Emanzipation als Markenprodukt

Wie es einst dem Punk erging – von der anti-gesellschaftlichen und anti-kapitalistischen Gegenbewegung zum T-Shirt Aufdruck – so findet sich auch der emanzipatorische Feminismus bereits seit längerer Zeit  in der Palette diverser Produktreihen wieder. Ob es sich hier nun um toxische „Male Tears“-Tassen handelt oder es um, auf der Oberfläche zahm erscheinende, aber aufgrund der ausbeuterischen Herstellungshintergründe zutiefst verstörende, „This Is What A Feminist Looks Like“-Shirts geht: Wer sich emanzipiert fühlt, der zeigt das in dem er einem Milliarden-Unternehmen Geld in den Rachen wirft. Man ist sich ja selbst für nichts zu schade.

Jetzt gibt es aber einen gravierenden Unterschied zwischen den „Subkulturen“ Punk und Mainstream Feminismus. Letzterer findet es nämlich gut, dass man die eigenen Ideale verraten hat und zum Markenprodukt geworden ist. Zumindest bekommt man den Eindruck, wenn man folgendes liest:

Denn durch Frauen wie Beyoncé oder Emma Watson hat ein neuer, plakativer Feminismus den Mainstream erreicht.

Diesen Satz finden wir in einem Artikel auf bento, verfasst von Judith Brachem, mit dem etwas irreführendem Titel „Wie der Feminismus die Fashion-Industrie prägt“. Frau Brachem scheint nur irgendwie zu verwechseln, wer hier eigentlich wen „prägt“ bzw. für seine Interessen missbraucht.

Die „Fashion-Industrie“ hat also jetzt den Feminismus als Marketing-Tool für sich entdeckt. Wenn man es so ausdrückt, klingt das aber eher negativ. Daher wird die Narration einfach so lange in die gewünschte Richtung gebogen, bis man nachher kein schlechtes Gewissen haben muss, weil man ja eigentlich nur auf die moderne Form eines Schlangenöl-Händlers reingefallen ist und zusätzlich auch noch unmenschliche Arbeits- und Produktionsbedingungen in Entwicklungsländern finanziert hat.

Ich glaube nicht, dass es auf diesem Planeten eine Maschine gibt, die die Menge an kognitiver Dissonanz berechnen könnte, die in diesem Artikel steckt: Die „unterdrückte Klasse“ trägt Kleidung mit der Botschaft ihrer eigenen Emanzipation auf der Brust…

So ganz klar ist Frau Brachem ihr eigener Standpunkt aber wohl offenbar selbst nicht, denn einige Abschnitte ihres Artikels stehen sich doch eher diametral gegenüber. Zum einen schreibt sie:

Viele Feministinnen machten sich danach Sorgen um den richtigen Umgang mit dem Thema. Bloggerin Susie Lau von Style Bubble fragte in ihrem Blog: „Was auch immer Karl Lagerfelds wahre Meinung über Feminismus ist, es ist schwierig, den Überzeugungen einer Gruppe uniformer Frauen zu glauben, die ein unrealistisches Frauenbild verkörpern und solche Sprüche hochhalten, gleichzeitig aber Sachen tragen, die unerhört teuer sind. Wieso machst du das, Karl? Um der Kontroverse willen? Für mehr Likes auf Instagram? Ich nehme an, dass es eine Mischung aus beidem ist.“

Aber andererseits ist das alles ja gar nicht so schlimm, denn:

Natürlich kann es sein, dass Designer und Unternehmen den Feminismus nur ausnutzen, um den Konsum anzukurbeln. Aber passiert dadurch nicht auch gleichzeitig das Gegenteil? Der Feminismus profitiert davon, endlich einmal Aufmerksamkeit von einem großen Publikum zu bekommen. Das angestaubte Image ist weg, Feminismus findet jetzt auch als Print auf T-Shirts und als Schnappschuss auf Instagram statt.

Natürlich, Sprüche auf überteuerten Oberteilen wie „Mind Your Own Uterus“, „More Feminism – Less Bullshit“ oder „Ladies First“ schreien ja gerade zu die Ideale der gern zitierten Wikipedia-Definition von Feminismus in die Welt hinaus. „But it’s about equality between the sexes!!!111“

Und natürlich fehlen die üblichen Worthülsen nicht: Jede(r) darf mitmachen, jede(r) ist perfekt so wie sie/er ist, jede(r) kann alles erreichen. Oh achja, die Männer dürfen wir dabei natürlich nicht vergessen. Die kriegen den entsprechenden Partnerlook verpasst mit Aufdrucken wie „Gender Equality“, „Radical Feminist“ oder „Women Power“. Doppelt abkassieren; man kann es ja zumindest mal versuchen.

Am Ende wird eigentlich klar, worum es hier geht:

Anstatt uns also in Perfektion zu uniformieren, kleiden wir uns in Girlpower.

Man schlüpft also aus der einen Uniform in die nächste. Der Anstrich gefällt einem jetzt vielleicht etwas besser, aber dafür ist auch die Geldbörse deutlich leichter. Die autoritäre Vorgabe bleibt jedoch die gleiche: „Wir sagen dir was richtig ist und es wäre besser wenn du dich dran hältst.“ Nestbeschmutzerinnen werden nämlich auch weiterhin nicht geduldet.

Konformität ist Individualität. Orwell lässt grüßen.

 

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