Doktorant empfiehlt: Coltaine über Biologie, Kultur und Ideologie

Coltaine analysiert in diesem Video unter anderem die Fragestellung, wie erfolgversprechend die Forderung nach politischen und sozialen Veränderungen sein kann, wenn diese nicht von den „kulturellen Umweltbedingungen“ gestützt werden. Seine Hypothese postuliert eine hierarchische Struktur von Biologie > Kultur > Ideologie, in der Top-Down-Veränderungen nur schwer zu realisieren sind.

Interessant sind vor allem die Abschnitte ab Minute 12:52 und Minute 19:55. Die Korrelationen zwischen verschiedenen Datensätzen, die Coltaine hier präsentiert, sollten definitiv einige Fragen aufwerfen.

Seine Hypothesen sollten natürlich kritisch betrachtet und diskutiert werden. In einem kommenden Post werde auf Teile seines Videos noch einmal detaillierter Bezug nehmen.

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Doktorant empfiehlt: tl;dr über Ideologie in der Datenanalyse

tl;dr erklärt uns in diesem Video vier mögliche Interpretationen eines empirischen Befundes (Gender Wage Gap) unter jeweils einem anderen theoretischen Bezugsrahmen: Feminismus, Libertarismus, libertärer Feminismus und Evolutionspsychologie:

Fazit: Erkenntnistheoretische Bezugsrahmen sind am besten geeignet, um Interpretationen aus ideologisch-geprägten theoretischen Bezugsrahmen zu widerlegen. Dieser „Kampf der Ideen“ wird allerdings durch eine Fülle an feministischen Hypothesen erschwert, für die es zwar wenige bis keine empirischen Befunde gibt, diese aber durch permanente Wiederholung und gegenseitige Zitierungen den Status anerkannter Theorien erlangt haben (Patriarchatstheorie, Privilegientheorie, Theorie des Geschlechts als soziale Konstruktion, etc.) und in vielen Personenkreisen innerhalb und außerhalb der Akademia als objektive Fakten anerkannt werden.  Daher müssen empirische Wissenschaftskonzepte eine ausreichende Alternative an Theorien aufbauen, welche anschließend den Platz feministischer Theorien einnehmen können.

Myth-Busting: Biologischer Determinismus

Etwas, das immer wieder in (Online)Diskussionen in der Geschlechterdebatte auftaucht, ist der Vorwurf des biologischen Determinismus. Dieser Begriff ist bereits vor einiger Zeit in das gedankliche Allgemeingut übergegangen, obwohl es selbst in (naturwissenschaftlichen) akademischen Zirkeln keinen Konsens darüber gibt, was denn eigentlich einen biologischen Determinismus ausmachen würde und welche Positionen jemand halten muss, um als Vertreter eines solchen Determinismus bezeichnet zu werden.

Weiterhin entpuppt sich dieser bei näherer Betrachtung als nichts weiter als ein Strohmann: Niemand, der sich ernsthaft mit der Thematik auseinandersetzt und zumindest einen Funken intellektueller Redlichkeit innehat, wird seine Unterschrift unter folgende Definition setzen:

 

biologischer Determinismus:

die These, nach der der Mensch ausschließlich oder überwiegend von seiner biologischen Natur bestimmt wird und nicht von seiner sozialen bzw. kulturellen Umwelt

Diese Definition beinhaltet vermutlich bewusst die Abschwächung „überwiegend“, um nicht sofort als redundant abgestempelt zu werden. Blöderweise erlangt sie dadurch aber auch den Status „schwammig“. Denn, wie oben schon erwähnt, welche Positionen oder wie viele von diesen muss man denn halten, um mit seinem Standpunkt unter die Kategorie des biologischen Determinismus zu fallen?

Gene agieren immer in einer Umwelt. Die Selektion von Genen erfolgt durch Umweltfaktoren. „Erfolgreiche“ Gene sind in der Lage sich unter vielen verschiedenen Umweltbedingungen durchzusetzen. Daraus folgt: Variation in phänotypischen Ausprägungen (zu denen auch das Verhalten zählt) ist vorteilhaft. Anpassungsfähigkeit ist somit selbst nur eine selektierte Anpassung. Die Interaktion von Genen und Umwelt ist eine intrinsische Eigenschaft jeder Überlegung, jedes Gedanken, jeder Studie und jeder Diskussion über menschliches Verhalten.

Verhaltensplastizität lässt sich also wunderbar mit einem biologischen Modell erklären. Dazu muss und sollte niemand der Auffassung sein, dass Gen A automatisch zu Verhalten B führt. Gleichzeitig lassen sich aber statistische Trends in räumlich getrennten Populationen (z.B. kulturelle Unterschiede in Essgewohnheiten) und in physiologisch unterschiedlichen Populationen (Geschlecht) finden, die entweder eine Anpassung gleicher Gene an unterschiedliche Umweltfaktoren oder eine Anpassung unterschiedlicher Gene an gleiche Umweltfaktoren darstellen.

Eine Frage, die sich hier jedoch stellen kann, ist: Wie stark ist der Einfluss der Gene oder der Umweltfaktoren auf die phänotypischen Ausprägungen einer Population? Hierzu möchte ich in Kürze einen Abschnitt über kognitive Leistungsfähigkeit (vgl. Intelligenz) und deren Abhängigkeit von Genen bzw. Umwelt aus einem Vortrag von Onur Güntürkün paraphrasieren, an dem ich vor einiger Zeit im Publikum beisitzen konnte.

Nehmen wir an, es gibt eine Stadt. In dieser gibt es keine Barrieren, die Bürger können frei reisen und Partnerschaften entstehen zwischen Bürgern aller Stadtteile (homogener Genpool). Jetzt kommt es jedoch durch politische Verwerfungen zu einem Zwist und als Folge dessen wird die Stadt in einen Nord- und einen Südbereich aufgeteilt. Da sich im Norden große Mengen an Bodenschätzen befinden, entstehen unterschiedliche Lebensverhältnisse (vgl. Umweltbedingungen) in beiden Stadtteilen: Wir haben einen reichen Norden und einen armen Süden.

Wie unterschiedlich stark wirken jetzt Gene und Umweltfaktoren auf die durchschnittliche Intelligenz dieser beiden Populationen? Im Norden würden wir einen großen Einfluss der Gene erwarten. Da die Umweltbedingungen hier nahezu perfekt sind können genetische Unterschiede ihre volle Wirkung entfalten. Selbst geringe genetische Unterschiede in dieser sonst homogenen Gruppe können dazu führen, dass Einzelpersonen besser oder schlechter abschneiden als andere.

Aber wie sieht es im armen Süden aus? Hier spielen Gene nur eine untergeordnete Rolle. Selbst größere genetische Unterschiede würden durch die schlechten Umweltbedingungen überschattet werden. Und in der Mehrheit der Fälle würden Personen aus dem armen Süden schlechter abschneiden, als Personen aus dem reichen Norden.

GeneVsUmwelt1

Wie Herr Güntürkün am Ende zusammenfasste: Die Frage danach, ob denn jetzt eher die Gene oder die Umwelt verantwortlich sind, ist bereits falsch gestellt. „It’s not even wrong.“

Biologischer Determinismus existiert nicht.

Gene lassen sich nicht losgelöst von Umweltfaktoren betrachten und umgekehrt. Die Umwelt stellt die Struktur, in die sich ein Organismus auf Basis seiner genetischen Grundlage einfügt. Ändert sich die Struktur, ändert sich auch der Organismus. Oder er bekommt keine Gelegenheit mehr seine Gene an die nächste Generation weiterzugeben.