Feminismus und die Nichtigkeiten

Das 21. Jahrhundert. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist erreicht, die Vernunft hat gesiegt, die letzten Überreste der alten, bigotten Weltordnung werden erbittert gejagt. Überraschenderweise haben scheinbar einige der „sozialen Gerechtigkeitskrieger“ (vgl. social justice warrior, SJW) das Memo über diesen Sieg nicht bekommen. Anders lässt es sich zumindest nicht erklären, warum weiterhin ein Kampf ohne ersichtlichen Feind geführt wird.

Kommen wir also zu Margarete Stokowski, die, neben Liebesbriefen an kanadische Premierminister, einmal wöchentlich ihre oftmals grammatikalisch etwas konfus verfassten Gedanken über allerlei „popkulturelle“ Ereignisse bei Spiegel-Online veröffentlichen darf. Großartig, was sich da lesen lässt:

Es ist 2016 und man könnte denken, Frauen könnten völlig normal vor sich hin leben. Mitnichten! Immer noch werden sie ständig beurteilt – dafür, wie sie reden, rumstehen oder rumtun.

Obwohl die Erwartungen an diese Kolumne bereits jetzt schon in astronomische Höhen schießen, so wird man doch im Anschluss an diese einleitenden Worte bitter enttäuscht: Eine britische Pop-Sängerin hat kurzfristig die Contenance verloren, eine US-amerikanische Wettermoderatorin soll sich vor laufender Kamera eine Jacke überziehen, eine Sportjournalistin wehrt sich gegen die Verbreitung eines peinlichen Fotos, Laurie Penny popelt live auf der Bühne und bei laufender Kamera in der Nase und eine Autorin fühlt sich angegriffen, weil in einem Artikel der Welt auf ihre „nichtnormative“ Körperform Bezug genommen wird. So weit, so gähn.

Jetzt könnte man meinen, dass alle diese tragischen Fälle, bei denen jeweils einer Einzelperson Unrecht (im allerweitesten Sinne des Wortes) getan wurde, nicht weiter erwähnenswert sind und schon gar nicht als Nachweis für eine vermeintliche Diskriminierung einer mehrheitlichen Bevölkerungsgruppe herangezogen werden. Falsch gedacht! Denn wie bereits in der Einleitung erwähnt, befinden wir uns im 21. Jahrhundert. Den meisten selbsternannten FeministInnen fehlen die Drachen zum Erschlagen. Die eigene Existenzberechtigung muss aber dennoch aufrechterhalten werden und so wird ununterbrochen nach Nichtigkeiten gegraben und gebohrt. Und so lässt sich jede noch so geringe Kleinigkeit in einem Artikel verwursten, aufblähen und mit einem inflammatorischen Schreibstil verbinden, um die Klickzahlen in die Höhe zu treiben. Ob die Klicks von Befürwortern oder lautstarken Gegnern kommen ist in jedem Fall egal, Werbegeld stinkt nicht.

Jetzt könnte man mit dieser oberflächlichen Betrachtung enden und sich wieder relevanteren Dingen des Lebens widmen. Verübeln würde ich es niemanden. Jedoch lässt das Beispiel von Frau Stokowskis Kolumne eine interessante Betrachtung der Metaebene zu. Denn was einem hier argumentativ präsentiert wird, ist nicht anderes als eine Variante des Fehlschlusses aus anekdotischer Evidenz. Die Logik dahinter ist so einfach, wie sie falsch ist: Hier sind ein paar isolierte Beispiele von Ungerechtigkeiten gegen Einzelpersonen die zufälligerweise dem gleichen Geschlecht zuzordnen sind. Die Schlussfolgerung daraus ist eine allgemeine Diskriminierung der Gesamtheit dieses Geschlechts. Das hier jedoch kein kausaler Zusammenhang vorliegen muss, geschweige denn von der Autorin nachgewiesen wird, scheint keine Relevanz zu haben. Es zählt nur die Narration, nicht die Empirie.

Wenn man noch einen Schritt weitergeht, fällt ein weiterer argumentativer Fehlschluss auf. Das „Rosinenpicken“ (vgl. cherry picking) ist eine gern genutzte Taktik, um die eigene Position vermeintlich zu stärken. Es lässt sich nahezu immer der Eindruck eines Kausalzusammenhangs konstruieren, wenn nur die Daten richtig auswählt werden. Dass sich aber vermutlich im gleichen Zeitraum, in der die von Frau Stokowskis genannten Ereignisse vorgefallen sind, genauso viele Beispiele von männlichen Personen finden lassen denen vergleichbares Unrecht getan wurde, würde die Narration bröckeln lassen.

Dies sind nur zwei von den immer wieder auftauchenden logical fallacies, die sich vor allem in der Geschlechterdebatte finden lassen und allzu oft unangefochten im Raum stehen bleiben. Wird diese Form der Narration nur oft genug wiederholt, so brennt sie sich ins Gedächtnis ein. Denn was so oft wiederholt und von so vielen Leuten gesagt und geschrieben wird, kann ja nicht falsch sein. Oder doch?

 

 

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12 Gedanken zu “Feminismus und die Nichtigkeiten

  1. Diese ganze Sexismus-Hysterie würde ohnehin sofort wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen, würde man an Männer und Frauen die gleichen Maßstäbe anlegen. Denn während „Sie füllen das Dirndl aber gut aus“ Anlass für eine monatelange Debatte in den Medien liefert, erntet die Tatsache, dass man z.B. über Amazon ganz normal und selbstverständlich von Frauen geschriebene Bücher kaufen kann, in denen die massenweise Vergasung von Männern gefordert wird, allenfalls ein Schulterzucken. Zu verlangen, dass man Sexismus ggü. Männern und Frauen gleich beurteilt, ist aber wahrscheinlich voll sexistisch. Letzteres einen Zirkelschluss zu nennen auch. Logik ist ja generell ein patriarchales Unterdrückungsinstrument. Und überhaupt, wer Feministen widerspricht und kritisiert hat ein kleines Genital und ist ein hässlicher Neckbeard, der noch bei Mutti im Keller wohnt.

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    • Diese Ungleichbehandlung der Geschlechter und das „Ach, das kommt von einer Frau? Da drücken wir mal ein Auge zu“ ist vermutlich sehr tief in uns als Spezies verwurzelt. Das bedeutet aber natürlich nicht, dass man hier nicht gegen arbeiten kann, um mehr Gleichberechtigung und erhöhte Aufmerksamkeit für die invidiuellen Geschlechterprobleme zu schaffen. Aber das Wissen darüber kann zumindest eine Erklärung bieten, warum, wieso und weshalb es so ist, wie es ist. In zukünftigen Posts werde über die Wissenschaft dahinter noch genauer eingehen (Stichtwort Evolutionspsychologie). 🙂

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  2. Das Problem von Stokowski sind nicht ihre logischen Spasmen, sondern Sinnkrise nach vollständiger Durchsetzung aller feministischen Ziele (außer Guerilla nichts gelernt). Ihre Stilblüten betrachte ich als Verzweiflungstaten.

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  3. Und wehe, es kommt ein Mann mit „richtigen“ Problemen daher (und davon gibt es genügend viele Beispiele) und schriebe auf ähnliche Weise darüber. Mehr als ein „Mimimi“ aus der Feministischen Ecke wäre hier leider nicht zu erwarten…

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  4. Hallo und Willkommen!
    Ähnlich hatte ich auch gedacht als ich diesen Artikel las, es gibt ein Video vom Bundestrainer in dem er popelt 🙂
    Das Adelebeispiel fand ich noch lächerlicher, sie ist wütend geworden (zurecht) und darüber haben die Zeitungen geschrieben. Am besten scheint es wenn Zeitungen überhaupt nicht mehr über Frauen schreiben…
    Doch was noch fehlt ist, genau diese Bewegung bewertet aber Männer, bitte nicht oben ohne rumlaufen, Mansplaining, Manspreading, die schauen auf den PO etc. etc. etc.
    Gruss
    Kai

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  5. Willkommen im Club!

    „so wird ununterbrochen nach Nichtigkeiten gegraben und gebohrt.“

    Die Konstruktion sozialer Probleme ist das Geschäftsmodell weiter Teile des real existierenden Feminismus, vor allem derjenigen Aktivisten, deren Einkommen von der Existenz dieser Probleme abhängt.
    Darüber sollte mal ein Soziologe promovieren 😉

    „Dies sind nur zwei von den immer wieder auftauchenden logical fallacies …“

    Die gibt es reihenweise, ich bzeichne das inzwischen nur noch als Doublespeak. Zugegebenerweise kann man in einer sozialen Bewegung nicht verhindern, daß alle möglichen Leute mitreden und ggf. ziemlichen Blödsinn verzapfen, das Problem gibt es auf beiden Seiten. Allerdings darf man bei Vorzeigefiguren wie Stokowski einen strengeren Maßstab anlegen.

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    • Zuerst einmal vielen Dank für deinen Kommentar und den Verweis auf deinen Blog. Werde ich mir ebenfalls zu Gemüte führen. 🙂

      „Die Konstruktion sozialer Probleme ist das Geschäftsmodell weiter Teile des real existierenden Feminismus, vor allem derjenigen Aktivisten, deren Einkommen von der Existenz dieser Probleme abhängt.“

      Hier stimme ich dir vollkommen zu: Der finanzielle Anreiz/Zwang ist natürlich ein hoher Motivator, um künstliche Probleme zu schaffen, die dann wieder die eigene Arbeit rechtfertigen Weiterhin wäre das Eingestehen, dass man seinen Lebens-/Karriereweg auf einer Seifenblase aufgebaut hat, die bei genauerer Betrachtung zerplatzt, für viele doch ein zu heftiger Schock und eine zu große Peinlichkeit. Aus dem Grund wird natürlich nach jedem Strohhalm gegriffen.

      „Zugegebenerweise kann man in einer sozialen Bewegung nicht verhindern, daß alle möglichen Leute mitreden und ggf. ziemlichen Blödsinn verzapfen, das Problem gibt es auf beiden Seiten.“

      Sicherlich, aber hier muss jede soziale Bewegung/Gruppierung auch dazu bereit sein, das eigene Haus sauber zu halten. Es muss ein klare Abgrenzung zu denen erfolgen, die die Diskussion vergiften. Wenn das nicht passiert, dann drängen die Lautesten automatisch irgendwann an die Spitze und bestimmen den Diskurs, sowie das Bild nach außen. Im Fall von Frau Stokowski würde ich sagen, dass dieser Prozess in feministischen Kreisen schon im vollen Gange ist.

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      • „…dazu bereit sein, das eigene Haus sauber zu halten“

        So ist es, und das ist eine Menge Arbeit, nochmal willkommen im Arbeiterclub 😉
        Der Begriff „sauber“ nicht so ganz eindeutig, das führt immer wieder zu Streigkeiten, die auf die grundlegenden ideologischen Standpunkte zurückzuführen sind, z.B. ob man „links“ oder „rechts“ steht oder in welcher Ecke des politischen Wertedreiecks. Bei Interesse: auf https://man-tau.com/ läuft gerade eine Diskussion zu dem Thema: Linke Männerpolitik, organisierte Liebe und lechte Illtümel

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      • An der sprachlichen Unschärfe muss ich auf jeden Fall auch selbst noch arbeiten. 😉 Ich würde mich grundsätzlich erst einmal von der politischen X-Achse (Links/Rechts) fernhalten und mich wenn überhaupt auf der Y-Achse (Liberal/Autoritär) festlegen. Politische Ränkespiele lenken nur allzu oft von den eigentlichen Problemfragen ab (Stichwort: roter Hering). Pragmatische Betrachtungen auf Basis empirischer Beobachtungen und daraus folgende ebenso pragmatische Lösungen liegen mir näher.

        Vielen Dank für den Hinweis! Ich hab offenbar noch einiges an digitalem Lesematerial vor mir. 😀

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      • Hallo, wenn Du oben schreibst „Hier stimme ich dir vollkommen zu: Der finanzielle Anreiz / Zwang ist natürlich ein hoher Motivator, um künstliche Probleme zu schaffen, die dann wieder die eigene Arbeit rechtfertigen“, dann ist Dir vielleicht nicht aufgefallen, daß Du Dich mit diesem (völlig richtigen) Zugeständnis an mitms Hinweis auf „Feminismus als Geschäftsmodell“ ein Stück weit von Deiner obigen Position wegbewegst.

        Ganz oben schreibst Du: „Überraschenderweise haben scheinbar einige der „sozialen Gerechtigkeitskrieger“ (vgl. social justice warrior, SJW) das Memo über diesen Sieg nicht bekommen. Anders lässt es sich zumindest nicht erklären, warum weiterhin ein Kampf ohne ersichtlichen Feind geführt wird.“ Ich würde eher sagen – und vielleicht stimmt mitm mir da ansatzweise zu -: Natürlich haben Feministen und SJW das Memo über den Sieg bekommen: Seit den 1980er Jahren ist ihnen völlig klar, daß Frauen in der westlichen Welt deutlich privilegiert gegenüber Männern sind. Ihren Kampf führen sie trotzdem weiter – unvermindert: um des Profits willen, wozu sonst?

        Ich finde es auch eher irreführend zu sagen: „Den meisten selbsternannten FeministInnen fehlen die Drachen zum Erschlagen.“ Keiner Feministin fehlt irgend ein Drache – sie braucht nämlich keinen. Es reicht für ihre Zwecke völlig, daß einer US-amerikanischen Wettermoderatorin vor laufender Kamera eine Jacke zum Überziehen angeboten worden ist. Diese Lappalie läßt sich aufbauschen zur totalen Diskriminierung aller Frauen – sogar vor laufender Kamera! Wer braucht da bitteschön noch einen Drachen? Das kollektive Schuldbekenntnis der Männlichkeit ist garantiert.

        Wenn ich mir die verschiedenen Blogger und die Beiträge in den jeweiligen Blogs anschaue, dann würde ich sagen: mitm hat hier schon den richtigen Riecher. Es gibt nur wenige, welche die organisatorischen und vor allem monetären Triebfedern hinter dem Feminismus so gut durchschauen und offenlegen wie er … Es hat eben nichts mit Verblendung und Fanatismus zu tun – es geht beim Feminismus (fast nur) um Kalkül und Profit.

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      • „… Es hat eben nichts mit Verblendung und Fanatismus zu tun – es geht beim Feminismus (fast nur) um Kalkül und Profit.“

        Ich stimme dir da teilweise zu. Wie in jeder Bewegung gibt es eben solche und solche. Mit Sicherheit sind einige der Akteure nur deshalb auf den Feminismus-Zug aufgesprungen, weil sich damit leichtes Geld verdienen lässt (Anita Sarkeesian ist ja das beste Beispiel dafür). Aber es gibt auch genügend Frauen und Männer, die sich zutiefst ideologisch verbarrikadiert haben und hauptsächlich daraus ihre Motivation schöpfen. Das Geld nehmen sie natürlich gerne dankend an, aber ich denke, dass diese Leute wirklich daran glauben, dass sie etwas Gutes tun und die Welt verbessern, in dem sie sich über Manspreading, Mansplaining und zu stark eingestellte Klimaanlagen in Büros beschweren. Es handelt sich hier meiner Beobachtung nach um eine Mixtur aus beidem, bei der man nicht immer sofort erkennt, was der eigentliche Motivator ist. 🙂

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