Laut und dämlich – No Hate Speech.de

Hate Speech (dt. Hassrede). Dieser Begriff geistert bereits seit einigen Jahren durch die angloamerikanische Online- und Offlinesphäre. Bezeichnet wird damit oft ein Spektrum verschiedenartiger, als grenzüberschreitend wahrgenommener, verbaler Äußerungen. Die Breite dieses Spektrums reicht von gezielten Belästigungen von Einzelpersonen, bis hin zum Trollen (über dessen „Gefahr“ sich sicherlich ausgiebig streiten lässt) und vollkommen legitimer, aber unerwünschter Kritik. Auffallend hierbei: Auf eine eindeutige Definition wird (vermutlich bewusst) verzichtet. Ein nicht zu vernachlässigender Punkt, denn schließlich kann der Vorwurf der Verwendung von Hate Speech im schlimmsten Fall vor Gericht enden.

Und wie fast jeder neue, hippe „Trend“ schwappt natürlich auch die No Hate Speech-Bewegung über den großen Teich nach Europa. Die Akteure innerhalb dieser Bewegung haben jedoch den Vorteil, dass sie aus den Fehlern ihrer amerikanischen Kollegen und Kolleginnen lernen können. Denn während sich in den USA ein massiver Widerstand gegen diese offen zur Schau gestellte Bevormundung bilden konnte, verläuft der Prozess in Deutschland und anderen europäischen Staaten deutlich subtiler. Anstatt öffentlich auf die Barrikaden zu gehen und laut mit dem digitalen oder analogen Megaphon die eigene Überzeugung und den Wunsch für eine Schere im Kopf herauszuposaunen, wird hierzulande der Weg über die staatlichen Institutionen gegangen. Natürlich inklusive staatlicher Förderung und Fürsprache durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

No Hate Speech Movement nennt sich also reichlich unkreativ der deutsche/europäische Ableger dieser Kampagne für eine „saubere Sprache“ im Netz. Wie schon erwähnt finden sich beunruhigend viele Förderer für diese Kampagne auf der Webseite von No Hate Speech.de:

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Bei dieser „starken“ Unterstützung sollte man doch zumindest erwarten können, dass man einen konkreten Plan dafür hat, was man denn eigentlich mit einer solchen Kampagne erreichen möchte. Startpunkt dafür wäre, dass man zuerst einmal klar definiert, was denn eigentlich Hate Speech ist und anschließend belegt, dass diese negative Auswirkungen besitzt und in einer so signifikanten Häufigkeit vorkommt, dass damit eine Aufklärungs- und Präventionskampagne gerechtfertigt ist.

Beginnen wir ganz vorne: Was ist eigentlich Hate Speech bzw. wie ist diese definiert? No Hate Speech hat dafür folgende Erklärung parat:

Definitionen von Hate Speech

Es gibt keine einheitliche Definition von Hate Speech, weder in Deutschland noch international. Im Gesetzbuch wird Hate Speech (noch) nicht spezifisch erwähnt – verurteilt werden Beleidigungen oder Volksverhetzung. Das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass online haten erlaubt ist…, falls jemand auf die Idee käme.

Oh. Keine einheitliche Definition also. Na das kann ja heiter werden.

Es folgen zwei Verweise. Zum einen auf die Definition von Hate Speech durch den Europarat, welche breiter und schwammiger nicht sein könnte:

Hate speech for the purpose of the Recommendation entails the use of one or more particular forms of expression –namely, the advocacy, promotion or incitement  of  the  denigration,  hatred  or  vilification  of  a  person  or  group  of persons, as well    any harassment, insult, negative stereotyping, stigmatization or threat of such person or persons and any justification of all these  forms of  expression –that  is  based  on  a  non-exhaustive  list  of personal  characteristics  or  status  that  includes  “race”,  colour,  language, religion  or  belief,  nationality  or  national  or  ethnic  origin,  as  well  as  descent, age, disability, sex, gender, gender identity and sexual orientation.

Also quasi alles was in irgendeiner Weise negativ oder als beleidigend aufgefasst werden könnte.

Zum anderen folgt ein Verweis auf die Amadeu Antonio Stiftung. Diese versucht den Begriff Hate Speech aus „politischer und sprachwissenschaftlicher Sicht zu beschreiben“ sowie die „rechtliche Einordnung des Begriffs Hate Speech zu erklären“. Wer sich diese „Versuche“ antun möchte, der kann diese hier und hier nachlesen. Anstatt jedoch eine klare Definition für Hate Speech zu liefern, werden hier nur noch mehr Variablen in die Bewertung von sprachlichen Äußerungen integriert. So ist es z.B. vermeintlich relevant, ob die Äußerungen von privilegierten oder nicht-privilegierten Personen stammen:

Was Hate Speech ist, ist umstritten

Dass es innerhalb einer Sprachgemeinschaft unterschiedliche Meinungen darüber geben kann, ob ein bestimmter Ausdruck als Hassrede gilt oder nicht, ist selbst dort nicht überraschend, wo alle Beteiligten aufrichtig Position beziehen: Mitglieder einer privilegierten Gruppe empfinden einen sprachlichen Ausdruck häufig deshalb nicht als herabwürdigend/ verunglimpfend, weil er sich nicht gegen sie, sondern eben gegen eine (möglicherweise sogar unbewusst) als von der angenommenen Norm abweichende Gruppe richtet. […]

Inwieweit die „Privilegien“ einer Person bestimmt werden können und inwiefern diese in einem anonymen Online-Meinungsaustausch überhaupt von den Beteiligten erkannt werden können, bleibt natürlich offen.

Wir können also feststellen: Eine Definition von Hate Speech findet bisher nicht statt. Damit wird eigentlich auch alles weitere obsolet, aber lassen wir uns doch den Spaß nicht nehmen und schauen uns einmal die „Daten“ an, mit denen No Hate Speech zeigen möchte, dass Hassrede ein gesamtgesellschaftliches Problem darstellt gegen das Stellung bezogen werden muss.

Wie groß ist das Problem eigentlich?

Es ist schwierig, das genau zu sagen. Denn Hate Speech hat viele verschiedene Facetten und nicht alles kann dokumentiert werden. Drei ausgewählte Beispiele zeigen, wie häufig Hasskommentare sind und wer davon betroffen ist.

2015 hat der Europarat (Abteilung Jugend) eine Online-Meinungsumfrage gemacht: 83% der Befragten gaben an, dass sie online Erfahrungen mit Hate Speech gemacht haben. LGBTI-Jugendliche, Muslim*innen und Frauen waren die drei Haupt-Zielgruppen der Hasskommentare.

Rechtsextreme nutzen das Internet und Soziale Medien, um ihre Propaganda zu verbreiten und Anhänger*innen für ihre Ideologie zu gewinnen. Jugendschutz.net beobachtet diese Strategie und veröffentlicht die Ergebnisse jährlich im Bericht „Rechtsextremismus online“.

Die britische Zeitung The Guardian hat 70 Millionen Kommentare untersuchen lassen, die seit 2006 auf ihrer Website hinterlassen wurden. Das Ergebnis: Von den zehn am stärksten von Hate Speech betroffenen Autor*innen waren acht Frauen und nur zwei Männer, sie sind beide schwarz.

Erneutes Abwiegeln. Man kann das ja alles nicht so genau sagen. Dann folgen drei Beispiele, die jedoch nicht das intendierte Ergebnis zur Folge haben, sondern eher die Frage in den Raum stellen, ob man denn nichts Handfestes zum Vorzeigen hat.

Auf das Thema „Rechtsextreme“ möchte ich nicht weiter eingehen, da es hier meiner Meinung nach vollkommen gerechtfertigt ist eine Beobachtung potenzieller, volksverhetzender Aussagen vorzunehmen und diese an die entsprechenden staatlichen Organe weiterzuleiten. Warum hier jedoch „Rechtsextreme“ Äußerungen mit anderen unerwünschten Aussagen unter dem Schirm der Hate Speech zusammengefasst und gleichgesetzt werden, bleibt unklar, lässt aber tief blicken.

Auf die „Untersuchung“ des Guardian  möchte ich ebenfalls nur kurz eingehen: Die Methodik, mit der die 70 Millionen Kommentare ausgewertet wurden, ist grundsätzlich fehlerhaft. Das lässt sich aus folgendem Zitat aus der Methodenerklärung des Guardian zur Untersuchung entnehmen:

In our analysis we took blocked comments as an indicator of abuse and/or disruption. Although mistakes sometimes happen in decisions to block or not block, we felt the data set was large enough to give us confidence in the findings.

Wie unter anderem vielfach in den Kommentaren unterhalb des Artikels erwähnt wird, ist diese Form der Datenerhebung unzulässig, da die Moderatoren keinen objektiven Blockkriterien folgten, sondern „aus dem Bauch heraus“ entschieden, ob ein Kommentar zulässig oder unzulässig ist. Zusätzlich gibt es unzählige Beschwerden darüber, dass Kommentare geblockt wurden, die in keiner Weise „abusive“ oder „disruptive“ waren und ausschließlich legitime Kritik enthielten. Für einen potenziellen Bias der Moderatoren wurde also nicht kontrolliert und aus diesem Grund ist auch die gewaltige Datengrundlage von 70 Millionen Kommentaren unbrauchbar.

Kommen wir also zur Online-Meinungsumfrage des Europarats: Was hier zusammengetragen wird kann man eigentlich nur als einen schlechten Witz bezeichnen. Zum einen sind online durchgeführte Umfragen in der Mehrheit der Fälle als qualitativ sehr schlecht einzuschätzen, da keine Kontrolle darüber existiert ob die Befragten auch wirklich nur einmal teilgenommen haben und ob die Antworten der Teilnehmer überhaupt als authentisch eingeschätzt werden können. Zum anderen haben Online-Umfragen noch stärker mit dem sogenannten Selbstselektions-Bias zu kämpfen, als z.B. Telefonumfragen oder persönliche Gespräche mit einem Interviewer. Es gibt keine Kontrolle darüber, wer  überhaupt an der Umfrage teilnimmt und somit kann die Stichprobe nicht als Zufallsstichprobe angesehen werden. Dass die Auswahl der Stichprobe zufällig erfolgt, ist aber eines der wichtigsten Gütekriterien bei der Einschätzung darüber, ob es sich um eine repräsentative Umfrage handelt. Ein kurzer Blick auf die deskriptiven Daten der Stichprobe zeigt: Junge (d.h. unter 30 Jahren), weibliche Studenten sind massiv überrepräsentiert.

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(Ich entschuldige mich für die schlechte Qualität der Abbildungen. Leider gibt die Quelle nicht mehr her.)

Die Daten sind also als nicht-repräsentativ für die Gesamtbevölkerung einzuschätzen und die Aussagekraft der Umfrage sinkt somit gegen Null. Witzig jedoch: Auf die Frage, ob die Teilnehmer der Umfrage sich durch Online Hate Speech jemals bedroht oder angegriffen/beleidigt gefühlt haben, antwortet die Mehrheit (63,5%) mit „Nein“.

Im Zusammenhang mit dieser Umfrage möchte ich auch noch auf den Blogartikel von stefanolix verweisen, der sich mit einer ähnlichen Umfrage aus dem Jahr 2012 beschäftigt hat und vergleichbare Probleme bei der Stichprobe findet.

Der Berg voller Bullshit wächst und wächst, und hier noch tiefer zu graben würde vermutlich einem kompletten Verfall zum Wahn gleichkommen. Aber es ist wie ein Motorradunfall: Man kann nicht wegschauen, so sehr man es auch möchte. Weiter geht es also auf der Webseite von No Hate Speech:

Was ist Cybermobbing?

Cybermobbing findet nicht auf dem Schulhof, sondern im Internet statt. Allerdings sind die Opfer nicht nur Schüler*innen, sondern ganz allgemein gesagt: User*innen, die über längere Zeit belästigt, beleidigt, bedroht oder bloßgestellt werden. Wer von Cybermobbing betroffen ist oder mitbekommt, dass jemand gemobbt wird, kann sich wehren oder Betroffene unterstützen. Der „klicksafe-Tipp“ erklärt Schritt für Schritt wie.

Das „Bündnis gegen Cybermobbing“ hat in einer Studie herausgefunden, dass mittlerweile immer mehr Erwachsene im Netz gemobbt werden, meistens übrigens Frauen.

Aus unerklärlichen Gründen führt man auf dem Abschnitt „Wissen“ der No Hate Speech Webseite zusätzlich auch noch den Begriff des Cybermobbing ein. Inwieweit ein Zusammenhang zwischen Online Hate Speech und Cybermobbing besteht, bleibt jedoch ebenfalls unklar. Aber netterweise wird auf eine Studie des „Bündnis gegen Cybermobbing“ verwiesen, mit dem Zusatz, dass eines der Ergebnisse dieser Studie besagt, dass immer mehr erwachsene Frauen im Netz gemobbt werden, d.h. von Cybermobbing betroffen sind. Schauen wir uns dafür doch einmal Abbildung 5 aus der besagten Studie an:

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Interessant ist hier vor allem, dass sich die Studie nicht nur mit Cybermobbing befasst, sondern auch gleichzeitig Daten über das Vorkommen von Mobbing erhebt. Die relativen Anteile der Betroffenen geben bereits erste Hinweise darauf, was die Gründe dafür sein könnten. War den Autoren bereits vorher klar, dass nur ein extrem geringer Anteil der Befragten überhaupt von Cybermobbing betroffen ist?

Aber zurück zu den Daten: 7,6% der männlichen Befragten und 8,3% der weiblichen Befragten sind betroffen. Eine Frage die sich mir hier sofort stellt ist: Haben die Autoren der Studie schon einmal etwas von Inferenzstatistik gehört? Warum wird hier nicht einmal der Versuch unternommen mit statistischen Messverfahren zu untersuchen, ob die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen (Männer vs. Frauen) nicht nur zufällig durch die Wahl der Stichprobe entstanden sind? Vielleicht wenigstens einmal einen t-Test anwenden? Das wäre wohl zu viel verlangt.

No Hate Speech zieht also die Frauenkarte, obwohl diese Aussage nicht von den Daten der Studie gestützt wird. Ganz im Gegenteil: Die Verteilung der „Rollen“ ist zwischen den Geschlechtern sogar sehr ausgeglichen.

Gehen wir aber noch einmal einen weiteren Schritt zurück an den Anfang der Studie, dort wo wir auf die Wurzel allen Übels stoßen. Die Stichprobe ist (mal wieder) kompletter Murks:

Die  vorliegende  Studie  wurde  als  standardisierte  Onlinebefragung  konzipiert. Die  Erhebung erfolgte  in  der  Zeit  vom  11.  bis  24.  November  2013.  Die Grundgesamtheit  umfasste  alle Personen  in  der  Bundesrepublik  Deutschland,  die 18  Jahre  oder  älter  waren.  An  der  Erhebung beteiligten  sich  brutto 8.915 Personen.  Diese  Stichprobe  wurde  um  nicht  vollständig ausgefüllte Fragebögen und  nicht  plausible  Datensätze  bereinigt,  so  dass  sich  eine  Netto-Stichprobe  von 6.296 Fällen  ergibt.

Die  Stichprobe  verteilt  sich  fast  analog  zur  tatsächlichen  Bevölkerungsverteilung  auf  die  16 Bundesländer  bzw.  Stadtstaaten  (vgl.  Abb.  1). […] Die  Stichprobe  kann  daher  als  spezifisch  repräsentativ  bezeichnet  werden.  Die  Hälfte  der Stichprobe  weist  den  beruflichen  Status  eines  Angestellten  auf,  die  nächstgrößte  Gruppe sind Schüler, Studenten oder Personen in der Ausbildung (13%).

[Hervorhebung nicht im Original]

Die Stichprobe ist also spezifisch repräsentativ, weil die Verteilung der Stichprobe fast der tatsächlichen Bevölkerungsverteilung auf die Bundesländer gleicht? Da die Autoren nicht wirklich viel über die Verteilung des Vorkommens von Mobbing und Cybermobbing wissen können, muss eine Zufallsstichprobe gezogen werden um Repräsentativität zu gewährleisten. Der Verweis auf eine merkmalsspezifische Repräsentativität der Stichprobe ist nichts weiter als ein sprachlicher Trick um den Anschein einer höher-qualitativen Stichprobe zu erzeugen. Die Autoren konnten weder dafür kontrollieren, dass die Angaben der Befragten korrekt sind, noch ob es einen Selbstselektions-Bias gab. Studenten und Auszubildende sind erneut deutlich überrepräsentiert, während Arbeiter und Selbstständige deutlich unterrepräsentiert sind.

Gleiches gilt für die Altersverteilung und die Geschlechterverteilung:

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In der Stichprobe sind junge Frauen deutlich überrepräsentiert. Insgesamt lässt sich also der verwendeten Stichprobe keine Repräsentativität attestieren.

Es wird auch langsam klar warum eine Vermengung der zwei Begrifflichkeiten Mobbing und Cybermobbing vorgenommen wurde. Die Autoren schreiben in ihrem Fazit:

Die Ergebnisse sind erschreckend: Fast 30% geben an, schon einmal in irgendeiner Form Opfer von Mobbing oder Cybermobbing geworden zu sein.

Offenbar entsprachen die Daten über Cybermobbing nicht den Vorstellungen der Autoren. Hier musste also nachgeholfen werden, um die Gefährlichkeit und die Häufigkeit des Cybermobbing künstlich aufzublähen. Schließlich klingen 8% nicht ganz so eindrucksvoll wie 30%. Eine Taktik, die ich auf meinem Blog nicht zum ersten Mal aufgedeckt habe.

Fazit: Alles was nötig wäre um die Kampagne von No Hate Speech zu rechtfertigen fällt also bereits am Startblock flach auf den Boden. Weder wird der Begriff Hate Speech klar definiert, noch werden aussagekräftige, empirische Daten vorgebracht, welche die Gefährlichkeit und Häufigkeit von Hate Speech belegen könnten. Im Fall der Studie über Cybermobbing muss der Sachverhalt des Mobbing herangezogen werden, um das Vorkommen des Cybermobbing nach oben zu schrauben. Letztendlich versucht man sich mit dem Verweis auf scheinbar wissenschaftliche Studien selbst den Anschein von Wissenschaftlichkeit und Legitimation zu verleihen. Dieses Vorgehen ist unlauter und beschämend für die Verantwortlichen von No Hate Speech; und noch mehr für die staatlichen Förderer. Was diese aber vermutlich nicht sonderlich stört und damit den verabscheuungswürdigen Hintergrund der Kampagne No Hate Speech noch deutlicher offenbart.

Addendum: Christian Schmidt und Lucas Schoppe haben sich ebenfalls der No Hate Speech Kampagne gewidmet. Klare Leseempfehlung!

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Worte = Taten (oder auch „Traue keiner Definition, die du nicht selbst verdreht hast.“)

Der Begriff der „Hassrede“ (engl. hate speech) ist derzeit vor allem in deutschen Medien sehr präsent. Nachdem erst vor kurzem das BKA deutschlandweit 60 Hausdurchsuchungen im Zusammenhang mit sogenannten „Hasskommentaren“ (oder auch „Verbalradikalismus“) durchgeführt hat, Justizminister Heiko Mass Facebook dazu zwingen möchte nicht genehme Kommentare zu löschen und die Amadeu Antonio Stiftung an den Grundlagen für eine Stasi 2.0 arbeitet, stellt sich mir die Frage, woher dieser Begriff hate speech eigentlich kommt und was die Wissenschaft dazu zusagen hat. Die Bezeichnung „Wissenschaft“ verwende ich hier (wie leider so oft) als eine sehr vorsichtige Umschreibung dessen, was einem beim Blick in folgendes Paper erwartet:

Heterosexuals‘ Attitudes Toward Hate Crimes and Hate Speech Against Gays and Lesbians

Modern racism and sexism have been studied to examine the different ways that prejudice can be expressed; yet, little attention has been given to modern heterosexism. This study examined the extent to which modern heterosexism and old-fashioned heterosexism predict acceptance of hate crimes against gays and lesbians and perceptions of hate speech. Male (n= 74) and female (n= 95) heterosexual college students completed a survey consisting of scales that assessed modern and old-fashioned heterosexism, acceptance of violence against gays and lesbians, attitudes toward the harm of hate speech and its offensiveness, and the importance of freedom of speech. Results indicated strong negative relations between both modern and old-fashioned heterosexism and the perceived harm of hate speech. When old-fashioned heterosexism, modern heterosexism, and the importance of freedom of speech were combined to predict hate crime and hate speech attitudes, only old-fashioned heterosexism predicted acceptance of hate crimes. All three predictors contributed to the perception of the harm of hate speech. Gender differences in the role of the importance of freedom of speech in predicting attitudes toward hate crimes and hate speech are noted.

Um kurz zusammenzufassen: Die Autoren postulieren eine Unterscheidung von Heterosexismus (d.h. Sexismus von heterosexuellen Menschen gegenüber homosexuellen Menschen) in einen „altmodischen“ bzw. „traditionellen“ Heterosexismus und einen modernen Heterosexismus.

Diese beiden Begriffe unterscheiden sich, laut den Autoren, wie folgt:

  • Traditioneller Heterosexismus ist eine direkte und öffentliche Zurschaustellung von Meinungen, die eine Ablehnung von Homosexualität und homosexuellen Menschen ausdrücken.
  • Moderner Heterosexismus ist im Gegensatz dazu keine eindeutige und öffentliche Zurschaustellung ablehnender Meinungen, sondern drückt sich in der Befürwortung und Unterstützung von politischen Maßnahmen aus, welche in der Benachteiligung von Minderheiten resultieren.

Hier noch einmal im Wortlaut der Studie:

Old-fashioned heterosexism, or overt sexual prejudice, is a clear expression of negative attitudes toward and  dislike of  gays  and  lesbians,  whereas  modern  heterosexism is  amore subtle type of heterosexism. […]
Old-fashioned heterosexism, like old fashioned racism and sexism may be evolving into a modern form, referred to as symbolic racism (Sears, 1988) or modern racism (McConahay, 1986). Modern racists do not directly express dislike of people of color, and they do not affirm beliefs in the inferiority of minority groups. However, they do support policies that result in disadvantages for minority groups (e.g., elimination of affirmative action, busing). Often, such policies are defended in the guise of support of traditional values. Thus, modern racism is a subtle, indirect way of opposing a group.

Die Autoren möchten nun mit Hilfe mehrerer Befragungen von Studenten (Stichprobe: n = 171; 74 männlich, 95 weiblich; 2 keine Angabe; Durchschnittsalter = 26,72 Jahre) herausfinden, ob ein höherer Wert in der Skala „traditioneller Heterosexismus“ mit einer höheren Akzeptanz von hate crimes und hate speech einhergeht. Parallel dazu erwarten die Autoren, dass ein höherer Wert in der Skala „moderner Heterosexismus“ zwar mit einer höheren Akzeptanz von hate speech, aber nicht von hate crimes einhergeht.

Zusätzlich erfassen die Autoren noch, wie wichtig den Probanden die Meinungsfreiheit ist. Eine höhere Wertschätzung der Meinungsfreiheit soll, laut den Autoren, ebenfalls mit einer höheren Akzeptanz von hate speech einhergehen. In einem finalen Test wurden den Probanden 3 fiktive Szenarien in Textform vorgelegt in welchen Beispiele von hate speech dargestellt wurden. Die Probanden sollen dann bewerten wie beleidigend bzw. gefährlich sie die Szenarien empfinden.

Nach der etwas langen und trockenen Einleitung kommen wir jetzt zum interessanten Part, nämlich den Definitionen von hate crimes und hate speech, welche die Autoren als Grundlage für ihre Studie nehmen:

A hate crime is a criminal act in which the victim was targeted because of the actual or perceived race, color, religion, national origin, ethnicity, gender, disability, or sexual orientation. This may include, but is not limited to, threatening phone calls, hate mail, physical assaults, vandalism,  fires,  and  bombings. […]

In contrast to hate crimes, hate speech is a generic term that has come to embrace the use of speech attacks based on race, ethnicity, religion, and sexual orientation or preference. The expression of hate is not a crime in and of itself. The differences between hate crimes and hate speech  rests  on  the  distinction  between  acts  and  symbols  or  words. Acts, such as assault, battery, vandalism, arson, murder, lynching, and physical harassment, are punishable under our criminal and civil laws. Words, like kike, faggot, nigger, spic, pictures–such as those in pornography depicting women as degraded or abused for sexual pleasure–and symbols are protected by courts as acts of individual expression.

Die Autoren ziehen hier also eine klare Grenze zwischen Handlungen (d.h. hate crimes) und Sprache (d.h. hate speech). Es ist natürlich grundsätzlich schwierig, wenn man sich auf einen theoretischen Bezugsrahmen stützt, zu dem leider am Ende die erhobenen Daten nicht passen.

Aber ich greife voraus. Bevor wir zum überwältigenden Doppeldenk der Autoren in der Interpretation der Daten kommen, müssen wir uns zuerst anschauen, was die fünf Damen denn so herausgefunden haben:

Table1

Die deskriptive Statistik ist schnell erklärt. Die gesamte Stichprobe pendelte sich bei 5 der 7 Variablen in der Mitte der Skalen ein. Nur bei „Offensivesness“ und „Harmfulness“ der 3 Szenarien war die gesamte Stichprobe näher am Maximum der Skalen, d.h. die Probanden schätzten die Szenarien als sehr beleidigend und gefährlich ein.

Zwischen den Geschlechtern gab es ebenfalls Unterschiede. Männer tendierten zu höheren Werten bei den ersten 5 Variablen und zu geringeren Werten bei „Offensiveness“ und „Harmfulness“ der Szenarien. Bei den Frauen war es genau umgekehrt.

Um die Zusammenhänge zwischen den Variablen zu analysieren, haben die Autoren anschließend die Interkorrelationen zwischen den Variablen berechnet und Regressionsanalysen durchgeführt.

Da ich die starke Vermutung habe, dass sich die Daten vermutlich sowieso niemand im Detail anschauen wird, hier nur der Vollständigkeit halber:

Table2

Table3Was soll uns das jetzt also alles sagen? Die Autoren beschreiben das selbst in der  Diskussion ihrer Studie so:

When old-fashioned and modern heterosexism were combined with importance of freedom of speech to predict approval of hate crimes and the harm of hate speech, a different pattern emerged. Controlling for old-fashioned heterosexism, modern heterosexism did not contribute a unique effect for approval of hate crimes or responses to the scenarios. Thus, though modern heterosexism predicted both ap- proval of hate crimes and minimization of the harm and offensiveness of hate speech as described in explicit scenarios, these relations are attributable to modern   heterosexism’s overlap with old-fashioned heterosexism. However, modern heterosexism did sustain an independent contribution to the perceived harm of hate speech.

Die anfängliche Einteilung in traditionellen und modernen Heterosexismus geht also voll nach hinten los. Diese beiden Formen des Sexismus treten nicht parallel auf. Stattdessen besteht eine große Überlappung zwischen modernem und traditionellem Heterosexismus. Personen die modernen Heterosexismus zeigen, zeigen also auch traditionellen Heterosexismus. Es liegt die Vermutung nahe, dass Sexisten ihren Sexismus in der heutigen Zeit einfach besser tarnen, anstatt dass es eine neue Form des unterschwelligen Sexismus gibt, der jetzt von einer breiten Öffentlichkeit geteilt wird.

Aber anstatt dass die Autoren anerkennen, dass die Prämissen ihrer Studie Fehler aufweisen, beginnen sie jetzt damit sich ihre Ergebnisse schön zu reden.

The question arises as to why modern heterosexism predicted the perceived harm of hate speech more strongly than the offensiveness and harmfulness of the speech in the scenarios, as demonstrated by the independent effect of modern heterosexism in the regressions on harm of hate speech but not on responses to the scenarios. Because the scenarios are specific and strong instances of hate speech (and instances that have actually been reported), modern heterosexism may contribute to hate speech only when the issue is phrased in the abstract. When the egregious behavior is explicitly described, it may only be the more overt type of heterosexism that becomes engaged in responses to hate speech. However, it is not that the participants regarded the speech as hate crimes because freedom of speech predicted responses to the harm of hate speech and the responses of the scenarios and did not predict approval of hate crimes. (Hervorhebung nicht im Original)

Ah ja. Moderner Heterosexismus offenbart sich also nur dann, wenn hate speech in einer abstrakten Form(?) und nicht in einem realen Szenario dargeboten wird. Völlig nachvollziehbar.

Does this mean that modern heterosexism is innocuous because it is only related to the perceived harm of hate speech abstractly stated and not to responses to the scenarios and approval of hate crimes? No, and for several reasons. First, there was a strong intercorrelation between old-fashioned and modern heterosexism. When modern heterosexism is expressed it is possible that it has become old-fashioned heterosexism or sexual prejudice gone underground. Secondly, speech and acts are inseparable and the line between speech and acts is arbitrarily drawn. […] (Hervorhebung nicht im Original)

Was. Zur. Hölle. Die Grenze zwischen Sprache und Handlungen ist willkürlich?

Wie war das doch gleich am Beginn der Studie?

The differences between hate crimes and hate speech rests on the distinction between acts and symbols or words.

Jetzt wird vor allem eine Sache glasklar: Für die Autoren gibt es keinen Unterschied zwischen Worten und Taten. Ein verbaler „Angriff“ ist gleichbedeutend mit einem physischen Angriff. Den fünf Damen schmeckt es daher offensichtlich überhaupt nicht, dass es in den USA einen sehr starken Schutz der Meinungsfreiheit gibt und hier würde man sich vermutlich am liebsten eine Änderung des First Amendments der Verfassung der Vereinigten Staaten wünschen.

Dabei erkennen die Autoren am Ende sogar an, dass das Wertschätzen der Freedom of Speech keinen Zusammenhang mit der Akzeptanz von hate speech hat.

However, freedom of speech was not the mechanism by which modern heterosexists justified tolerance of hate speech of gays and lesbians. Freedom of speech was an independent predictor and controlling for freedom of speech did not reduce the effect of modern heterosexism on the harm of hate speech.

Erneut zeigt sich, dass Schlagworte wie hate speech auf einem sehr wackeligen, „akademischen“ Fundament gebaut sind. Wenn es den Autoren nicht passt, dann wird einfach die Definition von hate speech angezweifelt und umgedeutet, um dann die erhobenen empirischen Daten ins rechte Licht zu rücken.

Schlimmer ist jedoch, dass aus jeder geschriebenen Zeile die Unzufriedenheit darüber trieft, dass Worte und Taten nicht einfach mal eben gleichgesetzt werden können. Wenn das die Attitüde ist, aus der sich auch die aktuellen Bestrebungen in Deutschland und Europa speisen, dann können wir uns ja für die kommenden Wochen und Monate schon einmal warm anziehen. #amadeuantoniofilme

How Did That Make It Through Peer Review?

Heute einmal etwas ganz anderes: Der Twitter-Account @realpeerreview postet regelmäßig „wissenschaftliche Artikel“, die es in den meisten Fällen irgendwie geschafft haben, durch das Peer-Review Verfahren zu kommen. Die Abstracts, die man da zu lesen bekommt, könnten oftmals auch als Artikel von The Onion durchgehen und daher habe ich mir gedacht, dass man aus diesem Quell unendlicher Freude, doch ein kleines Spiel machen könnte.

Das bedeutet, dass ich mir einen dieser Artikel heraussuchen werde, diesen von Beginn an lese und parallel dazu einzelne Passagen kommentiere. Was kann da schon schiefgehen? Das Spiel geht so lange, bis ich es nicht mehr aushalte und kurz davor bin dem Wahnsinn zu verfallen. Gut, nachdem die Regeln etabliert sind, fange ich auch direkt mit folgendem Meisterwerk an:

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Klasse. Bereits der erste Satz der Einleitung lässt mir die Haare zu Berge stehen:

Recent years have seen extensive literature relating to the body as a modifiable social construct (Liran-Alper and Kama, 2007; Moore and Kosut, 2010).

Einmal abgesehen von dem wahrscheinlich uninteressantesten Einstieg ever, um die Relevanz für seine „Forschungsfrage“ darzustellen, ist die Prämisse bereits vollkommen absurd. Der Körper als soziales Konstrukt, ah ja. Ob mir die zitierten Artikel für das Verstehen dieser Aussage weiterhelfen? Immerhin ist es der erste Satz und ich möchte eigentlich ungern direkt nach einem weiteren Artikel suchen müssen, um überhaupt zu verstehen was mir die Autorin sagen möchte. Also weiter im Programm:

Rather than being perceived as a biological construct or permanent entity, today it is viewed as a malleable product of individual and social processes (Featherstone, 1991; Shilling, 1993; Turner, 2008).

Ok, der Körper wird also als ein soziales und kein biologisches Konstrukt wahrgenommen (was auch immer mit permanent entity gemeint sein soll). Wahrgenommen von wem? Der Autorin? Den zitierten Autoren? Der allgemeinen Bevölkerung? Ich sehe schon, ich werde also nicht drumherum kommen, mir die zitierten Artikel anzuschauen. Dann sehe ich mir doch einmal an, was Liran-Alper und Kama (2007) so zum Körper als soziales Konstrukt zu sagen haben:

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Ah, in Hebräisch. Sehr gut, wirklich sehr gut. Und vor allem so hilfreich. Naja, wir haben ja noch einen anderen Verweis, nämlich Moore und Kosut (2010). Hierbei handelt es sich offenbar um ein Buch mit dem Titel Not Just the Reflexive Reflex: Flesh and Bone in the Social Sciences und es lässt sich mit einer kurzen Suche auf Google ein PDF der Einleitung finden:

Sociologist  Arthur  Frank  elegantly  describes  the  body  as  follows:  “the  body  is not mute,  but  it  is  inarticulate;  it  does  not  use  speech,  yet  begets  it.” When  an academic tells  a  theoretical  story  about  the  body  or  bodies,  she  must  listen closely  to  hear  her own  body  speaking  from  within  it.  If  she  is  able  to  hear  this  body,  she  then  must translate its communication into an imperfect language.

Was. Zur. Hölle.

Das klingt doch mal nach einem wissenschaftlichen Einstieg in ein Thema. Man muss einfach nur ganz genau auf seinen eigenen Körper hören. Und zack, hat man einen Abschluss in den Sozialwissenschaften.

So, der Geduldsfaden wird dünner. Aus diesem Grund werde ich jetzt nur oberflächlich die Einleitung überfliegen, in der Hoffnung, dass dort noch irgendetwas substanzielles aufzufinden ist.

As we reflect on this complicated process, we are forced to confront our own embodiment and the pleasures and dangers of revealing our bodies.

[…]

For women, this practice of “sharing” these embodiments has become a necessary yet risky rite of passage into the academic right (and requirement) to produce knowledge. Importantly, this rite of passage is not equally mandated for our academic colleagues who inhabit bodies that are both physically and symbolically different from ours.

[…]

Bodies may be read aesthetically, as things to be beautified, fixed, fetishized, and adorned.

[…]

Or, conversely, bodies can communicate the effects of institutional racism, abandonment, and neglect as seen in the media images of poor black Hurricane Katrina victims stranded on rooftops begging for water and rescue.

[…]

Approaching the body as lived, rather than as an abstract object or social construct, allows us to begin to understand the subjectivities of the flesh, and how bodies themselves hold an unspoken knowledge.

Ich habe das PDF danach geschlossen, da mich langsam das Gefühl beschleicht, dass ich nicht auf ein akademisches Werk, sondern auf das Manifest eines religiösen Kults gestoßen bin. Außerdem bezweifele ich, dass auf den nächsten 28 Seiten noch irgendwie nachvollziehbar erklärt wird, wie, warum und weshalb der Körper ein soziales Konstrukt sein soll.

Andererseits kann man sich vermutlich alles mit der Denkweise, wie sie in dem Buch von Moore und Kosut praktiziert wird, herleiten, wenn man nur ganz besonders fest in sich selbst hineinhört.

Laci Green versteht nicht: Männliche Verhütung

Es stellt definitiv eine Kunstform dar, aus dem Mangel an verschiedenen Möglichkeiten der männlichen Verhütungsmethoden eine Benachteiligung von Frauen zu konstruieren. Allerdings ist das bei der im Titel genannten Person auch kein Wunder, da Frau Green ja bereits seit vielen Jahren ein Profi im Jonglieren von Fakten ist.

Grundsätzlich muss man es ihr ja erst einmal zugute halten, dass sie sich überhaupt aus diesem Winkel dem Thema Verhütungsmethoden und Reproduktionsrechte annähert. Und wie sie auch direkt in Minute 0:15 des Videos sagt, gibt es 11 verschiedene Optionen für Frauen um eine Schwangerschaft zu verhindern. Im Gegensatz dazu gibt es für Männer nur zwei: Kondome oder eine Vasektomie. Gerade letzteres dürfte für viele Männer keine ernsthafte Option sein, da sie (in vielen Fällen) nicht reversibel ist.

Wenn Frau Green im Video dann allerdings zu den Gründen kommt, warum dieses Ungleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Verhütungsmethoden besteht, dann kommt die internalisierte Narration wieder zum Vorschein: Fortpflanzung ist Frauensache! Und nur deshalb  wird so viel Geld in die Erforschung von weiblichen Verhütungsmitteln investiert! Sexismus!

Dabei spricht sie kurz vorher schon das eigentliche Problem an: Die Reproduktionsmechanismen von Frauen und Männern sind unterschiedlich und stellen damit Entwicklung und Forschung auch vor unterschiedlich schwere Hürden. Selbst wenn die Reproduktionsmechanismen von Frauen insgesamt deutlich komplexer sind als die von Männern, so finden wir bei Frauen jedoch einen großen, vorteilhaften Unterschied: Frauen besitzen bereits einen eingebauten Mechanismus, der sie für einen definierten Zeitraum nicht-empfänglich macht. Diesen Vorgang mit einer täglichen Gabe bestimmter Hormone (Östrogene und Gestagene) dauerhaft zu aktivieren, ist deutlich einfacher, als einen vergleichbaren Mechanismus im Mann künstlich zu erschaffen. Dies dürfte einen entscheidenden Einfluss darauf gehabt haben, dass sich Forschungsvorhaben auf weibliche Verhütungsmethoden fokussiert haben.

Und es ist auch nicht so, als ob männliche Verhütungsmethoden nicht entwickelt wurden und immer noch werden. Allerdings stand man bisher vor dem Problem, dass eine rein hormonelle Methode im Mann eben keinen Mechanismus vorfindet, den sie „zweckentfremden“ könnte. Zumindest nicht ohne sehr starke Nebenwirkungen. Hinzu kommt, dass die notwendige Gabe von Testosteron nicht einfach über eine Pille erfolgen kann, da es sonst durch die Leber in Östrogen umgewandelt wird, bevor es den Wirkort erreichen kann. Deutlich invasivere Eingriffe sind also von Nöten.

Aber Frau Green hat auch dafür eine Lösung: Seit 15 Jahren kommt eine männliche Verhütungsmethode in Indien zum Einsatz, die „completely safe and reversible“ ist. Na, das klingt doch wunderbar! Zumindest so lange, bis man eine kurze Googlesuche zur Reversible inhibition of sperm under guidance oder auch RISUG vornimmt. Die Sicherheitsstandards für pharmazeutische oder medizinische Produkte scheinen in Indien ja dann doch deutlich weniger streng als in westlichen Ländern zu sein. Oder Frau Green erzählt einfach Bullshit und die Methode befindet sich dort ebenfalls noch in der Testphase. Auf PubMed finden wir unter dem Suchbegriff RISUG gerade mal 23 veröffentlichte Studien, von denen einige „nur“ Review-Paper darstellen, in denen auf die Methode hingewiesen wird. Überfliegt man die Studien kurz, wird eines klar: Diese Methode ist noch lange nicht so weit, als dass sie sich in den nächsten Jahren als weit verbreitete Option für die männliche Verhütung etablieren wird. Inwieweit RISUG sicher ist und z.B. keine Genotoxizität aufweist, wird sich erst noch in weiteren Tierstudien und klinischen Untersuchungen an Humanprobanden zeigen müssen.

Unabhängig davon würde ich mir persönlich jedoch zweimal überlegen, ob ich mir eine Substanz in den Genitalbereich spritzen lasse oder ob ich einfach noch so lange abwarte bis es eine vergleichbar einfache Applikationsmethode, wie die Antibabypille, für Männer gibt.

Trotz allem wissen wir jetzt aber (mal wieder): Weniger Freiheit = Mehr Privilegien.

Laci Green versteht nicht: Falsche Vergewaltigungsvorwürfe

tl;dr. Wunderbar recherchiert, wie immer. Erschreckend ist nur die Größe des Publikums, welches Laci Green mit ihren unfundierten (und stellenweise schlichtweg falschen) Aussagen erreicht.

Interessant sind meiner Meinung nach vor allem folgende Studien/Daten, die in der Beschreibung des Videos verlinkt sind:

 

As with all other Crime Index offenses, complaints of forcible rape made to law enforcement agencies are sometimes found to be false or baseless. In such cases, law enforcement agencies “unfound” the offenses and exclude them from crime counts. The “unfounded” rate, or percentage of complaints determined through investigation to be false, is higher for forcible rape than for any other Index crime. Eight percent of forcible rape complaints in 1996 were “unfounded,” while the average for all Index crimes was 2 percent. (S. 24; Hervorhebung von mir)

Komischerweise hat das FBI nach 1996 keine Daten mehr über falsche Vergewaltigungsvorwürfe gesammelt bzw. öffentlich gemacht. Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

 

Hier ist vor allem Tabelle 1 bemerkenswert (S. 136-137): Die hier aufgezählten Studien finden zwischen 1,5% und 90% an falschen Vergewaltigungsvorwürfen. Zu sagen, dass hier die Datenlage nicht eindeutig ist, wäre schon extrem euphemistisch. Hier ist definitiv Nachholbedarf an methodisch gut durchgeführten Studien.

 

Despite the plethora of pyramided citations, it turns out thatthere is one, and only one, underlying source-feminist publicist Susan Brownmiller’s interpretation of some data, now a quarter-century old, of unknown provenance from a single police department unit. There are no other published studies that this author could find. All of the sources cited at the outset of this Article trace back to Ms. Brownmiller. (S. 955-956)

 

Und:

It seems clear that the two percent false claim figure, which has pervaded LDF discourse, has no basis in fact. Since this figure isclearly unsupported, there is no justification for shifting the burdenof proof or redefining consent in rape crimes in accordance with this figure. (S. 971)

Die Verkettung hinter all dem ist eigentlich gar nicht richtig greifbar: Eine feministische Autorin nimmt sich einen isolierten Datenpunkt, erhoben in einem einzigen(!) Polizeirevier (vgl. cherry picking), und verbreitet diesen als allgemeinen Konsens. Nach einigen Zyklen des Abschreibens und Nicht-Prüfens der Recherche landen wir über 30 Jahre später an einem Punkt, an dem niemand mehr nachvollziehen kann, woher die ursprüngliche Behauptung eigentlich kam und wie valide diese eigentlich ist. Trotzdem ist das nun die Prämisse, auf derer Pop-FeministInnen die Abschaffung der Unschuldsvermutung fordern. Yay!

Das wissenschaftliche Peer-Review (und dessen Probleme)

Da sich momentan wieder eine meiner geplanten Veröffentlichungen im Peer-Review-Verfahren befindet (und sich dieses bereits seit Monaten hinzieht), musste ich mich gedanklich mehrfach mit der Sinnhaftigkeit und vor allem der Effektivität dieses Verfahrens befassens. Eins vorweg: Mit dem Peer-Review verhält sich es genauso wie mit der Demokratie. Also nutze ich die Gelegenheit und krame ein extrem ausgelutschtes Zitat hervor:

Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind. (Winston Churchill, 1947)

Wenn wir „Demokratie“ mit „Peer-Review-Verfahren“ und „Regierungsformen“ mit „Qualitätskontrolle“ austauschen, dann sollte die Analogie doch relativ stimmig sein.

Es gibt zwei gewaltige Hürden die überwunden werden müssen, um eine angemessene, wissenschaftliche Qualitätskontrolle zu ermöglichen: 1. Es muss die Neutralität der Gutachter gewährleistet sein. Das klingt einfach, stellt sich aber in der Praxis des Wissenschaftsbetriebs als ungeheuer schwierig dar. Einzelne Fachgebiete sind stellenweise so spezifisch, dass eine Abkapselung der aktiv mitwirkenden Wissenschaftler unvermeidlich ist. Man kennt sich. Man trifft sich auf Konferenzen. Man liest die Paper der „Peers“ und zitiert diese natürlich in den eigenen Arbeiten. Das geschieht oftmals nicht zwangsläufig aus Sympathie, sondern aus einer puren Notwendigkeit heraus. Es gibt einfach keine Alternativen, selbst wenn man sie haben wollen würde. (Damit soll aber kein Urteil über die eigentliche Qualität der wissenschaftlichen Arbeit gefällt werden. Nur weil ein Wissenschaftler isoliert arbeitet, muss seine Arbeit dadurch nicht schlechter sein, als das bei stärker vernetzten Wissenschaftlern oder interdisziplinären Fachgebieten der Fall ist.) Das Review-Verfahren läuft dadurch natürlich Gefahr, dass die (meist) anonymen Reviewer bestimmte Arbeiten von bestimmten Personen bevorzugt behandeln oder, im Gegenzug, deutlich kritischer als nötig begutachten. Einige Journals gehen inzwischen dazu über, dass die Namen Reviewer am Ende des Verfahrens aufgedeckt werden. Das führt jedoch zu ganz neuen Problemen, auf die ich vielleicht in einem späteren Post einmal eingehen werde.

2. Die Gutachter (in der Regel sind es zwei Gutachter für ein Paper) müssen eine ausreichende Fachkenntnis über die Thematik haben, die in einem Paper behandelt wird. Und dazu zählt sowohl der theoretische Hintergrund, als auch die Praxis (Methodik). Dieser Umstand schränkt den Kreis potenzieller Reviewer noch stärker ein. Wenn keine Reviewer mit entsprechender Expertise gefunden werden, muss natürlich der Kreis erweitert werden. Als Folge tauchen die nächsten Probleme auf: Entweder werden Publikationen durchgewunken, weil der Reviewer das Thema nicht ausreichend versteht, um eine angemessene Begutachtung durchzuführen, oder der Review Prozess zieht sich um ein Vielfaches in die Länge, da sich oft über sprachliche Unschärfen „gestritten“ wird, die einem Fachfremden natürlich mehr Probleme bereiten, als einem Reviewer der selbst in der Thematik beschäftigt ist.

Man könnte natürlich noch viel detaillierter auf einzelne Aspekte und Probleme des Peer-Review-Verfahrens eingehen. Ich belasse es jetzt aber vorerst einmal bei dieser groben Betrachtung.

Stattdessen ein kurzer Schwenk: Besonders anschauliche Beispiele, bei denen das Peer-Review offensichtlich versagt hat (egal ob formell durch ein Journal oder informell durch Kollegen/Vorgesetze), werden täglich vom Twitter-Account @real_peerreview aus den Untiefen von Pubmed oder vergleichbaren Publikations-Archiven ans Tageslicht geholt. Was sich dort teilweise in den Abstracts lesen lässt, sollte auch Personen außerhalb des Wissenschaftsbetriebs die (Fremd)Schamesröte ins Gesicht steigen lassen. Ob nun Liebesgeschichten aus World of Warcraft oder Interpretationen darüber, warum Menschen Auto fahren, währenddessen Musik hören und was das alles überhaupt mit dem Klimawandel zu tun hat… Scheinbar alles lässt sich in einem Paper verarbeiten, sei es noch so trivial, sei die Prämisse noch so unfundiert. Occam’s Razor und/oder das Prinzip der Falsifizierbarkeit scheinen den Autoren ebenfalls mehr als fremd zu sein.

Wenn man eine Person zynischer Natur ist, dann könnte man vermutlich meinen, dass diese digital geschriebenen und digital veröffentlichten Worte niemandem schaden (nicht einmal Bäume mussten für Druckerpapier ihr Leben lassen!). Das ist aber zu kurz gedacht: Diese Studenten/Doktoranden/Post-Docs/Professoren verschwenden ihre Lebenszeit und die Anderer. Sie verbrauchen Ressourcen (finanziell und materiell), deren Einsatz sinnvoller gestaltet werden könnte. Und sie beschädigen auf lange Sicht gesehen die Academia als Ganzes, die sich irgendwann für diese Missstände rechtfertigen werden muss.