht alle haben mit Gleichberechtigung auch nur implizit zu tun. Sexistisches Airconditioning, „Donglegate“ oder „Personal Pronouns“, es gibt haufenweise Dinge, die für Personen als Individuen lästig sind, welche dann, oft ohne Begründung außer einem überzogenen Gefühl von Wichtigkeit, zu einer Menschenrechtssache aufgeblasen werden. Unter dem (reinen) Vorwand, dass die Person diskriminiert wird. Der Komfort wird zum Recht erhoben, die Opposition zu diesem Ansatz als Unterdrückung gewertet.
  2. Nun zum zweiten Satz. Emanzipation bedeutet, dass man aus Gefangenschaft bzw. Unterdrückung entlassen wird. Und die Frage ist in diesem Fall gerade was genau diese sein soll. Das Problem am Begriff Political Correctness ist hier, dass die Autorin diesen nicht im Sinne der Leute, die ihn benutzen, definiert. Sie beschreibt ihn nur aber es ist relativ eindeutig, dass sie nicht meint oder weiß was gemeint ist. Die Definition die man bekommt, bzw. erahnen muss, wirkt sehr zu Gunsten einer bestimmten (eigenen) Position ausgerichtet, ohne tatsächlichen Bezug zu der Problematik, die damit häufig beschrieben wird. Aber gut, ich muss einräumen, wenn die einzigen Leute von denen ich den Begriff hören würde die deutsche Rechte wäre, wäre ich auch ziemlich verwirrt.
  3. Und nun zum letzten Teil des Abschnitts. Ich bitte darum ihn genau durchzulesen, denn das da ist wirklich etwas ganz besonderes in Sachen Argumentation. Hier wird nämlich die Idee, dass man mit der eigenen Position falsch liegen könnte, effektiv ausgeblendet. Wir liegen richtig. Die Widerrede beweist umso mehr, dass wir richtig liegen. Mit anderen Worten: Bis wir etwas anderes sagen, liegen wir richtig.

„“PC zu sein“ ist ein sehr technischer Begriff für die Bemühungen, Komplexität von Gesellschaft als gegeben und normal zu betrachten und sie nicht fortwährend für politische Zwecke zu denunzieren und zu instrumentalisieren. Wer das nicht kann oder will, der reagiert aggressiv darauf.“

Gnadenlos solipsistisch. Political Correctness beschreibt diverse puritanische Haltungen auf Basis von Identity Politics. Meistens zutiefst autoritäre.

„Der meint, dass „die“ Political Correctness schuld daran sei, dass er oder sie nicht sagen dürfe, dass Muslime oder Christen oder Juden oder Jesiden oder Aleviten, dass Schwarze aus Afrika oder Braune aus Mexiko, dass Homosexuelle oder Transgender aus Europa, krimineller, schlechter, ekliger, gefährlicher als andere seien.“

Ich weiß offen gesagt nicht, welchem Zweck die Anführungszeichen um das „die“ erfüllen. Aber abgesehen davon, ja. Leute mit bestimmten Weltanschauungen können sehr wohl als objektiv gefährlicher beschrieben werden, wenn diese Weltanschauungen Gewalt in bestimmten Situationen vorschreiben oder explizit erlauben. Da ändert sich nichts dran, nur weil es vielleicht eine Minderheitenanschauung sein könnte. Außerdem, in statistischer Hinsicht kann man sich sicher sein, dass es Unterschiede in den Gruppen gibt. Zum Beispiel wird man nur wenig säkulare Individuen finden, die ihre Kinder misshandeln wenn sie herausfinden, dass sie z.B. homosexuell sind.

„Wer sich auf sein Recht beruft, von „Schlitzaugen“ (Günther Oettinger über Chinesen) oder „wunderbaren Negern“ (Joachim Herrmann über Roberto Blanco) oder „belgischen Ackergäulen“ (Thilo Sarrazin über Muslime) zu sprechen, weil es ihm nicht gelingt, das Handeln eines Menschen vorurteilsfrei zu bewerten, der hat eine Vereinbarung mit sich selbst gebrochen: anständig bleiben, nachdenken, klug reden.”

Witzig finde ich hier dran wie wenig Sinn der Satz macht. „Schlitzauge“ ist eine Beschreibung die keine Bewertung eines Verhaltens darstellt, „wunderbarer Neger“ ist eine Bezeichnung, die keine „vor“-urteilhafte Beurteilung darstellt, da er es ja gerade auf der Basis seiner persönlichen Beobachtung aufstellt. Natürlich ist es beim Kommentator auch fragwürdig ob die Aussagen getroffen wurden/werden „weil es ihm nicht gelingt, das Handeln eines Menschen vorurteilsfrei zu bewerten“, aber irgendwie schiene es mir wie eine ziemlich bizarre, zu spezifische Begründung für diese speziellen Beispiele. Zum letzten Abschnitt sage ich jetzt mal nichts ausführliches, der Abschnitt endet mit einer Pointe.

„Rassistisch und primitiv wird überall gesprochen“

Von hier an wird es statt witzig eher daneben.

„Political Correctness kann man weder überziehen noch übertreiben. Es sei denn, man hat genug vom Denken und von der Lust, Gleichheit unter Menschen zu schaffen.“

Hier ist gleich nochmal ein kleiner Witz eingebaut. Unbewusst wie ich vermute. Die ursprüngliche Phrase der PC wurde benutzt, um Nähe zum Soviet-Kommunismus zu bezeichnen. Die hatten definitiv Lust Gleichheit zu schaffen.

„Genug davon, Vielfalt als Gleichwertigkeit zu betrachten.“

Wer auch immer das tut.

„Wer degradierende Begriffe für Schwarze, Homosexuelle oder Muslime im politischen Diskurs für unverzichtbar hält, muss von vorn beginnen.“

Misrepräsentation der Gegenposition.

„Nicht diejenigen, die diesen Zivilisationssprung schon hinter sich gebracht haben, müssen sich den politisch Unkorrekten anpassen, sondern umgekehrt.“

Ohne jetzt diesen großen Sprung nach vorne zu kritisieren… Ich könnte mich irren, aber haben wir uns hier von „Anti-PC ist eine Abneigung gegen Sprachtabus“ zu „Anti-PC bedeutet, dass die politische Korrekten sich den Unkorrekten angleichen“ bewegt?

„Wer keine Veranlassung darin sieht, in Flüchtlingen Kriminelle zu sehen, in Muslimen eine Staatsgefahr, der muss sich nicht dafür einsetzen, dass das so diskutiert werden darf.“

Davon abgesehen, dass es sich hierbei um die klischeemäßigsten, der Diskussion unwürdigsten Positionen von Migrationsgegnern in der Debatte handelt; zweifellos ein Zufall, dass es gerade diese sind, die benutzt werden um die Gegenseite anzugreifen, ehm… Doch. Man muss sich unbedingt dafür einsetzen, dass man Diskussionen führen darf, auch auf diese Weise. Auch mit lächerlichen Positionen. Gerade die lächerlichen Positionen. Man beachte allerdings das subtile Appellieren an eine bestimmte Meinungsgruppe sich bestimmten Diskussionen zu verschließen.

„Es gibt niemanden Bestimmtes, der für Political Correctness zuständig wäre. Es gibt keine Instanz, die mit Gewalt derlei Regeln durchzusetzen versucht.“

Was nicht heißt, dass nicht eine ganze Menge Leute versuchen eine zu etablieren. In Deutschland außerdem, ist das falsch, da wir Sprachgesetze haben, von denen auch einige eben auch in den entsprechenden Stil fallen.

„Es handelt sich um einen Diskurs.“

Wenn dieser Artikel Teil eines Diskurses ist, ist er der bislang unbeantwortete Anfang.

„Ein öffentliches Gespräch, das gleichzeitig die Ungleichheit illustriert. Die Mehrheit der Sprechenden gehört keiner gesellschaftlichen Minderheit an.“

Wirkt für mich beeindruckend bedeutungslos. Die Mehrheit der Sprecher gehört einer gesellschaftlichen Mehrheit an und diese ist damit eher vertreten als die Minderheit der Sprecher, die die gesellschaftliche Minderheiten vertritt. Man kann zumindest nicht sagen, dass dieser Satz inhaltlich keinen Sinn macht, er wirkt auf mich sehr intuitiv. Was er allerdings insgesamt für einen Sinn macht in dieser Kolumne, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Davon mal abgesehen, steht es der Autorin frei den Wert von Gleichheit zu demonstrieren. Es ist nämlich nicht inhärent wertvoll, obwohl es ein so vielgepriesenes Ideal ist.

„Umso alberner wirkt es natürlich, wenn die Beendigung der politischen Korrektheit von denjenigen gefordert wird, die Teil der privilegierten Klasse sind.“

Nur leider ist das hier nicht der ausschließliche Fall. Es fehlt natürlich immer noch das Erbringen des Beweises, dass es eine Privilegierung gibt, ohne strikten Bezug auf ein komplett von ad-hoc-Hypothesen getragenen ideologischen Systems und eine Definition von Recht, die kein Mensch außerhalb der Sozialwissenschaft anerkennen würde.

„Es steht denjenigen, die niemals die Erfahrung von Diskriminierung oder Rassismus gemacht haben, nicht zu, zu bestimmen, wann es genug ist mit Antirassismus.“

Mit anderen Worten, es ist egal was wir machen oder wie wenig Sinn das macht was wir tun, solange unsere Definition von Rassismus/Diskriminierung Dinge einschließt die ihr nicht erlebt habt, seid ihr nicht qualifiziert darüber zu reden, was für Maßnahmen angebracht sind. Klingt doch eleganter als „Schnauze halten“, oder?

Die Grenzen des Sagbaren sind längst überschritten

Waren sie schon immer. Seit es menschengemachte Grenzen gibt gibt es Überschreiter. Non-statement.

„Wenn Politiker in Zeiten von brennenden Asylheimen und Angriffen auf Minderheiten fordern, es müsse erlaubt sein, offen Probleme der Integration zu benennen, dann wird es düster und unverschämt:“

Weil wir in „hier spezifische Problem enthaltenden Zeitraum einfügen“ leben, darum dürft ihr in diesem Zeitraum nicht über bestimmte Probleme reden. Beeindruckend. Dieser Satz lässt mich an englische Nüsse denken.

„Wir haben in Deutschland viele Probleme, aber sicher keines damit, dass man sich nicht jederzeit rassistisch, widerwärtig und primitiv im öffentlichen Raum äußern dürfe.“

Wie hängt das nochmal mit dem Satz zusammen, der da vor dem Doppelpunkt steht? Ist die Aussage „es müsse erlaubt sein Integrationsprobleme anzusprechen“ eine Bitte um Erlaubnis sich öffentlich „rassistisch, widerwärtig und primitiv“ zu äußern? Ich bin verwirrt. Jemand erkläre mir diese Konstellation.

„Die öffentlichen Talkshows wären ohne die permanente Infragestellung von Minderheiten und ihrer angeblichen Integrationsfähigkeit aufgeschmissen.“

Man fragt sich wie viele Diskussionen bereits über die Integrationsfähigkeit von Homosexuellen oder Menschen mit Halsrippen stattgefunden haben, aber ich persönlich erinnere mich konkret an keine. Aber vielleicht soll dieses Statement auch nicht akkurat sein und stattdessen einfach nur die Empörung hochtreiben, indem es versucht die größere und heterogenere Gruppe „Minderheiten“ anstatt der Gruppe von Personen mit Migrationshintergrund anzuführen und so vortäuscht, dass es eine übermäßige Generalisierung gegeben hat. Oder die Autorin ist grauenhaft darin sich auszudrücken.

„Wenn Politiker hier in Deutschland glauben, dass man den rechtsextremen und autoritätssehnsüchtigen AfD-Wählern und Pegida-Mitmarschierern offiziell erlauben müsse,“

Warum kriegen wir für das „offiziell erlauben“ keine Quelle oder Erklärung? Ich wüsste nämlich wirklich gerne wer das gesagt haben soll.

„auch mal politisch inkorrekt sein zu dürfen – was immer damit gemeint sei – ,“

Es bedeutet, wie ich mit meinen massiven Talenten im Bereich Dechiffrierung entschlüsseln konnte, nicht politisch korrekt zu sein, ohne das man dafür einen Schwarm irrer Harpyien an den Hals bekommt, die versuchen die eigene Position aus Prinzip anstatt aus rationalem Anlass zu untergraben.

„damit die wieder CDU, SPD oder Grüne wählen, dann haben sie nicht verstanden, dass die Grenzen des Sagbaren schon längst, schon ganz längst überschritten sind.“

Non-sequitur. Dass die „Grenzen des Sagbaren“ überschritten sind ändert nichts daran, dass es eine versuchte Methode ist Wähler zurückzubekommen, denn der Zweck ist ja nicht die Leute daran zu hindern obszön zu werden. Da gibt es andere Bemühungen, aber damit haben die Wahlen nichts zu tun. Abgesehen davon wäre ja auch die Option möglich, dass es nicht um die Rückgewinnung sondern um das Wählerleck geht, welches damit gestopft werden soll.

„Mutig wäre es, wenn einer auf den Tisch hauen und sagen würde:“

Wie in diesem Artikel? Seht, ich vertrete die aus meiner Sicht korrekte Haltung von vor meinem Computer, bewundert meinen Heroismus.

„Schluss mit dem ekelhaften, dummen und unaufgeklärten Geschwätz über die Fremden, die Ausländer, Schwulen, Muslime oder Flüchtlinge.“

Hier ein neuer Teil aus unserer beliebten Reihe „Die Deutschen verstehen die Aufklärung nicht“ aus dem Verlagshaus Derp-aton. Mir fällt hier gerade auf; man weiß nicht was „politisch inkorrekt“ bedeutet, aber man kann immer noch sagen es sei ekelhaft, dumm und „unaufgeklärt“.

„Das würde Eindruck machen!“

Es zeichnet die Autorin, dass sie nicht versteht, dass das schlecht wäre.

„Unserem Land fehlt der Mut für Aufklärung, Anstand und Eleganz im Umgang mit Mitmenschen.“

Der nächste Teil ist auch schon raus, Derp-aton liefert frei Haus. Offengestanden weiß ich gar nicht ob Sie vom Zeitalter der Vernunft redet, welches ich meine oder einfach meint es sei etwas gutes jemanden wortwörtlich über etwas aufzuklären, selbst wenn die Klärung möglicherweise Schwachsinn wäre. Zum Anstand komme ich dann noch und was Eleganz angeht, würde ich mit der Sprache anfangen. Mit ihrer Sprache.

„Es ist nämlich eine Ehre,“

Man sollte sich geehrt fühlen unserer Auffassung zu folgen.

„in Sprache und Handeln politisch, ökonomisch, sozial und einfach menschlich korrekt zu sein.“

Menschlich korrekt zu sein bedeutet, wenn wir uns die Geschichte mal anschauen, dass wir uns gegenseitig aufgrund von Meinungsverschiedenheiten umbringen und versklaven sollten. Historisch gesehen ist Nordkorea menschlicher als was auch immer dieser Artikel darstellt.

Fazit: Dieser Artikel war eine lange Aneinanderreihung von schlecht gemachten Zitaten, ideologischem Narzissmus und endlosem Moralismus. Es ist eine implizite, aber darum nicht weniger gnadenlose Selbstbeweihräucherung. Anstand war einer der Begriffe, die mehrmals fielen und ich würde gerne mal nochmal darauf speziell eingehen. Anstand bedeutet eigentlich nichts anderes, als dass man sich einem bestimmten moralischen/ethischen, vielleicht noch eher sittlichen Standard nach orientiere. In anderen Worten, wenn die Autorin sagen würde, denn sie sagt es nicht geradeheraus, sie ist anständig, weil sie diese Standards vertritt, bedeutet das nichts anderes als „Ich handle moralisch weil ich der von mir proklamierten Moral folge“. Und sie kritisiert mit schön viel Überheblichkeit diejenigen, die das Reinheitsgebot nicht einhalten. Da ist der Puritanismus. Auch wenn die Definition von Political Correctness, die ich benutze anders ist, als die, welche die Autorin nutzt, kann ich immer noch sagen, dass es nur „meine“ Definition zu sein scheint, die auf sie zutrifft. Gewürzt ist der Artikel mit einem gehörigen Mangel an Grundverständnis der Probleme der Gegenseite, was nochmal zurückgeht auf den ideologischen und vielleicht einen tatsächlichen Narzissmus und den Mangel an kritischer Selbstreflektion. Viel zu viel (schlechte) Rhetorik, keine brauchbaren Argumente, zu viel Verlass auf die Richtigkeit der eigenen Position, zu viel Verlass auf Identity Politics als Basis des „Antirassismus“, kein Verständnis des Aufklärungsdenkens, fragwürdige und unklare Definitionen, schlecht geschrieben, überheblich…

TL;DR: Dieser Artikel war die Krätze. Cheers.