Doktorant empfiehlt: Robert Sapolsky / In eigener Sache

Für jeden, der sich zumindest ein klein wenig für die biologischen Aspekte von (menschlichen) Verhaltensweisen und -abläufen interessiert, ist die Vorlesungsreihe „Human Behavioral Biology“ von Prof. Robert Sapolsky vermutlich ein Begriff. Aber falls dem nicht so sein sollte, kommt hier meine rettende Empfehlung. Wer sich die komplette Playlist mit 25 Videos anschauen möchte, der muss schon einiges an Sitzfleisch mitbringen. Aufgrund der ruhigen und leicht verständlichen Erklärweise von Robert Sapolsky kann man sich seine Vorlesung aber durchaus auch als eine Art Hörbuch nebenbei zu Gemüte führen, während man sich mit anderen Dingen beschäftigt. Zumindest dann, wenn diese Dinge den Geist nicht allzu sehr anstrengen. Lange Rede, kurzer Sinn, viel Spaß!


In eigener Sache: Aufgrund eines Projektes, welches kurz- bis mittelfristig einen großen Anteil meiner Aufmerksamkeit und Zeit einfordern wird (und nicht zu vergessen der aktuell allgemeinen Urlaubsstimmung), werde ich meine Inhalte auf diesem Blog von derzeit 3 mal die Woche (Montag, Mittwoch, Freitag) auf vorerst 1 mal die Woche reduzieren. Sobald sich meine zeitliche Situation wieder normalisiert hat, wird sich auch die Anzahl meiner Posts wieder erhöhen.

Im selben Atemzug möchte ich auch gleich noch einmal meinen Twitter-Account erwähnen: @DerDoktorant. Wer gerne darüber auf dem Laufenden bleiben möchte was ich dort tagtäglich so treibe, dem sei ein kurzer Klick auf den Follow-Button empfohlen. Vielen Dank im Voraus und ich wünsche schon einmal vorab ein angenehmes Wochenende!

Die deutsche Rape Culture

Ausgehend von meinem letzten Artikel über das kritische Denken habe ich mir einmal den feministischen Fachbegriff der Rape Culture vorgenommen. Passend dazu analysiere ich die Validität der vorgebrachten Argumentation des Blogs Pinkstinks, dessen Autoren behaupten, dass in Deutschland eine Rape Culture existiert. Ist das wirklich so oder wird erneut gezeigt, dass ein korrekter Nachweis der eigenen Behauptungen als irrelevant betrachtet wird? Viel Spaß!

Doktorant empfiehlt: Einführung in das kritische Denken

Als Addendum für meinen Artikel über das kritische Denken möchte ich heute eine Videoreihe vorstellen, die das Konzept ausführlich darstellt. Viel Spaß!

Kritisches Denken 101: Induktion und Deduktion

Die tagtägliche Konfrontation mit Artikeln und Kolumnen, welche nicht einmal die Mindeststandards der Logik und Vernunft erreichen – sei es von professionellen Journalisten oder Amateuren, die in ihrer Freizeit bloggen – lässt mich immer wieder ratlos zurück. Oftmals kann ich einen Text nicht mehr lesen ohne dabei innerlich die begangenen logischen und/oder argumentativen Fehlschlüsse mitzuzählen.

Zwei Fragen kommen mir dabei immer wieder in den Sinn: Fehlt den Autoren dieser Artikel die kritische Denkfähigkeit? Oder wird bewusst auf eine korrekte Argumentationsführung verzichtet, wenn es der eigenen Narrative nicht zuträglich ist?

Sollte letzteres zutreffen, lässt sich daran vermutlich nicht viel ändern. Außer die eigene Skepsis zu schärfen, versteht sich. In Anbetracht der ersten Möglichkeit möchte ich hier eine kurze Grundlage für die Anwendung des kritischen Denkens darlegen und mich dabei konkret auf die Schlussverfahren der Induktion und Deduktion beziehen.

Doch bevor wir dazu kommen: Was ist kritisches Denken?

Eine längere Definition findet sich hier. Kurz zusammengefasst beschreibt kritisches Denken die Orientierung und Ausrichtung des eigenen Denkens nach den methodischen Kriterien der Wissenschaft. Sich mit den Kriterien der Wahrheitsfindung, wie sie in der Wissenschaft angewendet werden, auseinanderzusetzen, ist vor allem für Laien eine große Hilfe bei der Beurteilung von Behauptungen und dem Erkennen von Scheinargumenten. Zusätzlich ist die Fähigkeit des kritischen Denkens ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum mündigen Bürger.

Man muss aber nicht reihenweise Bücher oder wissenschaftliche Publikationen wälzen, um den Prozess der kritischen Denkfähigkeit anwenden zu können. Stattdessen reicht es, sich mit ein paar der Grundprinzipien vertraut zu machen. Eines davon sind die beiden Schlussverfahren der Induktion und Deduktion.

Eine Erklärung beider Begriffe: Bei der Induktion schließen wir vom Einzelnen auf das Allgemeine. Konkret bedeutet das, dass man aus einzelnen, empirischen Beobachtungen auf eine allgemeine Theorie oder eine Gesetzmäßigkeit schließt. Wir nehmen also eine Verallgemeinerung vor bei der nur eine gewisse Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie korrekt ist (siehe auch probabilistisches Schließen). Die vorgebrachten Prämissen müssen also nicht zwangsläufig in einer korrekten Konklusion resultieren. Durch Induktion erlangte Theorien oder Gesetzmäßigkeiten sind dennoch ein erster wichtiger Schritt bei der Wahrheitsfindung.

Ein Beispiel, welches gerne für die Illustration des induktiven Schlussverfahrens verwendet wird:

Prämisse = Alle bisher beobachteten Vögel können fliegen. [Empirische Einzelbeobachtungen]

Konklusion = Alle Vögel können fliegen. [Aufgestellte Gesetzmäßigkeit]

Solange wir keinen Vogel finden der nicht fliegen kann, ist diese Argumentation korrekt. Und je mehr flugfähige Vögel wir bisher gefunden haben, desto wahrscheinlicher ist es, dass unsere Verallgemeinerung ebenfalls korrekt ist.

Es wäre aber ein Fehler an dieser Stelle mit der Wahrheitsfindung aufzuhören. Daher muss im nächsten Schritt die Deduktion erfolgen: Bei der Deduktion schließen wir vom Allgemeinen auf das Einzelne. Eine zuvor aufgestellte allgemeine Theorie oder Gesetzmäßigkeit muss überprüft werden, in dem die Vorhersagekraft dieser Theorie genutzt wird um eine Prognose aufzustellen. Anschließend kann man eine aufgestellte Gesetzmäßigkeit bzw. Verallgemeinerung mit einzelnen, empirischen Beobachtungen entweder validieren oder falsifizieren. Ein wichtiger Unterschied zur Induktion besteht darin, dass es bei der Deduktion keine Wahrscheinlichkeit dafür gibt, ob eine Konklusion korrekt ist oder nicht. Wenn die Prämissen korrekt sind, dann muss zwangsläufig auch die Konklusion korrekt sein, und vice versa.

Um mit unserem Beispiel fortzufahren:

Prämisse = Alle Vögel können fliegen. [Aufgestellte Gesetzmäßigkeit]

Konklusion/Prognose = Der Strauß ist ein Vogel und kann daher fliegen.

Empirische Einzelbeobachtung: Der Strauß kann nicht fliegen.

Durch die empirische Beobachtung stellen wir fest, dass der Strauß zwar ein Vogel ist, aber nicht fliegen kann. Die aus der Prämisse abgeleitete Konklusion ist daher nicht korrekt, wodurch automatisch auch die zuvor aufgestellte Gesetzmäßigkeit nicht korrekt ist und verworfen werden muss. Auf Basis der neuen empirischen Daten können wir jetzt wieder mit der Induktion beginnen und eine neue Gesetzmäßigkeit aufstellen, die dann wiederum geprüft werden muss. Wäre der Strauß ein flugfähiger Vogel, so hätte diese Einzelbeobachtung unsere Gesetzmäßigkeit verifiziert. Wichtig hierbei jedoch: Eine Theorie oder ein Gesetz kann niemals abschließend als wahr befunden werden, da in der Praxis nicht jede mögliche Einzelbeobachtung vorgenommen werden kann. Es kann nur mit jeder Verifikation oder ausbleibenden Falsifikation eine stärkere Annäherung an die Wahrheit erreicht werden.

Hier noch einmal eine Abbildung der beiden Schlussverfahren und ihrer Anwendung:

DeduktionInduktion

Das Grundprinzip von Induktion und Deduktion ist einfach zu verstehen, so lange die gewählten Prämissen und Konklusionen simpel und offensichtlich sind. Wie alles im Leben, sind aber die präsentierten Prämissen und Konklusionen in der Praxis selten einfach, sondern in den meisten Fällen komplex und zusätzlich mit weiteren Prämissen und Konklusionen verschachtelt.

Ein grundsätzliches Problem, welches mir regelmäßig auffällt, ist, dass die Vertreter der am Anfang dieses Textes erwähnten Artikel und Kolumnen nur das induktive Schlussverfahren anwenden und dann aufhören. Einzelbeobachtungen werden aufgezählt und am Ende des Artikels steht eine verallgemeinerte Aussage über den Zustand der Welt. Eine Prüfung erfolgt jedoch nicht. Es ist also dem Leser überlassen, eine Verifikation oder Falsifikation durchzuführen. Oder die Autoren erwarten, dass man ihnen einfach Glauben schenkt.

Ein schönes Beispiel – und Auslöser dafür, dass ich diesen Post verfasse – ist folgender Artikel des Independent mit dem Titel „Sites like Uni Lad only act to support our everyday rape culture“. Dort findet sich mehrfach die unzureichende Anwendung der beiden Schlussverfahren. Ein Textauszug:

When I use the term ‘rape culture’, I don’t mean to exaggerate or sensationalise. I am not referring to isolated incidents, but to a widespread trend towards articles, websites and events that sexualise, objectify and dehumanise female students and women in general. I am talking about entire websites where across hundreds of articles about women not a single female name appears; they are replaced with “wenches”, “hoes”, “clunge”, “skank”, “sloppy seconds”, “pussy”, “tramp”, “chick”, “bird”, “milf”, “slut” and “gash”. They are part of a growing culture in which the sexual targeting of female students as “prey” is actively encouraged, even when it verges on rape and sexual assault. It is an atmosphere in which victims are silenced and perpetrators encouraged to see crimes as merely ‘banter’ – just part of ‘being a lad’.

Versuchen wir diesen Abschnitt doch einmal nach dem zuvor besprochenen Prinzip aufzuschlüsseln:

Prämisse = Eine nicht näher bestimmte Anzahl an Webseiten und Artikeln bezeichnet Frauen mit herabwürdigenden Begriffen. [Einzelbeobachtungen]

Konklusion 1 = Es gibt einen Trend zu Webseiten, Artikeln und Vorkommnissen, bei denen Frauen sexualisiert, objektifiziert und entwürdigt werden.

Konklusion 2 = Es gibt eine wachsende Kultur, in der dazu ermutigt wird Frauen als „sexuelle Beute“ ins Visier zu nehmen.

Konklusion 3 = Es wird ein Klima erschaffen, in dem Opfer mundtot gemacht und Täter ermutigt werden ihre Verbrechen als Scherze anzusehen; als etwas was Kerle eben machen.

Aus einer Prämisse werden also drei verallgemeinerte Aussagen über den Zustand der Welt bzw. das „kulturelle Klima“ in Großbritannien abgeleitet. Diese induktiven Schlüsse können anschließend vom Leser anhand der Wahrscheinlichkeit der Korrektheit ihrer Konklusionen bewertet werden (vgl. Vertretbarkeit von Argumenten).

Wo aber bleibt die Überprüfung der Konklusionen in einem deduktiven Schlussverfahren durch die Autorin? Und welchen Wert haben die aufgestellten Verallgemeinerungen, wenn diese Überprüfung ausbleibt?

Es ist wichtig sich klar zu machen, dass es sich hierbei nicht nur um die Äußerung einer Meinung handelt. Die Autorin des Artikels macht eine faktische Aussage, welche entweder bestätigt oder widerlegt werden kann. Diese Aufgabe wird aber dem kritischen Leser selbst überlassen, während der naive Leser die ausschließlich durch Induktion erlangte und nicht geprüfte Theorie als bare Münze nimmt.

Ein Zyniker würde jetzt sagen: „Tja, so ist das eben und mehr kann man auch nicht erwarten. Den aufwändigen Weg der Deduktion wird kein professioneller Journalist gehen, geschweige denn ein Amateur auf seinem persönlichen Blog. Vor allem dann nicht, wenn eine korrekte Prüfung der Aussagen die hohe Wahrscheinlichkeit birgt, dass seine komplette Argumentation zusammenbricht.“

Vielleicht ist das so. Vielleicht kann man aber auch mehr verlangen.

Alternativ lässt sich eine persönliche, grundlegende Skepsis gegenüber faktischen Äußerungen entwickeln, wenn deren Autor nicht bereit oder dazu in der Lage ist, die von ihm aufgestellten Verallgemeinerungen in einem deduktiven Schlussverfahren zu prüfen.

Über Meinungen darüber, inwieweit ein solcher Standard für journalistische Inhalte angemessen ist, würde ich mich sehr freuen.

Statistik fälschen leicht gemacht

Nachdem gestern Thomas „The Boss“ Fischer in einem Nachtrag zu seiner Kolumne vom 28.06.2016 erneut den Boden mit „empörten Feministinnen“ aufgewischt hat, ist die am selben Tag erschienene Replik von Frau Stokowski etwas unter dem Radar geflogen. „Das ist doch eigentlich ganz positiv!“, mag jetzt der eine oder andere von sich geben und würde dafür auch zustimmendes Nicken erhalten. Ich möchte mich daher auch gar nicht sonderlich lange mit den Zeilen von Frau Stokowski aufhalten, sondern mich mit einer Studie beschäftigen, die sie in ihrem Artikel verlinkt.

Sie schreibt:

Es geht um eine Reform, die Feministinnen seit Langem fordern, die wegen der Istanbul-Konvention seit Jahren fällig ist und im Grundsatz fraktionsübergreifend befürwortet wird. Rückert findet das verheerend: „Das Intime gerät in Verdacht, das Schlafzimmer wird zum gefährlichen Ort.“ Gefährlich für diejenigen, die potenziell Täter oder Täterin werden könnten. Für potenzielle Opfer hingegen war das Schlafzimmer bisher schon „ein gefährlicher Ort“: Im Jahr 2004 gaben in einer repräsentativen Studie in Deutschland 25 Prozent der Frauen an, körperliche und/oder sexualisierte Gewalt durch den Partner oder Ex-Partner erlebt zu haben. Längst nicht alle zeigen die Taten an. [Hervorhebung nicht im Original]

25% der Frauen, also jede Vierte, hat schon einmal körperliche und/oder sexualisierte Gewalt durch den Partner oder Ex-Partner erlebt? Das klingt ja ungeheuerlich. Und aus dem Grund habe ich mir die Studie Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland einmal etwas genauer angeschaut.

Aus meiner Sicht sind vor allem drei zentrale Fragen relevant: 1. Wie sind körperliche und/oder sexualisierte Gewalt definiert? 2. Mit welcher Methodik wurden die Daten erhoben? 3. Wie setzen sich die besagten 25% aus der Stichprobe zusammen?

1. Die Definition von körperlicher und sexualisierter Gewalt:

Die körperlichen Gewalthandlungen, die im Rahmen der Studie abgefragt wurden, umfas­sen ein breites Spektrum an Gewalthandlungen, von leichten Ohrfeigen und wütendem Wegschubsen über Werfen oder Schlagen mit Gegenständen bis hin zu Verprügeln, Wür­gen und Waffengewalt (vgl. Itemliste 1 im Anhang dieser Broschüre).

[…]

Im Vergleich zu den erfassten Handlungen körperlicher Gewalt bezogen sich die Items zu sexueller Gewalt auf einen engeren Gewaltbegriff, der ausschließlich strafrechtlich relevan­te Formen wie Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung und unterschiedliche Formen von sexueller Nötigung unter Anwendung von körperlichem Zwang oder Drohungen umfasste (vgl. Itemliste 2 im Anhang)

Fair enough, wie der Engländer sagen würde. Auch wenn ich ein ungutes Gefühl bei der Breite des Spektrums an erfassten Gewalthandlungen habe. Leichte Ohrfeigen und wütendes Wegschubsen werden mit Verprügeln, Würgen und Waffengewalt gleichgesetzt? Naja, dieser Faktor wird ganz bestimmt später in der deskriptiven Statistik berücksichtigt. Oder?

2. Die Methodik:

Die folgenden Überblicksdaten zur Gewaltbetroffenheit der Frauen seit dem 16. Lebensjahr beziehen sich bei körperlicher und sexueller Gewalt auf alle Angaben aus dem mündlichen und schriftlichen Fragebogenteil. Die Überblicksdaten zu sexueller Belästigung und zu psy­chischer Gewalt beziehen sich nur auf die Angaben im mündlichen Fragebogenteil, da zu diesen keine vergleichbaren Untersuchungsinstrumente im schriftlichen Teil vorliegen.

Eine Befragte galt als von einer Gewaltform betroffen, wenn sie in der Einstiegsfrage oder in der nachfolgenden Itemliste angab, mindestens eine der genannten Gewalthandlungen mindestens einmal in ihrem Erwachsenenleben erlebt zu haben; weitere Differenzierun­gen wurden dann anhand der nachfolgenden Angaben zu erlebter Gewalt vorgenommen. [Hervorhebung nicht im Original]

Natürlich wird dieser Faktor nicht berücksichtigt. Stattdessen reicht bereits der Umstand, dass eine Befragte irgendwann seit ihrem 16. Lebensjahr einmal „wütend geschubst“ wurde (welchen Mehrwert auch immer das Adjektiv dabei hat), um als „Opfer von Gewalt“ klassifiziert zu werden. Das dürfte wohl die beste Methode sein, um seine Zahlen inflationär aufzublähen. It’s not a bug, it’s a feature.

Und entsprechend sieht dann auch die erste Itemliste der mündlichen Befragung aus:

Studie_GewaltFrauenItemliste1

Beißen, Kratzen, Schubsen, Arm umdrehen auf der gleichen Stufe mit Verprügeln, Würgen, Verbrühen und Waffengewalt. Vermutlich sind unter dieser Definition 99% aller Menschen schon einmal „Opfer von Gewalt“ geworden, wenn sie auch nur eine öffentliche Schule besucht haben. Itemliste 2 ist komischerweise deutlich fokussierter und daher auch nachvollziehbarer:

Studie_GewaltFrauenItemliste2Mich dünkt, hier wurde in vollem Bewusstsein die Definition einer Gewaltform, nämlich der körperlichen Gewalt, so offen und breit wie möglich gestaltet, um noch einen Plan B in der Hinterhand zu halten, falls die erhobenen Daten am Ende nicht ins gewünschte Bild passen.

Da habe ich den Autoren aber dann doch zu viel „Anerkennung“ entgegenbringen wollen. Sie haben stattdessen einfach noch einen Fragebogen, mit einer eigenen Itemliste erstellt, um körperliche und sexuelle Gewalt in Paarbeziehungen zu erfragen:

Studie_GewaltFrauenItemliste4_1

Hm. Die Art und Weise der Befragung kommt mir irgendwie bekannt vor. Warum genau erfasst man hier nicht „ausschließlich strafrechtlich relevan­te Formen wie Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung und unterschiedliche Formen von sexueller Nötigung unter Anwendung von körperlichem Zwang oder Drohungen“, so wie in Fragebogen Nummer 2? Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

3. Die Zusammensetzung der zitierten 25%:

Und tadaa, was sehen wir dann in der deskriptiven Statistik?

Studie_GewaltFrauenItemliste3

Sexuelle Gewalt allein kommt „nur“ auf 12% bzw. 13% wenn auch noch die Daten aus einem weiteren, schriftlichen Fragebogen mit einbezogen werden. Dieser Wert war den Autoren offenbar zu gering und überraschenderweise ist nahezu jede dritte Befragte schon einmal Opfer von körperlicher Gewalt gewesen. Warum also nicht einfach eine weitere Kategorie erstellen, in der man dann mit einem zusätzlichen Fragebogen ermittelt, ob eine Befragte sexuelle oder körperliche Gewalt durch den Partner erlitten hat? Und schon sind wir bei den von Frau Stokowski zitierten 25%. Klingt natürlich deutlich besser, nicht wahr?


Jetzt bin ich bei einer weiteren Betrachtung der Formulierungen in der Tabelle aber doch noch mal etwas stutzig geworden. In der Legende findet sich folgende Erklärung:

die Anteile erhöhen sich,wenn Angaben aus schriftlichem Fragebogen einbezogen werden (siehe Angaben in Klammern bei türkischen/osteuropäischen Migrantinnen und Hauptuntersuchung).

Das heißt, dass die Zahlen ohne Klammern sich nur aus der mündlichen Befragung zusammensetzen, während sich die Zahlen mit Klammern entweder nur aus der schriftlichen Befragung oder aus mündlicher und schriftlicher Befragung zusammensetzen. Der Text ist in Bezug darauf leider nicht eindeutig. Für die Hauptstudie (also die dunkel-orange Spalte), wird aber noch einmal explizit gesagt, dass es sich hier nur um die schriftliche Befragung bei den Zahlen in Klammern handelt (****).

Warum sinkt die Zahl von 25% auf 13%, wenn man eine schriftliche Befragung durchführt? Dieser Unterschied ist definitiv nicht zu vernachlässigen. Wurden hier den Befragten bei der mündlichen Befragung bestimmte Antworten nahegelegt?

Die letzte Kategorie lautet außerdem „sexuelle oder körperliche Gewalt durch Partner“. Itemliste 5 beschreibt aber die „Erfassung von körperlicher und sexueller Gewalt in Paarbe­ziehungen im schriftlichen Fragebogen“.

Woraus setzen sich also die 25% zusammen, die laut der Legende aus einer mündlichen Erhebung stammen müssen, wenn nur eine schriftliche Befragung über körperliche und sexuelle Gewalt vorgenommen wurde? Wurden hier dann letztendlich doch die Werte aus Itemliste 1 und 2 zusammengeworfen?

Möglicherweise übersehe ich hier etwas. Oder die Studie ist einfach irreführend und basiert auf einer unpräzisen und schlechten Methodik. You decide.

Die Recherche: „Toxic Masculinity“

Toxic Masculinity. Dieser Begriff taucht immer häufiger in Online-Diskussionen über die Gender-Debatte, sowie in nationalen und internationalen Mainstream-Publikationen auf. Eine eindeutige Definition darüber, was dieser Begriff denn eigentlich bedeutet und welche Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen eines Menschen unter diesen Begriff fallen, bleibt in den meisten Fällen unklar. Auch eine simple Google-Suche führt weder zu seriösen Quellen, noch zu einer Beantwortung der anfänglichen Fragen.

Aber wie heißt es doch so schön: „Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet zum Berg kommen.“ und in diesem Sinne habe ich mich auf die Suche nach einer seriösen und wissenschaftlich validierten Definition des Begriffs Toxic Masculinity gemacht und bin dabei auf folgendes Paper gestoßen, welches im Journal Of Clinical Psychology im Jahr 2005 veröffentlicht wurde. Der Autor Terry A. Kupers analysiert in seinem Artikel „Toxic Masculinity as a Barrier to Mental Health Treatment in Prison“ den Begriff im Zusammenhang  mit der Behandlung psychischer Erkrankungen von Gefängnisinsassen.

Im Verlauf der Einleitung gibt Kupers folgende Definition für den Begriff der Toxic Masculinity:

Toxic masculinity is the constellation of socially regressive male traits that serve to foster domination, the devaluation of women, homophobia, and wanton violence.

Übersetzt also: Toxic Masculinity ist das Zusammenwirken von „sozial-regressiven männlichen Wesenszügen“, welche die Entstehung und das Bestehen von Dominanz, der Abwertung von Frauen, Homophobie und kriminelle/mutwillige Gewalt begünstigen.

Was genau diese „sozial-regressiven männlichen Wesenszüge“ sein sollen, bespricht Kupers in einem späteren Abschnitt und bezieht hier stark den Begriff der Hegemonic Masculinity mit ein:

Connell defines hegemonic masculinity as the dominant notion of masculinity in a particular historical context (Connell, 1987). In contemporary American and European culture, it serves as the standard upon which the “real man” is defined. According to Connell, contemporary hegemonic masculinity is built on two legs, domination of women and a hierarchy of intermale dominance (Connell, 1987; Jennings & Murphy, 2000). It is also shaped to a significant extent by the stigmatization of homosexuality (Frank, 1987). Hegemonic masculinity is the stereotypic notion of masculinity that shapes the socialization and aspirations of young males (Pollack, 1998). Today’s hegemonic masculinity in the United States of America and Europe includes a high degree of ruthless competition, an inability to express emotions other than anger, an unwillingness to admit weakness or dependency, devaluation of women and all feminine attributes in men, homophobia, and so forth (Brittan, 1989). Hegemonic masculinity is conceptual and stereotypic in the sense that most men veer far from the hegemonic norm in their actual idiosyncratic ways, but even as they do so, they tend to worry lest others will view them as unmanly for their deviations from the hegemonic ideal of the real man. [Hervorhebung nicht im Original]

Offensichtlich müssen wir uns auch Connells Ausführungen über Hegemonic Masculinity genauer anschauen, um zu verstehen woher dieser Begriff kommt und womit er gestützt wird. Connell schreibt dazu in ihrem Buch „Gender and Power: Society, the Person and Sexual Politics“ aus dem Jahr 1987 folgendes:

Connell1987_Hegemonic Masculinity_3

Connell definiert hier also den Begriff der Hegemonic Masculinity und stützt diesen mit… *Trommelwirbel* nichts. Es gibt angeblich einen „strukturellen Fakt“, nämlich den der „globalen Dominanz“ von Männern über Frauen. Warum das ohne begründeten Zweifel so ist, woran wir das sehen können, wie wir das nachvollziehen können, darüber wird auch in den folgenden Abschnitten kein Wort verloren. Es ist so und auf dieser Prämisse wird alles weitere aufgebaut. Dabei wäre es gerade hierfür notwendig, einen empirischen Beleg für diese vermeintliche Dominanz zu präsentieren.

In einem Absatz kurz darauf lässt Connell dann die nächste Katze aus dem Sack:

Connell1987_Hegemonic Masculinity_4

Ihr Konzept bzw. ihr theoretischer Bezugsrahmen der Hegemonic Masculinity basiert also nicht auf  belegten Kausalitäten. Stattdessen zäumt sie das Pferd von hinten auf, schaut sich den Sachverhalt an, dass die angeblich global-dominante Männlichkeit noch nicht alle anderen Identitäten ausgelöscht hat und schlussfolgert dann, dass es deswegen ein „Gleichgewicht der Kräfte“ geben muss. Die dominante Form der Männlichkeit unterdrückt also lieber, als zu vernichten. Warum, wieso, weshalb… das interessiert nicht.  Die Tatsache, dass es neben der vermeintlich dominanten Form von Männlichkeit auch noch weitere Formen von Männlichkeit und Weiblichkeit gibt, ist kein Beweis dafür, dass es überhaupt solch eine dominante Form von Männlichkeit gibt.

Kommen wir nach dieser kurzen und enttäuschenden Reise in die Vergangenheit zurück zu Kupers Artikel. Er schreibt noch folgendes zum Begriff der Toxic Masculinity:

The term toxic masculinity is useful in discussions about gender and forms of masculinity because it delineates those aspects of hegemonic masculinity that are socially destructive, such as misogyny, homophobia, greed, and violent domination; and those that are culturally accepted and valued (Kupers, 2001).

Toxic Masculinity beschreibt also eine Teilmenge der Hegemonic Masculinity; konkret beschreibt der Begriff die negativen bzw. sozial-destruktiven Wesenszüge von Männlichkeit. Kupers führt danach noch einmal aus:

Toxic masculinity is constructed of those aspects of hegemonic masculinity that foster domination of others and are, thus, socially destructive. Unfortunate male proclivities associated with toxic masculinity include extreme competition and greed, insensitivity to or lack of consideration of the experiences and feelings of others, a strong need to dominate and control others, an incapacity to nurture, a dread of dependency, a readiness to resort to violence, and the stigmatization and subjugation of women, gays, and men who exhibit feminine characteristics.

Die Frage danach, warum alle diese Eigenschaften bzw. Wesenszüge nicht auch auf Frauen bzw. Weiblichkeit zutreffen können, bleibt natürlich unbeantwortet.

Zusammengefasst: Toxic Masculinity ist ein nicht belegtes Konzept, welches auf dem nicht belegten Konzept der Hegemonic Masculinity basiert. Mit diesem werden negative Wesenszüge, welche bei jedem Menschen vorkommen können, willkürlich einer „Form der Männlichkeit“ zugeschrieben. Dies ist aber weder validiert, noch lässt sich der gesamte theoretische Bezugsrahmen falsifizieren. Und sowas nennt sich dann Wissenschaft.

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How Did That Make It Through Peer Review?

Heute einmal etwas ganz anderes: Der Twitter-Account @realpeerreview postet regelmäßig „wissenschaftliche Artikel“, die es in den meisten Fällen irgendwie geschafft haben, durch das Peer-Review Verfahren zu kommen. Die Abstracts, die man da zu lesen bekommt, könnten oftmals auch als Artikel von The Onion durchgehen und daher habe ich mir gedacht, dass man aus diesem Quell unendlicher Freude, doch ein kleines Spiel machen könnte.

Das bedeutet, dass ich mir einen dieser Artikel heraussuchen werde, diesen von Beginn an lese und parallel dazu einzelne Passagen kommentiere. Was kann da schon schiefgehen? Das Spiel geht so lange, bis ich es nicht mehr aushalte und kurz davor bin dem Wahnsinn zu verfallen. Gut, nachdem die Regeln etabliert sind, fange ich auch direkt mit folgendem Meisterwerk an:

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Klasse. Bereits der erste Satz der Einleitung lässt mir die Haare zu Berge stehen:

Recent years have seen extensive literature relating to the body as a modifiable social construct (Liran-Alper and Kama, 2007; Moore and Kosut, 2010).

Einmal abgesehen von dem wahrscheinlich uninteressantesten Einstieg ever, um die Relevanz für seine „Forschungsfrage“ darzustellen, ist die Prämisse bereits vollkommen absurd. Der Körper als soziales Konstrukt, ah ja. Ob mir die zitierten Artikel für das Verstehen dieser Aussage weiterhelfen? Immerhin ist es der erste Satz und ich möchte eigentlich ungern direkt nach einem weiteren Artikel suchen müssen, um überhaupt zu verstehen was mir die Autorin sagen möchte. Also weiter im Programm:

Rather than being perceived as a biological construct or permanent entity, today it is viewed as a malleable product of individual and social processes (Featherstone, 1991; Shilling, 1993; Turner, 2008).

Ok, der Körper wird also als ein soziales und kein biologisches Konstrukt wahrgenommen (was auch immer mit permanent entity gemeint sein soll). Wahrgenommen von wem? Der Autorin? Den zitierten Autoren? Der allgemeinen Bevölkerung? Ich sehe schon, ich werde also nicht drumherum kommen, mir die zitierten Artikel anzuschauen. Dann sehe ich mir doch einmal an, was Liran-Alper und Kama (2007) so zum Körper als soziales Konstrukt zu sagen haben:

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Ah, in Hebräisch. Sehr gut, wirklich sehr gut. Und vor allem so hilfreich. Naja, wir haben ja noch einen anderen Verweis, nämlich Moore und Kosut (2010). Hierbei handelt es sich offenbar um ein Buch mit dem Titel Not Just the Reflexive Reflex: Flesh and Bone in the Social Sciences und es lässt sich mit einer kurzen Suche auf Google ein PDF der Einleitung finden:

Sociologist  Arthur  Frank  elegantly  describes  the  body  as  follows:  “the  body  is not mute,  but  it  is  inarticulate;  it  does  not  use  speech,  yet  begets  it.” When  an academic tells  a  theoretical  story  about  the  body  or  bodies,  she  must  listen closely  to  hear  her own  body  speaking  from  within  it.  If  she  is  able  to  hear  this  body,  she  then  must translate its communication into an imperfect language.

Was. Zur. Hölle.

Das klingt doch mal nach einem wissenschaftlichen Einstieg in ein Thema. Man muss einfach nur ganz genau auf seinen eigenen Körper hören. Und zack, hat man einen Abschluss in den Sozialwissenschaften.

So, der Geduldsfaden wird dünner. Aus diesem Grund werde ich jetzt nur oberflächlich die Einleitung überfliegen, in der Hoffnung, dass dort noch irgendetwas substanzielles aufzufinden ist.

As we reflect on this complicated process, we are forced to confront our own embodiment and the pleasures and dangers of revealing our bodies.

[…]

For women, this practice of “sharing” these embodiments has become a necessary yet risky rite of passage into the academic right (and requirement) to produce knowledge. Importantly, this rite of passage is not equally mandated for our academic colleagues who inhabit bodies that are both physically and symbolically different from ours.

[…]

Bodies may be read aesthetically, as things to be beautified, fixed, fetishized, and adorned.

[…]

Or, conversely, bodies can communicate the effects of institutional racism, abandonment, and neglect as seen in the media images of poor black Hurricane Katrina victims stranded on rooftops begging for water and rescue.

[…]

Approaching the body as lived, rather than as an abstract object or social construct, allows us to begin to understand the subjectivities of the flesh, and how bodies themselves hold an unspoken knowledge.

Ich habe das PDF danach geschlossen, da mich langsam das Gefühl beschleicht, dass ich nicht auf ein akademisches Werk, sondern auf das Manifest eines religiösen Kults gestoßen bin. Außerdem bezweifele ich, dass auf den nächsten 28 Seiten noch irgendwie nachvollziehbar erklärt wird, wie, warum und weshalb der Körper ein soziales Konstrukt sein soll.

Andererseits kann man sich vermutlich alles mit der Denkweise, wie sie in dem Buch von Moore und Kosut praktiziert wird, herleiten, wenn man nur ganz besonders fest in sich selbst hineinhört.

Biologie-Kultur-Ideologie: Ein Modell (2)

Der nächste Schritt in meinem Biologie-Umwelt-Gesellschaft-Interaktionsmodell wird das Hinzufügen des Faktors „Wissenschaft und Technologie“ sein. Bevor ich jedoch dazu komme, ist es notwendig ein paar der von mir verwendeten Begriffe zu definieren, um mögliche Verwirrungen und Missverständnisse etwas abzudämpfen. Unter meinem letzten Post zu diesem Modell ist ja eine doch relativ hitzige Debatte entbrannt und aus diesem Grund möchte ich zwei Punkte noch einmal detaillierter aufgreifen.

Die größte Unschärfe dürfte, meiner Meinung nach, in den Begriffen „Gen“ und „Umweltfaktor“ liegen. Daher jetzt der Versuch einer Definition:

Beginnen wir mit dem Genbegriff. Dafür habe ich das Lehrbuch „Biologie“ von Campbell und Reece aus meinem Schrank geholt und entstaubt. Hier findet sich folgender Satz zur Definition eines Gens:

Ein Gen ist ein Abschnitt der DNA, der zur Herstellung eines RNA-Moleküls benötigt wird. (Biologie Campbell & Reece, 6. Auflage, S. 381)

So kommen wir jetzt also vom Regen in die Traufe. Um den Genbegriff zu verstehen, müssen wir zuerst verstehen was DNA und RNA sind.

Die Desoxyribonukleinsäuren (oder DNS/DNA) sind Makromoleküle, die genetische Informationen codieren und in allen Zellen eines Organismus reproduziert werden. Um diese genetischen Informationen auslesen zu können, wird über den Vorgang der Transkription aus einem Abschnitt der DNA ein RNA-Molekül erstellt. Die Ribonukleinsäuren (oder RNS/RNA) sind der DNA sehr ähnlich. Ein Hauptunterschied ist jedoch, dass die RNA einzelsträngig ist, während die DNA doppelsträngig ist (die bekannte Helix-Form). Weiterhin kann die RNA im Gegensatz zur DNA aus dem Zellkern geschleust werden. Das ist notwendig, da die Proteinbiosynthese (zumindest bei Eukaryoten) außerhalb des Zellkerns an den Ribosomen geschieht. Aus der übertragenen Information kann jetzt im Prozess der Translation ein Protein erstellt werden.

Das ist natürlich nur ein sehr stark gekürzter Abriss der Genexpression, sollte aber für das allgemeine Verständnis des Genbegriffs ausreichen. Noch einmal zusammengefasst:

Genetische Informationen = DNA –> RNA –> Proteine

Die Proteine stellen die Hauptbestandteile aller Zellen dar. Zellen wiederum bilden die Grundlage aller Organismen. Wir haben es hier also mit einem gerichteten Prozess zu tun, der letztendlich zum Phänotyp eines Organismus führt.

Gene sind somit Teilabschnitte der Informationen, die für die Herstellung von biologisch-aktiven Molekülen codieren.


 

Die Definition des Begriffs „Umweltfaktor“ stellt sich als etwas schwieriger heraus:

Die erste Unterteilung, über die nahezu überall Einigkeit besteht, ist die in abiotische und biotische Umweltfaktoren. Abiotische Umweltfaktoren sind ebenfalls relativ eindeutig: Hierzu zählen physikalische und chemische Faktoren wie Temperatur, Sonnenlicht, Sauerstoff, Wasser und ganz allgemein das Vorhandensein von Nährstoffen/Ressourcen.

Was alles unter die Kategorie der biotischen Umweltfaktoren fällt, ist jedoch weniger klar: Klassischerweise (d.h. wenn wir uns die Dynamiken von Tierpopulationen anschauen) werden hierzu Prädation, Parasitismus, Konkurrenz und Symbiose gezählt. Alle diese Konzepte beziehen sich jedoch auf die Interaktionen zwischen verschiedenen Arten. Innerhalb einer Art bzw. einer Population gibt es natürlich auch Faktoren wie Konkurrenz und Kooperation. Zusätzlich finden wir hier noch die sexuellen (sexuelle Selektion) und sozialen Interaktionen (z.B. Brutpflege).

Es gibt hier also einen klaren Bruch zwischen inter- und intraspezifischen Wechselbeziehungen und diesen möchte ich auch noch einmal in meinem Interaktionsmodell verdeutlichen. Gesellschaft und Kultur der Spezies Mensch kategorisiere ich unter den intraspezifischen Wechselbeziehungen, was sich daher auch in der Position dieses Faktors in meinem Modell niederschlägt. Im Gegenzug dazu setzen sich die Umweltfaktoren an der Basis des Modells aus abiotischen und interspezifischen biotischen Faktoren zusammen. Das aktualisierte Modell sieht dann folgendermaßen aus:

Modell1B
Biologie-Umwelt-Gesellschaft-Interaktionsmodell 1b

Doktorant empfiehlt: Cool Hard Logic

Es wird mal wieder Zeit für eine Youtube Empfehlung und ich kann jedem, der ein Faible für das Entlarven von absurden Verschwörungstheorien mit Hilfe wissenschaftlicher Erklärungen hat, nur Cool Hard Logic ans Herz legen. In seiner Video-Reihe „World of Batshit“ zerlegt er die Hypothesen von modernen Geozentristen, Anhängern der Spirit Science und Vertretern der Homöopathie. Selbst die intellektuellen Auswüchse von Personen, die glauben Planeten würden nicht existieren oder Gravitation wäre ein Mythos, werden hier ans Tageslicht gezerrt und Stück für Stück auseinander genommen. Über Letztere hat Cool Hard Logic vor kurzem ein, mal wieder, sehr sehenswertes Werk online gestellt. Viel Spaß!

Laci Green versteht nicht: Männliche Verhütung

Es stellt definitiv eine Kunstform dar, aus dem Mangel an verschiedenen Möglichkeiten der männlichen Verhütungsmethoden eine Benachteiligung von Frauen zu konstruieren. Allerdings ist das bei der im Titel genannten Person auch kein Wunder, da Frau Green ja bereits seit vielen Jahren ein Profi im Jonglieren von Fakten ist.

Grundsätzlich muss man es ihr ja erst einmal zugute halten, dass sie sich überhaupt aus diesem Winkel dem Thema Verhütungsmethoden und Reproduktionsrechte annähert. Und wie sie auch direkt in Minute 0:15 des Videos sagt, gibt es 11 verschiedene Optionen für Frauen um eine Schwangerschaft zu verhindern. Im Gegensatz dazu gibt es für Männer nur zwei: Kondome oder eine Vasektomie. Gerade letzteres dürfte für viele Männer keine ernsthafte Option sein, da sie (in vielen Fällen) nicht reversibel ist.

Wenn Frau Green im Video dann allerdings zu den Gründen kommt, warum dieses Ungleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Verhütungsmethoden besteht, dann kommt die internalisierte Narration wieder zum Vorschein: Fortpflanzung ist Frauensache! Und nur deshalb  wird so viel Geld in die Erforschung von weiblichen Verhütungsmitteln investiert! Sexismus!

Dabei spricht sie kurz vorher schon das eigentliche Problem an: Die Reproduktionsmechanismen von Frauen und Männern sind unterschiedlich und stellen damit Entwicklung und Forschung auch vor unterschiedlich schwere Hürden. Selbst wenn die Reproduktionsmechanismen von Frauen insgesamt deutlich komplexer sind als die von Männern, so finden wir bei Frauen jedoch einen großen, vorteilhaften Unterschied: Frauen besitzen bereits einen eingebauten Mechanismus, der sie für einen definierten Zeitraum nicht-empfänglich macht. Diesen Vorgang mit einer täglichen Gabe bestimmter Hormone (Östrogene und Gestagene) dauerhaft zu aktivieren, ist deutlich einfacher, als einen vergleichbaren Mechanismus im Mann künstlich zu erschaffen. Dies dürfte einen entscheidenden Einfluss darauf gehabt haben, dass sich Forschungsvorhaben auf weibliche Verhütungsmethoden fokussiert haben.

Und es ist auch nicht so, als ob männliche Verhütungsmethoden nicht entwickelt wurden und immer noch werden. Allerdings stand man bisher vor dem Problem, dass eine rein hormonelle Methode im Mann eben keinen Mechanismus vorfindet, den sie „zweckentfremden“ könnte. Zumindest nicht ohne sehr starke Nebenwirkungen. Hinzu kommt, dass die notwendige Gabe von Testosteron nicht einfach über eine Pille erfolgen kann, da es sonst durch die Leber in Östrogen umgewandelt wird, bevor es den Wirkort erreichen kann. Deutlich invasivere Eingriffe sind also von Nöten.

Aber Frau Green hat auch dafür eine Lösung: Seit 15 Jahren kommt eine männliche Verhütungsmethode in Indien zum Einsatz, die „completely safe and reversible“ ist. Na, das klingt doch wunderbar! Zumindest so lange, bis man eine kurze Googlesuche zur Reversible inhibition of sperm under guidance oder auch RISUG vornimmt. Die Sicherheitsstandards für pharmazeutische oder medizinische Produkte scheinen in Indien ja dann doch deutlich weniger streng als in westlichen Ländern zu sein. Oder Frau Green erzählt einfach Bullshit und die Methode befindet sich dort ebenfalls noch in der Testphase. Auf PubMed finden wir unter dem Suchbegriff RISUG gerade mal 23 veröffentlichte Studien, von denen einige „nur“ Review-Paper darstellen, in denen auf die Methode hingewiesen wird. Überfliegt man die Studien kurz, wird eines klar: Diese Methode ist noch lange nicht so weit, als dass sie sich in den nächsten Jahren als weit verbreitete Option für die männliche Verhütung etablieren wird. Inwieweit RISUG sicher ist und z.B. keine Genotoxizität aufweist, wird sich erst noch in weiteren Tierstudien und klinischen Untersuchungen an Humanprobanden zeigen müssen.

Unabhängig davon würde ich mir persönlich jedoch zweimal überlegen, ob ich mir eine Substanz in den Genitalbereich spritzen lasse oder ob ich einfach noch so lange abwarte bis es eine vergleichbar einfache Applikationsmethode, wie die Antibabypille, für Männer gibt.

Trotz allem wissen wir jetzt aber (mal wieder): Weniger Freiheit = Mehr Privilegien.