Feminismus und Zensur: Eine unheilige Allianz

Netzfeminismus ist ja in vielen Fällen eher inkompetent als qualifiziert. Eher plump als raffiniert. Eher amüsant als gefährlich.

Dieses Bild ändert sich aber in jenem Moment, in dem sich die Interessen und Ziele des Feminismus und der von Regierungsorganisationen überschneiden. Dieser Artikel aus der TAZ mit dem Titel „Das Internet zurückerobern“ zeichnet ein erschreckendes Abbild von genau dieser unheiligen Allianz.

So wie ihr geht es vielen Frauen, die regelmäßig das Internet nutzen. Das Phänomen hat unterschiedliche Namen – Hasskommentare, Hate Speech oder Cybersexismus – und es ist ein großes Problem. Netzfeministinnen machen seit Jahren darauf aufmerksam. Endlich scheint sich etwas zu tun: Diese Woche einigten sich die EU und wichtige Online-Netzwerke auf ein gemeinsames Vorgehen gegen Hasskommentare.

Sind wir also wieder an diesem Punkt. Der nächste Zensurvorstoß, vorangetrieben von Personen wie Anne Wizorek und anderen, selbsternannten NetzfeministInnen. Dass diesen jedes Mittel Recht ist, um die Deutungshoheit in den von ihnen geführten Debatten zu behalten, ist ja bereits hinlänglich bekannt. Und auch die europäischen Regierungsorgane würden sich jederzeit einen Arm ausreißen, um endlich eine legitime Möglichkeit zur Entfernung von unerwünschten Meinungsäußerungen in der anderen Hand zu halten. Dieser neue EU-Beschluss ist scheinbar genau das, worauf beide Lager gewartet und hingearbeitet haben. Unter diesem werden Firmen und deren große soziale Netzwerke, wie Facebook, Twitter und Youtube, dazu verpflichtet „illegale Hassäußerungen“ innerhalb von 24 Stunden zu erkennen und zu entfernen. Gleichzeitig sollen „positive Gegenerzählungen gezielt gefördert werden“. Letztendlich soll hier also von der europäischen Regierungsebene aus auf den öffentlichen Diskurs Einfluss genommen werden. Wie das dann am Ende konkret aussieht und welche „Erzählungen“ unter die Entfernung bzw. Förderung fallen, bleibt unklar. Vermutlich bewusst.

Kraut and Tea weist in einem seiner Videos daraufhin, dass der Begriff „Hate Speech“ in den nationalen Rechtsordnungen der Mitgliedsstaaten der EU nicht unterschiedlicher und unschärfer formuliert sein könnte. Diese Initiative der EU würde an diesem Umstand mit hoher Wahrscheinlichkeit nichts ändern. Ganz im Gegenteil, man würde nationale „Hate Speech“-Gesetze aushebeln, wenn diese weniger strikte Rahmen setzen. Dieser Beschluss könnte also ein probates Mittel darstellen, um eine Vielzahl an „unerwünschten“ Meinungsäußerungen völlig legal aus den öffentlichen Debatten zu entfernen.

Als besonders interessant stellen sich natürlich die Begründungen für eine solche EU-weite Maßnahme heraus:

Wie real dieser Hass ist, zeigen nicht nur individuelle Erfahrungen, sondern auch diverse Studien. Der britische Thinktank Demos filterte drei Wochen lang Tweets nach den Worten „slut“ oder „whore“. Weltweit wurden in diesem Zeitraum 80.000 Nutzer_innen mit 200.000 solcher Tweets beleidigt. Auch der Guardian beschäftigte sich mit Hate Speech, und zwar auf der eigenen Webseite. Das Ergebnis: Obwohl die Mehrheit der Journalist_innen männlich ist, befinden sich unter den zehn am häufigsten beleidigten Autor_innen acht Frauen und zwei schwarze Männer.

Ich bin immer wieder beeindruckt, mit welcher Vehemenz bestimmte mediale Vertreter ihre Agenda vorantreiben und sich dabei einen Dreck darum scheren, wie offensichtlich verbogen die eigene Narration doch ist. Vielleicht haben wir aber auch inzwischen ein Stadium erreicht, in dem die blanke Grobschlächtigkeit schon wieder als perfide angesehen werden muss.

Denn dass die Befunde der Demos-Studie aufzeigen, dass die Mehrheit der aggressiven Tweets mit besagtem Inhalt von Frauen verschickt wurden, wird hier natürlich nicht erwähnt. Wenn das Geschlechterverhältnis zwischen „Täter“ und „Opfer“ jedoch wieder mit der Narration konform geht – wie im Fall der „Studie“ des Guardian – dann weist man mit Nachdruck darauf hin. Achja, und da waren ja noch die Ergebnisse des PewResearchCenter über online harassment, die man hier unerklärlicherweise auch nicht aufführt. So sieht Cybersexismus also im Jahr 2016 aus.

Aber auch Frau Wizorek scheut sich nicht eine gute Portion kognitiver Dissonanz zur Schau zu stellen:

Wenn ich daran denke, wie unbeschwert ich noch vor ein paar Jahren im Netz unterwegs war und was ich dort gepostet habe, dann bin ich immer überrascht, wie leichtfüßig ich unterwegs war. Das ist heute nicht mehr so“, sagt Wizorek auch über sich selbst. „Es entsteht eine Schere im Kopf.“

Natürlich. In einer Gesellschaft, in der die freie Meinungsäußerung noch in weiten Teilen ungehindert ausgeübt werden kann, muss man eine Selbstzensur vornehmen, weil einem sonst „Hass“ entgegenschwappt. Kleiner Tipp: Vielleicht sollte man die Definitionen von „Hass“ und „Kritik“ noch einmal nachschlagen und anschließend den eigenen Standpunkt neu evaluieren.

Im Grunde wissen wir aber alle: Das wird nicht geschehen. Stattdessen wird ein staatlicher Zensurapparat gefordert, der uns den Safe Space ermöglicht, den wir uns alle schon so lange wünschen. Denn die naheliegendste Lösung – die Option zur selbst bestimmten Handlung – ist heute nicht mehr „zeitgemäß“:

„Wenn Frauen oder andere Gruppen in sozialen Netzwerken Drohungen erhalten und dann zur Polizei gehen, um Anzeige zu erstatten und sie dann erstmal gefragt werden: Was ist denn Twitter? Und dann als Antwort kommt: Dann hören sie eben auf, dort zu schreiben, dann ist das nicht zeitgemäß.“

Die sprachliche Unschärfe, die hier zur Verwendung kommt, ist schon faszinierend. Was meint Frau Wizorek? Von welcher Art „Drohungen“ ist hier die Rede? Ein kritischer Tweet? Oder geht es hier um die viel beschworenen Morddrohungen, die zwar immer wieder angeführt, aber komischerweise nie nachgewiesen werden. Und ja, im letzteren Fall sollte die Polizei ihre Arbeit ernst nehmen und entsprechende Ermittlungen aufnehmen. Da es aber nicht um Morddrohungen geht, die auch nach heutigem Recht bereits illegal sind und polizeiliche Ermittlungen nach sich ziehen, sondern offenbar um andere Formen der „Drohung“, bleibt unklar, wieso die Blockier-Option auf Twitter/Facebook/Youtube als bereits vorhandene Lösung nicht ausreicht.

Ein egalitäres Netz ist laut Wizorek aber im Interesse aller: „Wenn sich Frauen aus dem Netz verdrängen lassen, wird unsere gesellschaftliche Vielfalt nicht abgebildet. Und das ist schade, weil das Internet ursprünglich so ein Emanzipationspotential hatte.“ Wir verspielen damit eine Chance für eine gleichberechtigtere Gesellschaft.

Diese paternalistische Denkweise ist ja kaum auszuhalten. Egalitär ist also, wenn alle den gleichen Zugang zum Netz, aber auch gefälligst die gleiche Meinung haben. Insofern Frauen sich wirklich von unhöflichen/unangenehmen Nachrichten aus dem Internet verdrängen lassen, dann liegen Ursache und Lösung des Problems mit Sicherheit nicht in staatlicher Einflussnahme und Zensurmaßnahmen.

Auf diesen Gipfel der kognitiven Dissonanz fällt mir als Schlusswort eigentlich nur ein Zitat von Prof. Gad Saad ein:

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„Die Zweigeschlechtlichkeit ist biologisch nur noch schwer zu beweisen“

Christian von Alles Evolution hatte in einem Tweet auf diesen Artikel des Tagesspiegel hingewiesen, in welchem der verzweifelte Versuch diverser VertreterInnen der Gender Studies besprochen wird, ihre Forschung gegen Kritik zu „verteidigen“. Man kann aber nicht von einer redlichen Verteidigung sprechen, da dieses Zusammentreffen von Politik und Forschung unter dem Motto „Dialog statt Hass“ gelaufen ist. Damit wird bereits klar, dass die überwältigende Kritik an den Gender Studies nicht als konstruktiv gesehen, sondern direkt als Hassrede deklariert wird. Vermutlich in der Hoffnung, den Kritikern damit den Wind aus den Segeln nehmen zu können. Dass man mit so einer Wortwahl aber bereits die Schwäche der eigenen Position demonstriert bevor die Gegenseite auch nur den Mund aufgemacht hat, lasse ich jetzt einfach einmal so im Raum stehen.

Es wird viel relativiert („Nur 0,4 Prozent der Professuren sind der Genderforschung gewidmet, das ist doch alles nicht so wild!“) und man stilisiert sich selbst als Opfer („Gender-Bashing“). Also so weit, so erwartbar. Interessanter ist jedoch der letzte Abschnitt des Artikels, über den ich hier kurz ein paar Worte verlieren möchte:

„Die Biologie findet so viele Geschlechter, wie sie sucht“

[…]

„Wenn Biologen zwei Geschlechter finden wollen, finden sie auch zwei“, war am Biologie-Tisch zu erfahren. „Suchen sie fünf, finden sie fünf.“ Die Vorstellung, es gebe nur zwei Geschlechter, sei jedenfalls längst in Auflösung, weil die Zweigeschlechtlichkeit biologisch nur noch schwer zu beweisen sei. Allerdings leide das Fach Biologie an einem Mangel an Genderreflexion. Ein Kongress, auf dem sich Biologinnen mit Kulturwissenschaftlerinnen über Gender austauschen, könne Abhilfe schaffen, schlug eine Forscherin vor. Vielleicht verläuft die Debatte dann auch kontroverser als im Abgeordnetenhaus.

Vielleicht habe ich in meinem Biologiestudium zu viele Vorlesungen oder Seminare verpasst, aber mir war bis heute nicht bewusst, dass „Zweigeschlechtlichkeit nur schwer zu beweisen sei“. Es gibt Myriaden an empirischen Studien, durchgeführt über den Zeitraum vieler vergangener Dekaden bis hin zur heutigen Zeit, in denen die „Zweigeschlechtlichkeit“, also die Einteilung in einen männlichen und weiblichen Phänotyp und Genotyp, von Organismen verschiedener Spezies nachgewiesen wurde. Es gibt sogar ein Gen, welches bei Säugetieren (zu denen auch der Mensch zählt) klar definiert, ab wann ein Organismus als männlich oder weiblich angesehen werden muss: Das SRY-Gen, welches sich normalerweise auf dem Y-Chromosom befindet. Ist es vorhanden, kommt es während der Embryogenese zur Ausbildung von Hoden und damit zu einer Geschlechtsdifferenzierung hin zum männlichen Geschlecht. Ist es nicht vorhanden bzw. funktionslos, bilden sich Eileiter und Gebärmutter, und dieser Kaskade folgend kommt es zur Geschlechtsdifferenzierung hin zum weiblichen Geschlecht.

Durch Mutationen oder andere Fehlentwicklungen bei z.B. der Reifeteilung kann es zu verschiedenen Symptomen/Syndromen, wie z.B. dem XX-Mann, kommen. Hier hat ein Individuum kein Y-Chromosom, aber dennoch einen männlichen Phänotyp. Durch eine Translokation des SRY-Gen auf eines der X-Chromosome kommt es bei diesen Individuen zur Einleitung der männlichen Geschlechtsdifferenzierung. Auch in diesen Sonderfällen findet sich eine klare Einteilung in männlich und weiblich auf phänotypischer und genoytpischer Ebene: Ein XX-Mann hat einen weiblichen Genotyp (oder auch Karyotyp) und einen männlichen Phänotyp. Jegliche Abweichung von der Dichotomie, jede „Zwischenform“, ist eben genau das: Eine Mischung aus weiblichen und männlichen (Geschlechts)Merkmalen. Daraus folgt aber kein drittes, viertes oder fünftes Geschlecht.

Die Behauptung, die Biologie würde so viele Geschlechter finden, wie sie sucht, ist also kompletter Bullshit.

Aber jetzt kommt natürlich die Trumpfkarte der Anhänger diverser konstruktivistischer Theorien: Das soziale Geschlecht und biologische Geschlecht muss man voneinander trennen! Nein, muss man nicht. Zuerst einmal ist die willkürliche Trennung in ein soziales und biologisches Geschlecht eine unnötige Erhöhung der notwendigen Annahmen für eine Theorie. Zweitens zeigen Untersuchungen an transsexuellen Personen, dass geschlechtertypische Verhaltensweisen durch die Gabe von entsprechenden Hormonkonzentrationen beeinflusst werden können. Drittens zeigen unsere nächsten Verwandten eine vergleichbare „Zweigeschlechtlichkeit“ und bei diesen Spezies sind Einflüsse einer Sozialisierung, wie man sie beim Menschen findet, auszuschließen. Theorien, welche eine Einheit aus Nature versus Nurture annehmen, sind daher auf Basis der empirischen Forschung und unter der Beachtung von Ockhams Rasiermesser zu bevorzugen.

Im Artikel des Tagesspiegel finden sich noch Verweise auf zwei weitere Artikel zum Thema, in denen ähnliche Fehltritte zu finden sind. Um aber emotional nicht vollkommen aus der Balance zu fallen, verschiebe ich eine detaillierte Betrachtung und Besprechung dieser Artikel auf einen späteren Zeitpunkt.

Quickie (1): Sibylle Berg / In eigener Sache

Sibylle Berg, Margarete Stokowskis große Schwester im Geiste, beschwert sich in ihrer wöchentlichen Kolumne über das Wegfallen von Feindbildern. Aufhänger dafür ist für sie der Umstand, dass sich jetzt sogar schon die BILD-Zeitung für Flüchtlinge einsetzt und man deshalb eigentlich gar nichts mehr hat, was man so richtig und aus tiefstem Herzen hassen kann. Dieser kurze Text, voll mit unnötigen Hyperbeln, hat aber doch eine interessante Aussage zu bieten:

Da waren immer die guten Zeitungen, „Süddeutsche“ und „FAZ“ und der SPIEGEL, mit ihren durchwechselnde Chefs, immer männlich, bedingten Qualitätsschwankungen, und dann waren da Sachen wie eben „Bild“. Die jetzt lustigerweise eine Chefin hat. Aber auch hier lerne ich langsam, dass es nichts hilft, dauernd zu jammern, dass es so wenige Frauen in Führungspositionen gibt, denn leider scheuen viele die Überstunden, die Angreifbarkeit, ja den Hass, dem man an der Spitze jeder Unternehmung ausgesetzt ist.

Ist das jetzt ein Zeichen für eine zweite geistige Pubertät bei Frau Berg? Bröckelt jetzt doch so langsam die ideologische Fassade? Wirkt die permanente Selbstimpfung des ewig gleichen Mantras nicht mehr?

Man kann nur hoffen.


Nur kurz in eigener Sache: Ich möchte gerne noch nachträglich meinen herzlichen Dank an Arne Hoffmann ausrichten, der mich netterweise in seinem Blog „Genderama“ verlinkt hatte. Dazu muss ich noch sagen, dass für mich sein Buch „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ der Stein des Anstoßes war, selbst online aktiv zu werden und meiner Stimme Gehör zu verschaffen. Daher eine klare Buchempfehlung von mir!

So, genug vom shilling: Ich freue mich sehr über die Willkommensgrüße und hoffe auf einen ergiebigen Diskurs!

Emanzipation als Markenprodukt

Wie es einst dem Punk erging – von der anti-gesellschaftlichen und anti-kapitalistischen Gegenbewegung zum T-Shirt Aufdruck – so findet sich auch der emanzipatorische Feminismus bereits seit längerer Zeit  in der Palette diverser Produktreihen wieder. Ob es sich hier nun um toxische „Male Tears“-Tassen handelt oder es um, auf der Oberfläche zahm erscheinende, aber aufgrund der ausbeuterischen Herstellungshintergründe zutiefst verstörende, „This Is What A Feminist Looks Like“-Shirts geht: Wer sich emanzipiert fühlt, der zeigt das in dem er einem Milliarden-Unternehmen Geld in den Rachen wirft. Man ist sich ja selbst für nichts zu schade.

Jetzt gibt es aber einen gravierenden Unterschied zwischen den „Subkulturen“ Punk und Mainstream Feminismus. Letzterer findet es nämlich gut, dass man die eigenen Ideale verraten hat und zum Markenprodukt geworden ist. Zumindest bekommt man den Eindruck, wenn man folgendes liest:

Denn durch Frauen wie Beyoncé oder Emma Watson hat ein neuer, plakativer Feminismus den Mainstream erreicht.

Diesen Satz finden wir in einem Artikel auf bento, verfasst von Judith Brachem, mit dem etwas irreführendem Titel „Wie der Feminismus die Fashion-Industrie prägt“. Frau Brachem scheint nur irgendwie zu verwechseln, wer hier eigentlich wen „prägt“ bzw. für seine Interessen missbraucht.

Die „Fashion-Industrie“ hat also jetzt den Feminismus als Marketing-Tool für sich entdeckt. Wenn man es so ausdrückt, klingt das aber eher negativ. Daher wird die Narration einfach so lange in die gewünschte Richtung gebogen, bis man nachher kein schlechtes Gewissen haben muss, weil man ja eigentlich nur auf die moderne Form eines Schlangenöl-Händlers reingefallen ist und zusätzlich auch noch unmenschliche Arbeits- und Produktionsbedingungen in Entwicklungsländern finanziert hat.

Ich glaube nicht, dass es auf diesem Planeten eine Maschine gibt, die die Menge an kognitiver Dissonanz berechnen könnte, die in diesem Artikel steckt: Die „unterdrückte Klasse“ trägt Kleidung mit der Botschaft ihrer eigenen Emanzipation auf der Brust…

So ganz klar ist Frau Brachem ihr eigener Standpunkt aber wohl offenbar selbst nicht, denn einige Abschnitte ihres Artikels stehen sich doch eher diametral gegenüber. Zum einen schreibt sie:

Viele Feministinnen machten sich danach Sorgen um den richtigen Umgang mit dem Thema. Bloggerin Susie Lau von Style Bubble fragte in ihrem Blog: „Was auch immer Karl Lagerfelds wahre Meinung über Feminismus ist, es ist schwierig, den Überzeugungen einer Gruppe uniformer Frauen zu glauben, die ein unrealistisches Frauenbild verkörpern und solche Sprüche hochhalten, gleichzeitig aber Sachen tragen, die unerhört teuer sind. Wieso machst du das, Karl? Um der Kontroverse willen? Für mehr Likes auf Instagram? Ich nehme an, dass es eine Mischung aus beidem ist.“

Aber andererseits ist das alles ja gar nicht so schlimm, denn:

Natürlich kann es sein, dass Designer und Unternehmen den Feminismus nur ausnutzen, um den Konsum anzukurbeln. Aber passiert dadurch nicht auch gleichzeitig das Gegenteil? Der Feminismus profitiert davon, endlich einmal Aufmerksamkeit von einem großen Publikum zu bekommen. Das angestaubte Image ist weg, Feminismus findet jetzt auch als Print auf T-Shirts und als Schnappschuss auf Instagram statt.

Natürlich, Sprüche auf überteuerten Oberteilen wie „Mind Your Own Uterus“, „More Feminism – Less Bullshit“ oder „Ladies First“ schreien ja gerade zu die Ideale der gern zitierten Wikipedia-Definition von Feminismus in die Welt hinaus. „But it’s about equality between the sexes!!!111“

Und natürlich fehlen die üblichen Worthülsen nicht: Jede(r) darf mitmachen, jede(r) ist perfekt so wie sie/er ist, jede(r) kann alles erreichen. Oh achja, die Männer dürfen wir dabei natürlich nicht vergessen. Die kriegen den entsprechenden Partnerlook verpasst mit Aufdrucken wie „Gender Equality“, „Radical Feminist“ oder „Women Power“. Doppelt abkassieren; man kann es ja zumindest mal versuchen.

Am Ende wird eigentlich klar, worum es hier geht:

Anstatt uns also in Perfektion zu uniformieren, kleiden wir uns in Girlpower.

Man schlüpft also aus der einen Uniform in die nächste. Der Anstrich gefällt einem jetzt vielleicht etwas besser, aber dafür ist auch die Geldbörse deutlich leichter. Die autoritäre Vorgabe bleibt jedoch die gleiche: „Wir sagen dir was richtig ist und es wäre besser wenn du dich dran hältst.“ Nestbeschmutzerinnen werden nämlich auch weiterhin nicht geduldet.

Konformität ist Individualität. Orwell lässt grüßen.

 

Feminismus und die Nichtigkeiten

Das 21. Jahrhundert. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist erreicht, die Vernunft hat gesiegt, die letzten Überreste der alten, bigotten Weltordnung werden erbittert gejagt. Überraschenderweise haben scheinbar einige der „sozialen Gerechtigkeitskrieger“ (vgl. social justice warrior, SJW) das Memo über diesen Sieg nicht bekommen. Anders lässt es sich zumindest nicht erklären, warum weiterhin ein Kampf ohne ersichtlichen Feind geführt wird.

Kommen wir also zu Margarete Stokowski, die, neben Liebesbriefen an kanadische Premierminister, einmal wöchentlich ihre oftmals grammatikalisch etwas konfus verfassten Gedanken über allerlei „popkulturelle“ Ereignisse bei Spiegel-Online veröffentlichen darf. Großartig, was sich da lesen lässt:

Es ist 2016 und man könnte denken, Frauen könnten völlig normal vor sich hin leben. Mitnichten! Immer noch werden sie ständig beurteilt – dafür, wie sie reden, rumstehen oder rumtun.

Obwohl die Erwartungen an diese Kolumne bereits jetzt schon in astronomische Höhen schießen, so wird man doch im Anschluss an diese einleitenden Worte bitter enttäuscht: Eine britische Pop-Sängerin hat kurzfristig die Contenance verloren, eine US-amerikanische Wettermoderatorin soll sich vor laufender Kamera eine Jacke überziehen, eine Sportjournalistin wehrt sich gegen die Verbreitung eines peinlichen Fotos, Laurie Penny popelt live auf der Bühne und bei laufender Kamera in der Nase und eine Autorin fühlt sich angegriffen, weil in einem Artikel der Welt auf ihre „nichtnormative“ Körperform Bezug genommen wird. So weit, so gähn.

Jetzt könnte man meinen, dass alle diese tragischen Fälle, bei denen jeweils einer Einzelperson Unrecht (im allerweitesten Sinne des Wortes) getan wurde, nicht weiter erwähnenswert sind und schon gar nicht als Nachweis für eine vermeintliche Diskriminierung einer mehrheitlichen Bevölkerungsgruppe herangezogen werden. Falsch gedacht! Denn wie bereits in der Einleitung erwähnt, befinden wir uns im 21. Jahrhundert. Den meisten selbsternannten FeministInnen fehlen die Drachen zum Erschlagen. Die eigene Existenzberechtigung muss aber dennoch aufrechterhalten werden und so wird ununterbrochen nach Nichtigkeiten gegraben und gebohrt. Und so lässt sich jede noch so geringe Kleinigkeit in einem Artikel verwursten, aufblähen und mit einem inflammatorischen Schreibstil verbinden, um die Klickzahlen in die Höhe zu treiben. Ob die Klicks von Befürwortern oder lautstarken Gegnern kommen ist in jedem Fall egal, Werbegeld stinkt nicht.

Jetzt könnte man mit dieser oberflächlichen Betrachtung enden und sich wieder relevanteren Dingen des Lebens widmen. Verübeln würde ich es niemanden. Jedoch lässt das Beispiel von Frau Stokowskis Kolumne eine interessante Betrachtung der Metaebene zu. Denn was einem hier argumentativ präsentiert wird, ist nicht anderes als eine Variante des Fehlschlusses aus anekdotischer Evidenz. Die Logik dahinter ist so einfach, wie sie falsch ist: Hier sind ein paar isolierte Beispiele von Ungerechtigkeiten gegen Einzelpersonen die zufälligerweise dem gleichen Geschlecht zuzordnen sind. Die Schlussfolgerung daraus ist eine allgemeine Diskriminierung der Gesamtheit dieses Geschlechts. Das hier jedoch kein kausaler Zusammenhang vorliegen muss, geschweige denn von der Autorin nachgewiesen wird, scheint keine Relevanz zu haben. Es zählt nur die Narration, nicht die Empirie.

Wenn man noch einen Schritt weitergeht, fällt ein weiterer argumentativer Fehlschluss auf. Das „Rosinenpicken“ (vgl. cherry picking) ist eine gern genutzte Taktik, um die eigene Position vermeintlich zu stärken. Es lässt sich nahezu immer der Eindruck eines Kausalzusammenhangs konstruieren, wenn nur die Daten richtig auswählt werden. Dass sich aber vermutlich im gleichen Zeitraum, in der die von Frau Stokowskis genannten Ereignisse vorgefallen sind, genauso viele Beispiele von männlichen Personen finden lassen denen vergleichbares Unrecht getan wurde, würde die Narration bröckeln lassen.

Dies sind nur zwei von den immer wieder auftauchenden logical fallacies, die sich vor allem in der Geschlechterdebatte finden lassen und allzu oft unangefochten im Raum stehen bleiben. Wird diese Form der Narration nur oft genug wiederholt, so brennt sie sich ins Gedächtnis ein. Denn was so oft wiederholt und von so vielen Leuten gesagt und geschrieben wird, kann ja nicht falsch sein. Oder doch?