How Did That Make It Through Peer Review?

Heute einmal etwas ganz anderes: Der Twitter-Account @realpeerreview postet regelmäßig „wissenschaftliche Artikel“, die es in den meisten Fällen irgendwie geschafft haben, durch das Peer-Review Verfahren zu kommen. Die Abstracts, die man da zu lesen bekommt, könnten oftmals auch als Artikel von The Onion durchgehen und daher habe ich mir gedacht, dass man aus diesem Quell unendlicher Freude, doch ein kleines Spiel machen könnte.

Das bedeutet, dass ich mir einen dieser Artikel heraussuchen werde, diesen von Beginn an lese und parallel dazu einzelne Passagen kommentiere. Was kann da schon schiefgehen? Das Spiel geht so lange, bis ich es nicht mehr aushalte und kurz davor bin dem Wahnsinn zu verfallen. Gut, nachdem die Regeln etabliert sind, fange ich auch direkt mit folgendem Meisterwerk an:

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Klasse. Bereits der erste Satz der Einleitung lässt mir die Haare zu Berge stehen:

Recent years have seen extensive literature relating to the body as a modifiable social construct (Liran-Alper and Kama, 2007; Moore and Kosut, 2010).

Einmal abgesehen von dem wahrscheinlich uninteressantesten Einstieg ever, um die Relevanz für seine „Forschungsfrage“ darzustellen, ist die Prämisse bereits vollkommen absurd. Der Körper als soziales Konstrukt, ah ja. Ob mir die zitierten Artikel für das Verstehen dieser Aussage weiterhelfen? Immerhin ist es der erste Satz und ich möchte eigentlich ungern direkt nach einem weiteren Artikel suchen müssen, um überhaupt zu verstehen was mir die Autorin sagen möchte. Also weiter im Programm:

Rather than being perceived as a biological construct or permanent entity, today it is viewed as a malleable product of individual and social processes (Featherstone, 1991; Shilling, 1993; Turner, 2008).

Ok, der Körper wird also als ein soziales und kein biologisches Konstrukt wahrgenommen (was auch immer mit permanent entity gemeint sein soll). Wahrgenommen von wem? Der Autorin? Den zitierten Autoren? Der allgemeinen Bevölkerung? Ich sehe schon, ich werde also nicht drumherum kommen, mir die zitierten Artikel anzuschauen. Dann sehe ich mir doch einmal an, was Liran-Alper und Kama (2007) so zum Körper als soziales Konstrukt zu sagen haben:

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Ah, in Hebräisch. Sehr gut, wirklich sehr gut. Und vor allem so hilfreich. Naja, wir haben ja noch einen anderen Verweis, nämlich Moore und Kosut (2010). Hierbei handelt es sich offenbar um ein Buch mit dem Titel Not Just the Reflexive Reflex: Flesh and Bone in the Social Sciences und es lässt sich mit einer kurzen Suche auf Google ein PDF der Einleitung finden:

Sociologist  Arthur  Frank  elegantly  describes  the  body  as  follows:  “the  body  is not mute,  but  it  is  inarticulate;  it  does  not  use  speech,  yet  begets  it.” When  an academic tells  a  theoretical  story  about  the  body  or  bodies,  she  must  listen closely  to  hear  her own  body  speaking  from  within  it.  If  she  is  able  to  hear  this  body,  she  then  must translate its communication into an imperfect language.

Was. Zur. Hölle.

Das klingt doch mal nach einem wissenschaftlichen Einstieg in ein Thema. Man muss einfach nur ganz genau auf seinen eigenen Körper hören. Und zack, hat man einen Abschluss in den Sozialwissenschaften.

So, der Geduldsfaden wird dünner. Aus diesem Grund werde ich jetzt nur oberflächlich die Einleitung überfliegen, in der Hoffnung, dass dort noch irgendetwas substanzielles aufzufinden ist.

As we reflect on this complicated process, we are forced to confront our own embodiment and the pleasures and dangers of revealing our bodies.

[…]

For women, this practice of “sharing” these embodiments has become a necessary yet risky rite of passage into the academic right (and requirement) to produce knowledge. Importantly, this rite of passage is not equally mandated for our academic colleagues who inhabit bodies that are both physically and symbolically different from ours.

[…]

Bodies may be read aesthetically, as things to be beautified, fixed, fetishized, and adorned.

[…]

Or, conversely, bodies can communicate the effects of institutional racism, abandonment, and neglect as seen in the media images of poor black Hurricane Katrina victims stranded on rooftops begging for water and rescue.

[…]

Approaching the body as lived, rather than as an abstract object or social construct, allows us to begin to understand the subjectivities of the flesh, and how bodies themselves hold an unspoken knowledge.

Ich habe das PDF danach geschlossen, da mich langsam das Gefühl beschleicht, dass ich nicht auf ein akademisches Werk, sondern auf das Manifest eines religiösen Kults gestoßen bin. Außerdem bezweifele ich, dass auf den nächsten 28 Seiten noch irgendwie nachvollziehbar erklärt wird, wie, warum und weshalb der Körper ein soziales Konstrukt sein soll.

Andererseits kann man sich vermutlich alles mit der Denkweise, wie sie in dem Buch von Moore und Kosut praktiziert wird, herleiten, wenn man nur ganz besonders fest in sich selbst hineinhört.

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4 Gedanken zu “How Did That Make It Through Peer Review?

  1. Der eigentlich Reinigungsprozess wird also nicht betont, sondern eher das Gefühl frisch zu sein und etwas für sich zu sein.
    Wer hätte je gedacht, dass Werbung versucht mit positiven Aussagen zu arbeiten, die dem Produkt eine höhere Bedeutung geben und ggfs unangenehme Prozesse ausblenden?

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    • @chris

      Die Zielsetzung dieses Schaumschläger-Artikels geht noch weiter: Hygieneprodukte würden gar nicht der Hygiene diesen, bestenfalls nur „zufällig“ (letzter Satz vom Abstract). Um diese Behauptung zu machen, wird erstmal masslos übertrieben und Hygienewerbung als „hedonistischer Kult“ zur „Apotheose des Körpers“ hingestellt.

      Das passt in den Trend der ganzen Hygienefeindlichkeit, die man aus links-alernativen Milieus schon lange kennt, hier teilt man auch die geradezu religiöse Verachtung der Werbeinstrustrie, die auch dieser lächerliche Artikel transportiert.

      Die Grundidee, dass alles „Konstrukt“ sei, also alles willkürlich, erlaubt eben diese völlig willkürlichen Ausfälle gegen alles mögliche, die Werbung und insbesondere, hier, Hygiene.

      Wenn man als Revolutionär so richtig schön stinkt, dann fällt der üble Geruch der revolutionären Ideen nicht so auf scheint die Idee hinter allem zu sein 😉

      Gefällt 1 Person

    • Wer hätte je gedacht, dass Werbung versucht mit positiven Aussagen zu arbeiten, die dem Produkt eine höhere Bedeutung geben und ggfs unangenehme Prozesse ausblenden?

      Das wäre doch viel zu einfach gedacht. Das Private ist politisch und so muss es auch sein, wenn man sich wäscht. 😉

      Von der allgemeinen Unsinnhaftigkeit des Artikels mal abgesehen, war ich eigentlich fast noch mehr von der Herleitung des Körpers als soziales Konstrukt schockiert. Möglicherweise hatte der Text auf Hebräisch mehr Substanz, aber wie kann man bitte so ein Buch wie das von Moore und Kosut als theoretische Basis nehmen? Da hätte die Autorin auch ihr eigenes Tagebuch heranziehen können. Vielleicht bleibt mir das aber auch als nicht-Sozialwissenschaftler für immer verschlossen.

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      • Das ist denke ich eine klassisches Problem von In-Sich-Verweisen. Sie geben das Gefühl einer abgesicherten Theorie, die Grundaussagen werden gar nicht mehr hinterfragt, sondern vorausgesetzt.

        Hat sich so etwas erst einmal etabliert, dann ist es schwer wieder raus zu bekommen vermute ich mal, gerade in einem Bereich, wo viel Interpretationsspielraum wie beim sozialen verhalten ist.

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