Andre Teilzeit versteht nicht: Feminismus

Die deutsche Youtube-Landschaft bestand für mich bisher ja immer aus schlechten Comedy-Videos, künstlichem Drama und Schminktipps. Umso überraschter war ich, als ich auf folgendes Video gestoßen bin:

Nach den ersten 30 Sekunden wissen wir jetzt also: Der Andre ist ein Mann und ein Feminist. Die Begründung für Letzteres: „Das ist nicht mal schwer, also warum eigentlich nicht?“ Puh…

Dass uns hier ein argumentatives Schwergewicht unter den missionarischen Botschaften erwartet, kündigt sich also schon aus weiter Ferne an. Andre hat 5 Punkte vorbereitet, an denen er der Welt erklären will, wie und warum man als Mann ein Feminist sein sollte:

  • Punkt 1: Male Privilege

Schon die erste Analogie, die Andre hier präsentiert, verursacht Stirnrunzeln:

Male Privilege […] da tun manche Männer so, als würde man ihnen irgendwas wegnehmen wollen. Aber als Tierrechtler will ich dir ja auch keine Menschenrechte wegnehmen.

Andre vermischt hier (bewusst oder unbewusst) zwei unterschiedliche Konzepte. Rechte und Privilegien, das sollte auch dem naivsten Youtuber klar sein, sind nicht äquivalent. Während Rechte universell gelten, als jedes Individuum einer Gesellschaft betreffen, so sind Privilegien kollektive Rechte bzw. besondere Rechte, die nur für eine bestimmte Personengruppe gelten. Was möchte uns Andre hier also sagen? Dass es ok ist Kollektiv-Rechte zu haben/zu vergeben?  Immerhin möchte er diese ja nicht „wegnehmen“?

Weiter im Video:

Aber es ist halt erst mal wichtig sich seiner eigenen Vorteile bewusst zu machen, damit man sie dann auch auf Frauen anwenden kann und hofft, dass sich das auf andere überträgt.

Neben dem kruden Satzbau, wirkt auch der Inhalt etwas unklar. Handelt es sich bei den genannten Privilegien um etwas, dass man einfach so weitergeben kann? Und noch wichtiger: Warum sollte man das tun wollen? Offenbar hat Andre tatsächlich kein Problem mit besonderen Rechten für Personengruppen, sondern ist nur mit der Verteilung dieser Sonderrechte unzufrieden. Er erläutert seinen Punkt mit einigen Beispielen:

Wenn du als Mann bei etwas versagst, wird nicht dein ganzes Geschlecht dafür verantwortlich gemacht.

Please tell me more.

Deine Wahrscheinlichkeit sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zu erleben ist wesentlich geringer.

Die quantitative Aussage ist korrekt. Wenn man 16% statt 25% als wesentlich geringer einordnen möchte. Es wäre mir neu, dass man die von einem Unrecht betroffene Minderheit vom Tisch fallen lassen kann, weil es eine Mehrheit gibt, derer das gleiche Unrecht getan wird. Da Andre aber ja offenbar eine Tendenz zur Befürwortung von Kollektiv-Rechten hat, wundert mich das wenig.

Wenn du keine Kinder bekommst, wird deine Männlichkeit nicht in Frage gestellt.

Noch nie davon gehört. Absurde Vorstellung.

Du musst dir keine Gedanken machen ob deine Kleidung etwas über sexuelle Verfügbarkeit aussagt.

Stimmt. Die Wahl, sich „sexy“ am Arbeitsplatz zu kleiden hat ein Mann nämlich auch gar nicht. Typisches Beispiel von „Mehr Freiheit = Diskriminierung“.

Wenn du redest, wirst du seltener von Frauen unterbrochen, als Frauen von Männern unterbrochen werden.

[Citation Needed]

 

  • Punkt 2: Achte auf deinen Sprachgebrauch

Als Feminist soll man auf  die Verwendung von Worten wie „Friendzone“, „Schlampe“, sowie „Hure“ verzichten (weil Slut-Shaming) und auf „Doppelstandards“ im Sprachgebrauch achten. Interessant, dass Andre das auch sogleich demonstriert, in dem er sich nur auf Sprachstereotypen bezieht, die Frauen betreffen.

 

  • Punkt 3: Hinterfrage Geschlechterrollen

Andre liebäugelt offensichtlich auch mit der Idee des Geschlechts als soziale Konstruktion. Blöd nur, dass rein konstruktivistische Modelle flach auf dem Boden aufschlagen, wenn man sich einmal empirische Daten anschaut. Es folgt eine Barrage aus Strohmännern, ohne Beispiele wer oder welche Teile der Gesellschaft diese Ansichten von solchen überspitzten Geschlechterstereotypen haben. Aber immerhin gibt es einen Pluspunkt dafür, dass er sich diesmal nicht nur auf Frauen bezieht.

Interessant auch der letzte Satz in diesem Video-Abschnitt:

[…]aber das kommt alles aus deinem Kopf und ist nicht bei deiner Geburt aus deinem Penis oder deiner Vagina geschossen.

Evolution stops at the neck. Hormone und so ’nen Quatsch… pff. Keine Relevanz für neuroplastische Veränderungen.

  • Punkt 4: Sorge für Respekt und Einvernehmlichkeit

Was auch immer dieser Punkt mit Feminismus zu tun haben soll, verrät uns Andre nicht. Sein Beispiel über Männer, die ungefragt Getränke ausgeben und angeblich nur aufgeben, wenn Frau sagt „Ich habe einen Freund“, zeigt nicht, dass solche Männer nur andere Männer respektieren, sondern das human mating strategies dem Effekt des Geschlechtsdimorphimus unterliegen. Wenn diese Strategie nicht zumindest in einigen Fällen zum Erfolg führen würde, dann würden wir dieses Verhalten auch nicht beobachten können. Das rechtfertigt zwar so eine „Respektlosigkeit“ nicht, jedoch lässt daraus auch keine Aussage über die Gesamtheit des männlichen Geschlechts (vgl. Male Privilege) ableiten.

  • Punkt 5:  Beachte deinen physischen und emotionalen Platz

Wenn zwei Menschen verschiedenen Geschlechts auf der Straße aufeinander zulaufen, dann ist es wahrscheinlicher, dass die Frau ausweicht als der Mann.

[Citation F*cking Needed]

Und dann kramt Andre das schon längst tote Pferd namens „Manspreading“ hervor, um diesem noch einmal so richtig eine zu verpassen. Wenn selbst feministische Autoren schon die Nase voll haben von dieser Nichtigkeit zu hören, dann sollte man vielleicht seinen eigenen Standpunkt noch einmal evaluieren.

Was lernen wir also aus diesem kurzen Youtube-Abenteuer? Die schlechten Comedy-Videos, das künstliche Drama und die Schminktipps sind vielleicht doch gar nicht so übel.

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11 Gedanken zu “Andre Teilzeit versteht nicht: Feminismus

  1. „Der Andre ist ein Mann….“

    Bitte keine Binärismen!!elf Seinen Tweets (https://twitter.com/andreteilzeit) und seinem Video-Kanal (https://www.youtube.com/channel/UCFCQ4btMtoUPZsYgqEL5cMQ) entnehme ich, daß er einen Kampf dagegen führt, einem bestimmten Geschlecht zugeordnet zu werden („Gender is over“, was mich an diesen Comic erinnert) und vermutlich ca. als Geschlecht Nr. 25 von den 68 Facebook-Geschlechtern identifiziert. Ob er überhaupt weiß, was „Gender“ bedeutet? Schwer zu sagen.

    „argumentatives Schwergewicht“

    Die Argumentationsfehler sind alle richtig beschrieben, OK, Nur geht das leider völlig am Thema vorbei. Ich würde das Video mit einer Art Messe vergleichen, in der Vorurteile der sozialen Heimatgruppe gebetet werden (mehr oder weniger radikale Feministen sind die Zuschauer vermutlich schon vorher) und Gruppenidentität hergestellt wird und man sich gegenseitig versichert, gut und edel zu sein. Logik spielt keine Rolle, stört höchstens und ist sowieso ein patriarchales Konstrukt zur Unterdrückung der Frauen und LGBTyxz. Rationale Diskussionen auf der Sachebene erscheinen hier prinzipiell zum Scheitern verurteilt.

    Am unwohlsten ist mir bei der Beobachtung, daß der/die/das Teilzeit sich als Psychotherapeut betätigt („Wie helfe ich Menschen mit Suizidgedanken?“). Das sollte er lieber Profis überlassen.

    Gefällt 1 Person

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