Die Recherche: „Toxic Masculinity“

Toxic Masculinity. Dieser Begriff taucht immer häufiger in Online-Diskussionen über die Gender-Debatte, sowie in nationalen und internationalen Mainstream-Publikationen auf. Eine eindeutige Definition darüber, was dieser Begriff denn eigentlich bedeutet und welche Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen eines Menschen unter diesen Begriff fallen, bleibt in den meisten Fällen unklar. Auch eine simple Google-Suche führt weder zu seriösen Quellen, noch zu einer Beantwortung der anfänglichen Fragen.

Aber wie heißt es doch so schön: „Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet zum Berg kommen.“ und in diesem Sinne habe ich mich auf die Suche nach einer seriösen und wissenschaftlich validierten Definition des Begriffs Toxic Masculinity gemacht und bin dabei auf folgendes Paper gestoßen, welches im Journal Of Clinical Psychology im Jahr 2005 veröffentlicht wurde. Der Autor Terry A. Kupers analysiert in seinem Artikel „Toxic Masculinity as a Barrier to Mental Health Treatment in Prison“ den Begriff im Zusammenhang  mit der Behandlung psychischer Erkrankungen von Gefängnisinsassen.

Im Verlauf der Einleitung gibt Kupers folgende Definition für den Begriff der Toxic Masculinity:

Toxic masculinity is the constellation of socially regressive male traits that serve to foster domination, the devaluation of women, homophobia, and wanton violence.

Übersetzt also: Toxic Masculinity ist das Zusammenwirken von „sozial-regressiven männlichen Wesenszügen“, welche die Entstehung und das Bestehen von Dominanz, der Abwertung von Frauen, Homophobie und kriminelle/mutwillige Gewalt begünstigen.

Was genau diese „sozial-regressiven männlichen Wesenszüge“ sein sollen, bespricht Kupers in einem späteren Abschnitt und bezieht hier stark den Begriff der Hegemonic Masculinity mit ein:

Connell defines hegemonic masculinity as the dominant notion of masculinity in a particular historical context (Connell, 1987). In contemporary American and European culture, it serves as the standard upon which the “real man” is defined. According to Connell, contemporary hegemonic masculinity is built on two legs, domination of women and a hierarchy of intermale dominance (Connell, 1987; Jennings & Murphy, 2000). It is also shaped to a significant extent by the stigmatization of homosexuality (Frank, 1987). Hegemonic masculinity is the stereotypic notion of masculinity that shapes the socialization and aspirations of young males (Pollack, 1998). Today’s hegemonic masculinity in the United States of America and Europe includes a high degree of ruthless competition, an inability to express emotions other than anger, an unwillingness to admit weakness or dependency, devaluation of women and all feminine attributes in men, homophobia, and so forth (Brittan, 1989). Hegemonic masculinity is conceptual and stereotypic in the sense that most men veer far from the hegemonic norm in their actual idiosyncratic ways, but even as they do so, they tend to worry lest others will view them as unmanly for their deviations from the hegemonic ideal of the real man. [Hervorhebung nicht im Original]

Offensichtlich müssen wir uns auch Connells Ausführungen über Hegemonic Masculinity genauer anschauen, um zu verstehen woher dieser Begriff kommt und womit er gestützt wird. Connell schreibt dazu in ihrem Buch „Gender and Power: Society, the Person and Sexual Politics“ aus dem Jahr 1987 folgendes:

Connell1987_Hegemonic Masculinity_3

Connell definiert hier also den Begriff der Hegemonic Masculinity und stützt diesen mit… *Trommelwirbel* nichts. Es gibt angeblich einen „strukturellen Fakt“, nämlich den der „globalen Dominanz“ von Männern über Frauen. Warum das ohne begründeten Zweifel so ist, woran wir das sehen können, wie wir das nachvollziehen können, darüber wird auch in den folgenden Abschnitten kein Wort verloren. Es ist so und auf dieser Prämisse wird alles weitere aufgebaut. Dabei wäre es gerade hierfür notwendig, einen empirischen Beleg für diese vermeintliche Dominanz zu präsentieren.

In einem Absatz kurz darauf lässt Connell dann die nächste Katze aus dem Sack:

Connell1987_Hegemonic Masculinity_4

Ihr Konzept bzw. ihr theoretischer Bezugsrahmen der Hegemonic Masculinity basiert also nicht auf  belegten Kausalitäten. Stattdessen zäumt sie das Pferd von hinten auf, schaut sich den Sachverhalt an, dass die angeblich global-dominante Männlichkeit noch nicht alle anderen Identitäten ausgelöscht hat und schlussfolgert dann, dass es deswegen ein „Gleichgewicht der Kräfte“ geben muss. Die dominante Form der Männlichkeit unterdrückt also lieber, als zu vernichten. Warum, wieso, weshalb… das interessiert nicht.  Die Tatsache, dass es neben der vermeintlich dominanten Form von Männlichkeit auch noch weitere Formen von Männlichkeit und Weiblichkeit gibt, ist kein Beweis dafür, dass es überhaupt solch eine dominante Form von Männlichkeit gibt.

Kommen wir nach dieser kurzen und enttäuschenden Reise in die Vergangenheit zurück zu Kupers Artikel. Er schreibt noch folgendes zum Begriff der Toxic Masculinity:

The term toxic masculinity is useful in discussions about gender and forms of masculinity because it delineates those aspects of hegemonic masculinity that are socially destructive, such as misogyny, homophobia, greed, and violent domination; and those that are culturally accepted and valued (Kupers, 2001).

Toxic Masculinity beschreibt also eine Teilmenge der Hegemonic Masculinity; konkret beschreibt der Begriff die negativen bzw. sozial-destruktiven Wesenszüge von Männlichkeit. Kupers führt danach noch einmal aus:

Toxic masculinity is constructed of those aspects of hegemonic masculinity that foster domination of others and are, thus, socially destructive. Unfortunate male proclivities associated with toxic masculinity include extreme competition and greed, insensitivity to or lack of consideration of the experiences and feelings of others, a strong need to dominate and control others, an incapacity to nurture, a dread of dependency, a readiness to resort to violence, and the stigmatization and subjugation of women, gays, and men who exhibit feminine characteristics.

Die Frage danach, warum alle diese Eigenschaften bzw. Wesenszüge nicht auch auf Frauen bzw. Weiblichkeit zutreffen können, bleibt natürlich unbeantwortet.

Zusammengefasst: Toxic Masculinity ist ein nicht belegtes Konzept, welches auf dem nicht belegten Konzept der Hegemonic Masculinity basiert. Mit diesem werden negative Wesenszüge, welche bei jedem Menschen vorkommen können, willkürlich einer „Form der Männlichkeit“ zugeschrieben. Dies ist aber weder validiert, noch lässt sich der gesamte theoretische Bezugsrahmen falsifizieren. Und sowas nennt sich dann Wissenschaft.

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14 Gedanken zu “Die Recherche: „Toxic Masculinity“

  1. Ich bin mir inzwischen fast sicher, das Toxic Masculinity der Hauptgrund (neben Hochsensibilität, Misshandlung im Elternhaus und Borderline) ist warum ich vor 4 1/2 Jahren eine Geschlechtsangleichung Mann zu Frau begonnen habe. Nachdem ich mit 21 begonnen habe und für fast 20000 Euro Facial Feminisation Surgey sowie eine Brustvergrößerung auf C/D Cup gemacht habe sowie seit dieser Zeit eine Hormontherapie mache fällt es mir schwer zu glauben das ich wieder Cis-Binär sein kann. Sehe halt cute androgyn-weiblich aus. Und ich denke noch immer darüber nach diesen Kram zu Ende zu bringen, denn mit genug Geld könnte ich aussehen wie ein Model und ich kann mich durchaus als Frau oder als Mann identifizieren,

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  2. Ich bin hier gelandet, weil ich mal nach dem Begriff der „Toxic Masculinity“ gesucht habe. In der Tat: Dazu findet sich wirklich nicht viel Erhellendes. Allerdings: Ich stehe irgendwie zwischen den Stühlen. Während ich den Begriff der „Hegemonialen Männlichkeit“ für sinnvoll halte, lehne ich den der „Toxic Masculinity“ ab.
    Warum? Eben weil ich ihn – im Gegensatz zu Kuspers – analytisch nicht für sinnvoll halte. Der Begriff ist entsprechend offen. Praktisch jede Verhaltensweise von Männern kann, unter verschiedenen Vorzeichen, hier reingetan werden. Die genannten Problematiken, die es dort als Beispiele genannt werden, gibt es. Doch sie eben mit einer „Toxic Masculinity“ zu verknüpfen, unter diesem riesigen Label, führt meiner Meinung nach kaum weiter. Wenn es darum geht Männlichkeit mit den Zugzwängen zu beschreiben, ist es tatsächlich besser da näher an den jeweiligen empirischen Erscheinungen zu bleiben.
    Zum Konzept der „Hegemonialen Männlichkeit“ muss ich aber doch einiges anmerken, Doktorant:

    – Wir haben es hier mit einer Großtheorie zu tun. Ich denke, wenn du jetzt Belege in Form von Statistiken einforderst, die dir sagen, „Ja, die Hegemoniale Männlichkeit gibt es!“, zielt das am Erkenntnisinteresse dieser grand theories vorbei. Wenn man das mal etwas zuspitzt, könnte man auch sagen: Du wirst auch keine Statistiken finden, die dir Evolutionstheorie belegen. Du wirst Belege finden, die auf beobachtbare Prozesse hindeuten, die sich mithilfe der Evolutionstheorie in einen größeren Kontext stellen lassen. Und das ist gut so. Diese Theorien sollen vielmehr empirische Arbeiten anleiten.

    – Weiterhin anzumerken ist die Diskussionfreude, die es um die Theorie gibt. Sie wurde sehr oft kritisiert. Und sie wurde weiter entwickelt, im Deutschen z.B. von Michael Meuser, der sie eher zur Beschreibung der Herstellung von Männlichkeiten und als sogenanntes „generatives Prinzip“ begreifen will (statt, wie Connell später, dies inhaltlich aufzufüllen mit irgendwelchen allgemeinen „Manager- oder Unternehmermännlichkeiten“ um das zeitdiagnostisch einzufangen). Sie ist in der Männlichkeitsforschung nun einmal die zentrale wichtige Theorie mit der sich jeder irgendwie auseinandersetzen muss. Aber das ist auch gut, denn sie nimmt Abstand von der Idee des Patriarchats, die ja biologische Essentialismen als Fundament hat und zudem so etwas wie eine Einheitsformel sein will. Wie gesagt, ich empfehle Meusers Buch „Geschlecht und Männlichkeit“, wo es Kritik und Weiterentwicklungsversuche der Theorie gibt.

    – In den Büchern von Connell werden weitere Präzisierungen und Antworten auf die Kritiken vorgenommen. Dabei kommen auch weitere Beispiele vor. Dass Männer in den meisten Gesellschaften, zu verschiedensten Zeiten, Institutionen geprägt haben (sehr wichtig in dieser Theorie) und die Hoheit über die Ressourcen hatten, kann schwer bestritten werden? Darauf stützt sich Connell. Man werfe Blicke ins Geschichtsbuch.
    Wir dürfen dabei auch nicht vergessen, dass wir uns gerade tatsächlich in einer sehr neuen Situation befinden: Denn jetzt ist es durchaus möglich, dass hegemoniale Männlichkeiten aufgebrochen werden. Deshalb kann man ja jetzt auch berechtigerweise sagen: Die männlich geprägten Institutionen des Rechts sind in bestimmten Weisen mittlerweile weiblich geprägt, z.B. hinsichtlich der Sorgerechtsfragen, die zugunsten der Mütter entschieden werden.

    – Warum unterdrückt statt vernichtet wird, wurde in der Folge auch ausgearbeitet. Grob gesagt folgt das Ganze erst einmal der Überlegung, dass Männer auch unter anderen Männern zu leiden haben. Das ist ja ebenfalls ein großer Vorteil der Theorie: Es geht nicht einfach um Männer vs Frauen, sondern darum wie Ungleichheiten innerhalb der Geschlechter größere Auswirkungen haben können als zwischen den Geschlechtern. Und so gibt es auf Seite der Männer eine Elite (bitte nicht an einen geheimen Zirkel oder so denken, sondern es wieder als Struktur begreifen), die am ehesten von der Allokation von Ressourcen profitieren. Nicht jeder kann den Aufstieg in die Elite schaffen, die Elite muss sich abgrenzen, und das sind die marginalisierten Männlichkeiten, die das Idealbild der Hegemonialen Männlichkeit nicht erfüllen können.

    – Das ist übrigens ein weiterer wichtiger Punkt: Hegemoniale Männlichkeit ist keine (!) Charaktereigenschaft individueller Männer. Es ist vielmehr ein kulturelles Modell mit hoher Breitenwirkung, welches aber eben gar nicht alle Männer erfüllen können. Ein weiteres Plus der Theorie gegenüber z.B. der Patriarchatsthese: Es werden damit nicht einfach alle Männer verdammt. Es geht eher darum eine Folie für eine Erforschung dieser konkreten Idealbilder von Männlichkeit zu haben.

    – Ob es hegemoniale Weiblichkeiten gibt, ist in der Tat eine offene Frage für die Forschung. Connell sagt: Nein. Es gibt zwar Mechanismen von Dominanz & Co. auch unter Frauen. Diese erstrecken sich aber eben nur auf die Frauen, während die Dominanz von Männern auf Frauen UND andere Männer übergeht. Was Frauen bereitstellen, ist eine sogenannte „betonte Weiblichkeit“. Diese ist das Einverständnis unter die Macht der Männer (empirisch immer aus den verschiedensten Gründen: offen und affirmativ betont oder unbewusst oder aus Angst usw. usf.). Es gibt aber nun andere, wie Scholz, die genau dies fragen

    Puh, das ist jetzt länger geworden als gedacht – aber es hat mal Spaß gemacht dies auch für mich selbst zu durchdenken!

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  3. Geil, oder eher … schlecht recherchiert.
    Wenn ich mir vom ganzen Buch, das um ein Thema geht mit zig Beispielen und Herleitungen, und dann nur die zwei Seiten rausziehe, in denen es zusammengefasst wird, und dann behaupte es basiert auf nichts, ist ziemlich schlecht für einen Doktorand… Schade.

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    • In dem Fall würde ich mich freuen, wenn die vermeintlichen „Beispiele und Herleitungen“ auf denen die Toxic Masculinity basiert von dir präsentiert werden. Ich habe das Buch gelesen und bin auf nichts Substanzielles gestoßen.

      Ich bin gespannt auf eine Antwort. 😉

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      • Sicherlich hast du ein paar Definitionen verpasst, aber darum geht es eigentlich nicht: der Begriff ist schlicht und ergreifend zirkulär – das, was auf Maskulinität zurückzuführen und schädlich ist, ist toxische Maskulinität, und umgekehrt. Vielmehr geht es um den fruchtbaren Boden, aus dem derartige Begriffe ohne kritisches Hinterfragen wachsen können. Dieser fruchtbare Boden besteht natürlich aus genau dem, was der Feminismus bekämpfen möchte: traditionelle Geschlechterrollen. Ein Mann gewinnt dadurch Wert, indem er zeigt, dass er diese Toxik bekämpfen und Frauen davor schutzen kann; und eine Frau gewinnt dadurch Wert und Vorteile, indem sie sich als Opfer darstellen kann. Beide Geschlechter gewinnen daran, den zirkulären Begriff der toxischen Maskulinität beizubehalten und dessen Bedeutung zu übertreiben.

        Und ich muss sagen: bewusst oder nicht, der Feminismus schafft es dadurch, gleichzeitig enormen Einfluss zu haben UND sich glaubhaft als Außenseiter darzustellen. Denn der Feminismus wird überall kritisiert und scheinbar marginalisiert, aber lediglich dessen radikale Elemente, nicht dessen Grundannahmen. Den Erfolg sieht man u.A. dadurch, das weite Teile meines Freundeskreises, die sich nie als Feministen definieren würden, die Vorstellung, dass es vor dem neuen Sexualstrafgesetzt eklatante Schutzlücken für Frauen gab, für erwiesen und selbstverständlich halten. Oder dadurch, dass mein Kollege, der bei einer Konferenz über Frauenrechte im Mittelosten fehlende soziale Kinderbetreung als Hauptgrund für die berufliche Stellung der Frauen gab und prompt verleumdet würde, indem er dem Opfer Selbstbestimmung und Verantwortung zuschrieb, den Gedanken, es könnte so was Ähnliches wie Parität in der Ausübung von Partnergewalt geben (obwohl er gleich danach zugab, dass er Dutzende von weiblichen Tätern schon kennt).

        Schade daran finde ich, dass wir wirklich gewinnen könnten, wenn wir Geschlechterrollen aufweichen. Als schwuler Heranwachsende fand ich die männliche Rolle im wahrsten Sinne des Wortes erstickend. Doch es klappt natürlich nicht, wenn man dabei gleichzeitig die weibliche Opferrolle nicht nur beibehalten, sondern stärken möchte. Diese geben wir nur schwerlich auf: wieso, zum Beispiel, reden wir von der Gehaltslücke von 20% zwischen Männern und Frauen, und nicht von der Lücke in Konsumausgaben (85% zugunsten von Frauen) oder Haushaltseinkommen (60% zugunsten von Frauen, aus dem einfachen Grund dass gut verdienende Frauen und schlecht verdienende Männer unter den Alleinstehenden überräpresentiert sind)? Es ist nicht nur, dass Feministen diese Aspekte übersehen, sondern dass die ganze Gesellschaft es tut. Wie ein Ex-Kollege von mir sagte, nachdem er in einer Diskussion auf eine Studie hingewiesen hatte, nach der Männer sogar die Merzahl der Vergewaltigungsopfer stellen: „Men’s rights??? That’s ridiculous!!“

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      • Danke zuerst einmal für deinen ausführlichen Kommentar! 🙂

        Vielmehr geht es um den fruchtbaren Boden, aus dem derartige Begriffe ohne kritisches Hinterfragen wachsen können. Dieser fruchtbare Boden besteht natürlich aus genau dem, was der Feminismus bekämpfen möchte: traditionelle Geschlechterrollen. Ein Mann gewinnt dadurch Wert, indem er zeigt, dass er diese Toxik bekämpfen und Frauen davor schutzen kann; und eine Frau gewinnt dadurch Wert und Vorteile, indem sie sich als Opfer darstellen kann. Beide Geschlechter gewinnen daran, den zirkulären Begriff der toxischen Maskulinität beizubehalten und dessen Bedeutung zu übertreiben.

        Das klingt für mich sehr nach „Der Zweck heiligt die Mittel“ und damit kann ich aus Prinzip nicht konform gehen. Der Feminismus ist nicht die einzige Möglichkeit um traditionelle Geschlechterrollen aufzubrechen und für diesen Prozess muss man auch keine schwammigen Begrifflichkeiten wie eben „Toxic Masculinity“ aufbauen, welche Teilaspekte der männlichen Identität dämonisieren und Schuldgefühle aufbauen. Das Aufbrechen der Geschlechterrollen muss einvernehmlich passieren und nicht in dem 50% der Menschheit stigmatisiert wird. Das schafft nämlich nur wieder einen fruchtbaren Boden, in dem das genaue Gegenteil der Emanzipation wächst.

        Denn der Feminismus wird überall kritisiert und scheinbar marginalisiert, aber lediglich dessen radikale Elemente, nicht dessen Grundannahmen.

        Einige Grundannahmen des Feminismus sind ja auch vollkommen legitim und werden daher von vielen Menschen problemlos akzeptiert. Hierbei handelt es sich häufig um die gleichen Grundannahmen die z.B. auch vom Humanismus hochgehalten werden. Das Problem ist aber, dass eine ideologische Bewegungen oft als Gesamtpaket wahrgenommen wird und die extremen bzw. radikalen Auswüchse des Feminismus diesen Grundannahmen auch schaden können und Gegenbewegungen Aufschwung verleihen (siehe z.B. die alternative Rechte im anglo-amerikanischen Raum und der derzeitige Aufstieg rechts-konservativer politischer Bewegungen).

        Den Erfolg sieht man u.A. dadurch, das weite Teile meines Freundeskreises, die sich nie als Feministen definieren würden, die Vorstellung, dass es vor dem neuen Sexualstrafgesetzt eklatante Schutzlücken für Frauen gab, für erwiesen und selbstverständlich halten.

        Was hat das neue Sexualstrafgesetz an der realen Situation in den Gerichtssälen geändert? Inwiefern hat der Feminismus hier etwas für die Opfer getan? An der Beweisbarkeit einer Vergewaltigung hat sich nichts geändert.

        Schade daran finde ich, dass wir wirklich gewinnen könnten, wenn wir Geschlechterrollen aufweichen.

        Da stimme ich dir auch völlig zu! Das sollte das Ziel von jedem sein, der sich für die Geschlechtergleichberechtigung einsetzt. Aber wie schon erwähnt muss man dafür weder Feminist noch Maskulist sein. Genausowenig muss man politisch rechts oder links stehen. Das ist ein humanistisches Ziel und jeder sollte dessen Wichtigkeit begreifen. Ausnahmen bilden hier dann höchstens regressiv eingestellte Personen, die sich eine traditionelle Gesellschaft der 50er Jahre wieder zurückwünschen.

        Es ist nicht nur, dass Feministen diese Aspekte übersehen, sondern dass die ganze Gesellschaft es tut. Wie ein Ex-Kollege von mir sagte, nachdem er in einer Diskussion auf eine Studie hingewiesen hatte, nach der Männer sogar die Merzahl der Vergewaltigungsopfer stellen: „Men’s rights??? That’s ridiculous!!“

        Völlig korrekt! Und hier hilft nur Aufklärung. Je mehr Leute darüber sprechen und die Fakten präsentieren, desto mehr steigt die Bereitschaft über diese kontraintuitiven Sachverhalte nachzudenken und sich damit auseinanderzusetzen. So erreichen wir über einen mittelfristigen Zeitraum ein Umdenken in der Gesellschaft als Ganzes.

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  4. Wunderbar! Toxic masculinity basiert eben auf Maskulinität also auf ähähäh, tja also auf – Testosteron?

    Ach ne, geht nicht… dann wäre das Geschlecht ja stofflich-biologisch determiniert und nicht sozial. Da steigt mir die Genderarmee aufs Dach!

    Neuer Ansatz: Also toxic masculinity basiert auf … ich muß erstmal nachdenken. Einerseits will ich ein Geschlecht, das Männliche und dessen Haltung deterministisch schuldig sprechen, andererseits ist das Geschlecht ja lediglich eine soziale und keine stoffliche Determinante. Wo kommt dann die Maskulinität her? So gesehen doch von allen, oder? Wenn das Geschlecht lediglich sozial verankert ist. Also auch von den Menschen, die ein falscher biologischer Ansatz als „Frau“ bezeichnet… oder?

    Tja, liebe Gendertröten (das Wort ist geklaut – leider). Dumm gelaufen. So ist das mit den wissenschaftlichen Schnellschüssen: Sie landen schnell im Knie, weil vor dem Zielen abgefeuert.

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    • Toxic Masculinity basiert nicht auf Testosteron. Als Transe mit mehr Expertise in Endokrinologie als wohl die meisten Ärzte und mit eigenen praktischen Erfahren in der Wirkung einzelner Steroidhormonmetaboliten (Progesteron, Estradiol, Östron, Testosteron, Dihydrotestosteron, Progesteron) auf Physis und Psyche wirkt Testosteron zwar durchaus als Egobooster und schwächt emotionale Instabilitäten ab (macht weniger emotional) aber das Dominanzverhalten ist nur konstruiert und dieses NoGay-Getue sind soziale Konstrukte. EIn Fehlschluss des Feminismus ist natürlich, das Frauen das nicht wollen würden. Tatsächlich wollen die meisten Frauen ein Alpha-Männchen das sich eindeutig heterosexuell präsentiert und emotional wenig anspuchsvoll ist in Abgrenzung zur selbstbegrenzenden Feminität: Unterordnend, emotional und schwach. Der Geschlechtsdimorphismus ist für Personen deren Charaktereigenschaften nicht denen des vorgegebenen genetischen Geschlechts entsprechen eine Qual. Und bei Männern äußert sich dies (im Gegensatz zu Frauen die durch ihr Aussehen statt durch ihr Verhalten für Männer interessant sind) in niedrigem hierachischem Stand mit nicht endender Infragestellung der Heterosexualität und gleichzeitig fehlendem Erfolg beim anderen Geschlecht.

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  5. Die Abwertung von Schwulen und die von Frauen unterscheiden sich wesentlich. Frauen werden augrund ihrer Hilflosigkeit und Schutzlosigkeit abgewertet, geniessen aber eine Schutz und einer Achtung, die sich mit dem tödlichen Hass gegen Schwule nicht messen lässt. Auslöser des Schwulenhasses ist pbrigens nicht Weiblichkeit, sondern Nutzlosigkeit. Deswegen geniessen selbst in ultrakonservativen moslemischen Gesellschaften singende Transvestiten Achtung: sie sind Unterhalter und haben somit ihre mönnliche Pflicht erfüllt – als Unterhalter.

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    • Interessant ist auf jeden Fall, das ich in den letzten 5 Jahren die ich aus der männlichen Konkurrenz falle weil ich als Frau lebe keinen tätlichen Übergriff mehr erlebt habe (wohl aber sexuelle Nötigung). jedenfalls fällt man sofort aus der Konkurrenz raus, sobald man feminin aussieht. Nachdem die Non-Binärität auf ein geringes Maß geschrumpft ist. Als hübsche Transe steht man hierachisch über „unmännlichen Männern“ und „hässlichen Frauen“. Man hat ein Bisschen was von Beidem, male und female privilege, ist aber unabhängig von intrasexueller Konkurrenz. Lustigeweise provoziert man dennoch Eifersucht bei beiden Geschlechtern, obwohl man für Keins von Beiden als Partner in Frage kommt (für Frauen zu effiminiert und Männer mit NoGay Allüren).

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  6. Sehr guter Text!

    Wenn das Thema nicht so bitter wäre, dann könnte man Goethe zitieren: „Denn eben, wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein“.

    So spricht natürlich Mephisto – als Replik auf einen Einwand des Schülers: „Doch ein BEGRIFF muss bei dem Worte sein“. (Der Schüler soll sich nämlich beim Theologiestudium möglichst eng an die Worte eines Lehrmeisters halten!)

    „Schon gut! Nur muss man sich nicht allzu ängstlich quälen; Denn eben, wo Begriffe fehlen, Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.“

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